Wallraff bei Maischberger: "Ich bin zwei Menschen gewesen"
Maischberger-Sendung über den Journalisten Der wundersame Wallraff
Egomane oder moralische Instanz, Denunziant oder moderner Robin Hood? Es sind gewaltige Pole, zwischen denen der Gast eingeordnet werden soll, aber Günter Wallraff fühlt sich in keiner Zuschreibung erkannt. Er sei vielmehr von Selbstzweifeln geplagt, erzählt er seiner Gastgeberin Sandra Maischberger in der WDR-Sendung "Ich stelle mich", einer Neuauflage der alten Sendung.
Woher die Selbstzweifel stammen, bleibt indes offen. Auch mit dem Begriff Stolz könne er wenig anfangen, sagt Wallraff weiter. Er verspüre aber eine "gewisse Genugtuung" über die Wirkung seiner Enthüllungen, die ihn immer wieder staunen lasse.
Trotz Jahrzehnten voller Wallraff-Recherchen gilt es auch heute noch, schlechte Arbeitsbedingungen anzuprangern. Zuletzt deckte das "Team Wallraff" bei RTL prekäre Arbeitsbedingungen bei Burger King und Zalando auf. Der 72-Jährige ist bei dem Format eine Art Berater seines eigenen Nachwuchses.
Eine prägende Rolle für Wallraffs Karriereweg spielte die Bundeswehr: Nachdem er trotz Verweigerung eingezogen worden sei, habe er für die Jugendzeitschrift "Twen" ein Bundeswehr-Tagebuch über die "Willensbrechungsmethoden" geführt. Die Konsequenzen hat die WDR-Redaktion im Militärhistorischen Museum Dresden aufgetan: In einem Gutachten über den Soldaten Wallraff heißt es, dieser sei ein "Sonderling" mit einer "hoch-abnormen Persönlichkeit". Die Bundeswehr habe damit seine Berichte und Person unglaubwürdig machen wollen, sagt Wallraff.
Ein bisschen gespaltene Persönlichkeit
Dabei ist es eben diese Aura, von der eine Faszination ausgeht: Ein bisschen wundersam ist er, muss er wohl sein, denn er hat sich die Dinge nicht nur erzählen lassen, um darüber zu berichten - er hat sie wirklich selbst erlebt. Die daraus entstandenen Reportagen haben die Öffentlichkeit sensibilisiert - für das Menschenverachtende der "Bild" ebenso wie für die Rechtlosigkeit ausländischer Hilfsarbeiter - und ihren Autor zum Vorbild ganzer Journalistengenerationen gemacht.
Ein bisschen gespaltene Persönlichkeit kann dem Ansehen also nicht schaden, im Gegenteil: Wallraff erinnert sich, in seinen fremden Identitäten geträumt zu haben, "ich bin zwei Menschen gewesen" unter "enormer Anspannung".
Zum Konzept der Sendung gehören Wegbegleiter - im Guten wie im Schlechten. Der Fotograf Günter Zint, in den Sechzigerjahren Gründer der "St. Pauli Nachrichten", einem überzeichneten linken Gegenentwurf zur "Bild", beschreibt seinen Freund als "unwirsch" und "getrieben", Wallraff sei kein einfacher Mensch.
Anschließend bittet Sandra Maischberger ihren Gast, berühmte Persönlichkeiten zu kommentieren. Gandhi? "Ein großes Vorbild." - Franz Josef Strauß? "Verhinderter Diktator und Möchtegern-Faschist." Gerhard Schröder? "Hat die Seele seiner Partei verraten und verkauft." Christian Wulff? "Medienopfer." Norbert Blüm? "Respekt, aber in der falschen Partei."
Laudatio statt "Ich stelle mich"
Es dürfte Wallraff kaum überrascht haben, dass nicht Schröder oder Wulff, sondern eben Norbert Blüm als nächster Gast auftritt: Beide haben schon gemeinsam für Betriebsräte gekämpft. Blüm spricht direkt zu seinem Freund, den er "für einen guten Menschen" hält. Es klingt wie eine Laudatio, unter "Ich stelle mich" stellt man sich etwas anderes vor.
Entsprechend folgt auf Blüm ein "Duellant", wie Maischberger den streitbaren Chefredakteur der "Wirtschaftswoche", Roland Tichy, ankündigt, ehe sie sich ins Studiopublikum zurückzieht. Wallraff und Tichy bleiben zurück, stehen sich nun gegenüber, auf Tische gestützt. Tichy versucht es mit Provokation: Früher seien Wallraffs Enthüllungen groß gewesen, heute gehe es - man erinnere sich: Burger King - nur noch darum, dass der Salat nicht mehr so frisch sei.
Wallraff lässt sich nicht locken, dabei ist die Frage im Kern berechtigt: Seine Recherchen als türkischer Gastarbeiter Ali für das Buch "Ganz unten" hatten Gesetzesänderungen und verschärfte Sicherheitsbestimmungen am Arbeitsplatz zur Folge. Heute ist es wenigstens heikel, wenn das "Team Wallraff" über Mobbing in Fastfood-Filialen berichtet und kurz darauf der SPIEGEL bekannt macht, dass Wallraff früher gegen Bezahlung bei Veranstaltungen des Konkurrenten aufgetreten ist.
Tichy sagt noch, ohne konkretere Angabe eines Zeitraums oder einer Branche, dass zwei Millionen Arbeitsplätze entstanden seien. Ob das denn alles schlecht sei? Wallraff ist zurecht etwas irritiert. Statt eines intellektuellen Streitgesprächs ist diese Konfrontation unsinnig, sie ist arg konstruiert, nicht fundiert.
Zuletzt verweist Sandra Maischberger ihren Gast des Studios - damit der sich umziehen kann. Währenddessen kommt Jörg Roßkopf, ehemaliger Weltklasse-Tischtennisspieler und heute Bundestrainer, für eine Partie mit dem passionierten Hobbyspieler Wallraff vorbei. Der schlägt sich wacker, wenn auch ganz untypisch: Er spielt defensiv.