"Scream if you can" und "Einer wird gewinnen" Was tut mehr weh?
"Scream if you can" ist ein von ProSieben aus England eingekauftes Format, das zwischen "Blair Witch Project" und dem Dschungelcamp pendelt. Fünf angebliche Freunde stolpern durch einen Wald von Aufgabe zu Aufgabe ("Challenge"), um am Ende viel Geld mit nach Hause zu nehmen.
"Einer wird gewinnen" ist ganz anders. Es ist ein eurovisionäres Quizformat, von dem man inzwischen glauben könnte, dass es ohne Hans-Joachim Kulenkampff, der EWG zwischen 1967 und 1994 ganze 89-mal moderierte, niemals zur europäischen Einigung gekommen wäre. Die ARD hat das Format nun einmalig exhumiert, Jörg Pilawa vom ZDF zurückgeholt und in sehr große Schuhe gestellt.
Eine Show für Zwölfjährige und eine für Zweiundsiebzigjährige also. Wer von Alter und Gemüt her dazwischen angesiedelt ist, der hatte am Samstagabend das Vergnügen, sehr oft zwischen der aufgewärmten Vergangenheit und der Zukunft der Fernsehunterhaltung hin- und herschalten zu können. Also die Fernbedienung zur Hand und los geht der Spaß:
Zapp!
Bildunterschrift von ProSieben: "Fünf Freunde betreten bei Sonnenuntergang einen düsteren Wald. Sie haben keine Ahnung, was sie in dieser Nacht erwartet."
Foto: ProSiebenEinstweilen streifen die Kandidaten durch den Wald, um Schlüssel für fünf von "wilden" Hunden bewachte Truhen zu finden, in denen das Preisgeld versteckt ist. Es gibt Wackelkameras, versteckte Kameras und versteckte Wackelkameras, dazu von der Tonspur ein unheimlich gemeintes Grunzen, Blubbern und Brüllen. Jede Aufgabe hat ihr eigenes Tableau, jetzt zum Beispiel eine Lichtung mit gekreuzigten Vogelscheuchen. Das gefällt den Ladys nicht: "Ich hasse Vogelscheuchen! Die sind unheimlich! Alder!" - "Ich hab' voll Angst, Ladys!" - "Mega creepy, ey!"
Zapp!
"Einer wird gewinnen": Jörg Pilawa erweckt das tote Format ganz kurz zu neuem Leben
Foto: ARDAlles ordentlich, schönes Licht, saubere Kulissen, gut angezogene Kandidaten von Ornella Muti über Francis Fulton Smith bis zur Polizistin und Rodlerin Natalie Geisenberger, die ihre Goldmedaillen in die Kameras halten darf. Anwesend auch der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn. Eine Spaßkanone offenbar, sollte man doch meinen, dass der Politiker von Amts wegen womöglich besser mit der Krim-Krise beschäftigt wäre als mit Spielchen. Er hat eben erst mit seinem amerikanische Kollegen John Kerry telefoniert und hofft pflichtgemäß, dass "der Rubikon nicht überschritten wird". Worauf Pilawa versichert, man mache ja hier eine Live-Sendung, sobald da irgendwas überschritten werde, würde man darüber informieren.
Zapp!
Waldläufer bei "Scream if you can": Teens in der Geisterbahn
Foto: ProSiebenDie Waldläufer benehmen sich wie Teens in der Geisterbahn und bemühen sich, nicht zu lachen. Leute eben, die nachts mit Taschenlampen durch einen präparierten Wald stolpern und versuchen, nicht zu vergessen, dass sie gerade in einer Sendung sind. Was selbst dann leicht fällt, wenn man irgendwann in einem alten Ford sitzt, in dessen Kofferraum ein Handy klingelt und plötzlich aus der Dunkelheit ein als Transvestit verkleideter Schauspieler mit einer Keule auftaucht und die Scheiben einschlägt.
Zapp!
Der "für immer unvergessene", aber seinen Kinder ab 35, 40 unbekannte Kulenkampff
Foto: Jˆrg_Schmitt/ picture-alliance / dpaEingespielt werden alte Ausschnitte aus längst vergangenen EWG-Sendungen mit europäischen Pappmaché-Architekturen als Hintergrund. Dazu ein "für immer unvergessener" Moderator, der sich weniger für die Spiele als mehr für die ihm assistierende Weiblichkeit interessierte. Nach heutigen Maßstäben war das alles nicht korrekt. Das war es schon damals nicht, man kam damit durch. Die Nonchalance ist flöten. Danach spricht Pilawa mit Kulis Original-Assistentin Gabi, dem Objekt der typisch Kulenkampff'schen Nachstellungen. Daneben sitzt Bill Ramsey und darf eine kleine Anekdote zum Guten geben. Nicht erinnert wird an eine kurzfristige Neuauflage von 1998. Moderator damals: Jörg Kachelmann.
