Sandra Maischberger zu Würzburg: "Man wird nicht über Nacht Terrorist" - DER SPIEGEL
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"Maischberger"-Talk zu Würzburg "Man wird nicht über Nacht Terrorist"

Sandra Maischberger hat mit ihren Gästen über den "neuen Terror" diskutiert: Dabei erklärte Renate Künast ihren umstrittenen Würzburg-Tweet - und Wolfgang Bosbach, warum er sein Leben nicht ändern werde.
Bosbach, Maischberger, Künast
Bosbach, Maischberger, Künast

Bosbach, Maischberger, Künast

Foto: WDR/ Max Kohr
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Die Verstörung ist groß - und die Ratlosigkeit ebenso. "Der Anschlag von Würzburg: Sind wir dem neuen Terror schutzlos ausgeliefert?", fragte Sandra Maischberger mit fast erwartbarem alarmistischem Timbre. Es ging im TV-Studio also um den Axt-Angriff des 17-jährigen Flüchtlings Riaz Khan Ahmadzai. Im Verlauf der Sendung wurde deutlich, dass nicht alle aktuellen Fragen und Antworten sich wesentlich von denen unterscheiden, die auch in den bisherigen Runden zum Dauerthema Terrorismus oft genug gestellt und selten abschließend geklärt wurden.

Was können Prävention und Integration gegen die Radikalisierung ausrichten? Reichen die bisherigen Sicherheitskonzepte? Weshalb ist es so schwer, das Abdriften in die ideologischen Fänge des IS beizeiten zu erkennen?

Vor allem Ahmad Mansour, Diplompsychologe israelisch-arabischer Herkunft, konnte bei diesen Fragen Aufklärungsarbeit leisten - auch wenn das nicht alle gern hören mochten. Zum Beispiel die Grüne Renate Künast.

Die hatte mit ihrem nächtlichen Tweet zu Würzburg ("Wieso konnte der Angreifer nicht angriffsunfähig geschossen werden????") einen Shitstorm im Netz ausgelöst, nun gab es auch im Studio Kritik: Sat.1-Journalist Claus Strunz hielt ihr vor, alle deutschen Polizisten beleidigt zu haben. Künast wies das zurück. "Unsere Demokratie hält das aus, da darf man so was fragen. Es kann nicht eine Frage der Uhrzeit sein."

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CDU-Politiker Wolfgang Bosbach mochte gegenüber Strunz nicht nachstehen, er nutzte die Gelegenheit für ein paar Seitenhiebe: auf die grünen Relativierer; später auch, assistiert von Strunz, auf die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin. Schließlich brachte er es so auf den Punkt: Es dürften nicht länger die Formeln gelten, das alles habe weder mit dem Islam noch mit den Flüchtlingen zu tun.

Doch wie vollzieht sich nun die sogenannte Selbstradikalisierung? Während Bosbach lediglich beizusteuern wusste, die Gefährder lebten meist unauffällig, kritisierte der Terrorismus-Experte Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik, die Sicherheitsbehörden machten es sich mit ihrem Befund der "Turboradikalisierung" oftmals zu leicht: "Man wird nicht über Nacht Terrorist."

Mansour, der Aussteiger aus der Islamistenszene berät, pflichtete bei und sprach von einem Prozess, der nur durch sehr genaues Hinsehen erkannt werde. Illusionslos warnte er vor der drohenden Radikalisierung einer ganzen muslimischen Generation in Deutschland ("Die moderne Moschee ist das Internet") und äußerte Zweifel, dass die Politik bereits begriffen habe, vor welcher enormen Integrationsaufgabe sie stehe.

"Der Beitrag macht mich wütend"

Steinberg vertrat die These, dass sich Taten wie die von Nizza und Würzburg in einem Grenzbereich von politischer Motivation und einer noch anderen wahnhaften Komponente (Stichwort: Amokläufe) vollzögen. Damit konnte Mansour, selbst Muslim, gar nichts anfangen. "Der Beitrag macht mich wütend", platzte es förmlich aus ihm heraus. Es gelte, die Dinge endlich klar zu benennen - nämlich die religiöse Komponente, die Ideologie, jenes gewisse Islam-Verständnis mit seinen patriarchalischen, lebensfeindlichen Strukturen.

Da konnte Bosbach nur zustimmen und noch einmal betonen, dass er nicht die Absicht habe, sich in die islamophobe Ecke stellen zu lassen. Überhaupt: Er wisse um potenzielle Anschlagsorte und habe Verständnis dafür, wenn sich Menschen Sorgen machten. Aber er wolle sein Leben, so wie er es bisher gelebt habe, nicht ändern, sagte Bosbach. "Wenn wir das tun, haben die Terroristen gewonnen."

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Ob der sogenannte "Islamische Staat" bereits gewonnen habe, wenn hierzulande über DEN Islam diskutiert werde, wollte Maischberger wissen. Der Terrorismus-Experte dozierte: Die Terrormiliz versuche, durch die Religion eine Brücke in die Gesellschaft zu schlagen, um sie zu spalten (siehe Pegida und AfD) und außerdem den Westen zum Eingreifen mit Bodentruppen in Syrien zu provozieren. Und klar sei, dass die Flüchtlingskrise die Sicherheitslage verschärft habe.

Judith Assländer, die als Pflegemutter minderjährige Flüchtlinge betreut, hielt tapfer dagegen. Sie warnte vor Generalverdacht und Stigmatisierung der ohnehin traumatisierten jungen Menschen und warb dafür, ihnen eine bessere Perspektive zu bieten als der IS. Aber sie hatte an diesem Abend, ähnlich wie Künast, keinen leichten Stand.

Den meinte hingegen Strunz zu haben, als er zum Schluss mit einem Sicherheitskonzept ganz eigener Art aufwartete und Anti-Terror-Kurse für alle Bürger, etwa an den Volkshochschulen, empfahl. Doch der Beifall hielt sich in Grenzen. Mansour knapp: "Das hilft nichts."