Siegfried Rauch: Zwischen Rennstrecke und Kommandobrücke
Zum Tod von Siegfried Rauch Vati der Nation
Er gab dem Wort Familienfernsehen einen guten Klang. Von 1987 spielte er Vater Behringer in der ARD-Serie "Die glückliche Familie", ein 52-teiliges Drama über die Schönheit und den Schrecken des deutschen Mittelstands, das thematisch voll auf der Höhe der Zeit war. Die Neunziger waren noch nicht angebrochen, da dealte der Münchner Familienvater schon als IT-Unternehmer mit den Amerikanern, die Mutter versuchte sich nebenberuflich als Radiojournalistin, und dann ging auch noch die Mauer auf, und es boten sich noch mehr Optionen.
Ein Mann im Meer der Möglichkeiten, ein Mann umgeben von Zumutungen: Siegfried Rauch verkörperte den Familienvater enorm facettenreich, seine Spielpartnerin, der Theaterstar Maria Schell, forderte ihm Höchstleistungen ab. Zugleich schlug die Serie mit ihrer extrem aufwühlenden Filmmusik einen melodramatischen Ton an, wie man ihn im ewig heiteren deutschen Familienfernsehen selten zuvor gehört hatte.
Und im Zentrum stand eben der bayerische Schauspieler Rauch als bayerischer Unternehmer Behringer, der sich entscheiden musste, wann er mit der Firma kürzer tritt, um die Familie zu retten. Ein Abwägungsprozess, den Rauch mit lakonischem, glaubhaftem Sentiment ausspielte. Er war der Vati der Nation.
Mensch, Maschine, McQueen
Das Abwägen zwischen beruflichem Ruhm und privatem Glück hatte zuvor auch in seiner eigenen Vita eine große Rolle gespielt. Ende der Sechziger hallte der Ruf von Hollywood zu ihm nach München rüber. So spielte er 1970 in dem Oscar-gekrönten Kriegsepos "Patton - der Rebell" an der Seite von Karl Malden und George C. Scott und - noch wichtiger - 1971 neben Steve McQueen in dem Rennfahrer-Thriller "Le Mans".
Mensch und Maschine - diese Themenkombination wurde in "Le Mans" radikal auf den Punkt gebracht. Viele Szenen wurden während des realen 24-Stunden-Rennens von Le Mans gedreht, mittendrin: McQueen als US-Rennfahrer in seinem Porsche 917 und Rauch als sein deutscher Rivale im Ferrari 512S. Ein Duell der stahlblauen Augen - in dem Rauch allerdings keiner dieser blöden blonden Gegenspieler war, die deutsche Darsteller sonst in US-Produktionen übernehmen müssen.
Siegfried Rauch: Zwischen Rennstrecke und Kommandobrücke
Männer alleine in ihren PS-Kapseln können schon mal die Bodenhaftung verlieren. Nicht so Rauch, der im Anschluss an diese PS-Leistungsschau darauf verzichtete, auf die Ermutigungen seines Freundes McQueen einzugehen und ganz in die USA zu gehen. Er spielte zwar 1980 noch in Sam Fullers sensationellem Kriegsthriller "The Big Red One" mit, doch der unberechenbaren Existenz in Hollywood zog Rauch das beschauliche Leben in der bayerischen Provinz vor. Seit 1973 lebte er mit seiner Familie in einem Bauernhaus, McQueen kam ihn da oft besuchen.
Rauch drehte Serien wie die Mario-Simmel-Verfilmung "Es muss nicht immer Kaviar sein" (1977), "Mein Freund Winnetou" (1980) und "Unsere schönsten Jahre" (1983). Zuletzt sah man den Naturfreund aber vor allem in deutschen Flora- und Fauna-Dramoletten wie "Wildbach", "Forsthaus Falkenau", "Die Landärztin" und natürlich "Der Bergdoktor", in dem Rauch den alten und Mentoren-weisen Dr. Roman Melchinger gab.
Vom ewigen Familienvater entwickelte er sich über die Jahre zur ewigen väterlichen TV-Instanz und war stets zur Stelle, wenn der manchmal etwas schwerfällig tuckernde Kahn der deutschen Fernsehunterhaltung durch die Samstage und Sonntage gesteuert werden musste. Ab 1999 stand er 14 Jahre lang als Kapitän Jakob Paulsen auf der Kommandobrücke des ZDF-"Traumschiffs". Das in der bayerischen Landluft gut gealterte Gesicht, so kam es einem vor, passte irgendwie auch ganz gut unter die adrette Kapitänsmütze des Seebären.
Bis ins hohe Alter genoss Rauch offenbar seine Arbeit und scheute nicht das eine oder andere Abenteuer; zuletzt war er in dem süffigen Comedy-Format "Knallerkerle" bei Sat.1 zu sehen, in dem sich junge und alte Männer zum Affen machen.
Nun ist Siegfried Rauch offenbar an Herzversagen gestorben. Medienberichten zufolge stürzte er bei einer Feier der Freiwilligen Feuerwehr in seinem Wohnort eine Treppe hinab. Er wurde 85 Jahre alt.