Zapp!
Alles wie im Horrorfilm: Gruselhaus, in dem ein Irrer haust
Foto: ProSiebenKnackende Zweige! "Scream if you can" funktioniert wie ein Computerspiel, das mit klassischen Motiven verschiedener Horrorfilme spielt, ohne eben ein Horrorfilm zu sein. Man hangelt sich von Aufgabe zu Aufgabe, etwa in der einsamen Hütte, in der augenscheinlich ein Irrer medizinische Versuche angestellt hat. Per Walkie-Talkie vom Moderator und "Verbotene Liebe"-Darsteller Thore Schölermann gefragt, wie's denn so steht, sagt der Kandidat: "Och, hier klingt's nach Blut und Verwesung, so gesehen."
Zapp!
EWG, 1984: Erfolgsshow des hessischen Rundfunks, reloaded
Foto: Jˆrg_Schmitt/ picture-alliance / dpaPilawa hält die "Originalwürfel" aus "Einer wird gewinnen" in Händen wie Reliquien: "Die lagern beim hessischen Rundfunk im Keller und werden gut bewacht." Irgendwann darf eine nerdige Inselbegabung namens Michael verschiedene Nationalhymnen nachsingen, die der immer schmerzhaft gutgelaunte und bis in den roten Bereich aufgedrehte Opernsänger Rolando Villazón erraten muss.
Zapp!
"Fuck fuck, fuck, fuck, fuck. Shit, Shit, Shit, Shit, Shit. Oh Mann, ey, Alter. Echt jetz, Digga!"
Zapp!
Die Kinder von Joachim Kulenkampff kommen vorbei und bringen den offenbar berühmten Mantel des Meisters mit. Pilawa tastet nach seinem Zipfel: "Wie war er dann so zu Hause, wenn er die Sketche geschrieben hat?", fragt er. Und: "Wie waren denn die Samstagabende, wenn EWG lief? Hat dann der Papa gefragt, wie er war?" Sein Sohn, ein erfolgreicher Radiologe, wird selten auf seinen Nachnamen angesprochen: "Da gibt es so einen Knick." Etwa ab 35, 40 Jahren wisse niemand mehr, wer der angeblich "für immer unvergessene" Kulenkampff war.
Zapp!
Moderator Thore Schölermann fragt, wie's denn so steht
Foto: ProSiebenAm Ende jeder Challenge, wenn das Geld schon im Rucksack verstaut ist, muss der Kandidat auf schlüpfrigem Boden schneller als die ihn verfolgenden Hunde rennen und einen Zaun erreichen. Je mehr Geld, desto näher sind die auf den Rucksack abgerichteten Hunde. Diese Sequenz erinnert mit Käfigen, Gittern und hohen Zäunen ein wenig an Guantanamo. Immerhin sieht man den Hunden schon an den Augen an, wie spaßig sie das finden, diesen Rucksack einfangen zu dürfen. Vergnügt hecheln sie dem Fliehenden hinterher und wirken gar nicht wie die blutrünstigen Bestien, als die sie inszeniert wurden.
Uuuuuund: Zapp!
Ah, Hunde auch in der ARD. Hier geht's noch einen Tick ekelhafter zu. Ornella Muti lässt sich die flache Hand mit Pastete bestreichen, die von den Tieren abgeschleckt wird. Danach muss die Kandidatin erraten, um welche Rasse es sich handelte. Ornella Muti findet, dass die Pastete lecker riecht und knuddelt einen Mops. Im Quiz-Finale demonstriert ein ansonsten farbloser Pilawa dann doch noch, wozu Routine gut sein kann. Es fehlen ihm die Fragen und auch die Karten, die ihm seine Regieassistentin reicht, sind die falschen. Da wendet er sich ans Publikum: "Habt ihr eure Handys dabei? Dann spielen wir doch einfach Quizduell!"
Fazit: "Scream if you can" ist so verstörend und erschreckend wie eine Schnitzeljagd beim Kindergeburtstag. EWG hingegen als untotes Format ist ein wirklich gruseliger Zombie. Echt jetz, Digga, mega creepy.