"Ich bin ein Star - lasst mich wieder rein" Das Pelzchen auf den Hoden
Ingrid van Bergen (M.) ist im Finale - Peter Bond und Christina "Mausi" Lugner erwiesen sich als faire Verlierer
Foto: RTLOkay, die Chancen stehen 50:50, dass folgende Gefühlsregung einer Art Stockholm-Syndrom und/oder ein, zwei Likörchen geschuldet ist, aber: Tag vier war doch ganz schön im Sommercamp. Was freilich einzig an Alterskandidatin Ingrid van Bergen, 84, lag.
Anders als ihre Konkurrenten Peter Bond ("Ich muss ganz dringend lulu") und "Mausi" Lugner (die immer so hetzig redet, als müsse sie ebenfalls sehr dringend aufs Klo und sich darum sehr beeilen, dass sich vorher ihre umständlichen Einlassungen noch ausgehen) bestach die Dschungelkönigin der vierten Staffel auch in der Wiederaufnahme ihres Verfahrens mit Grandezza, kratzigem Gleichmut und kehliger Greisenlache. Es gibt im TV ja sehr wenige gute Alters-Rolemodels, aber ein Foto von Bergen wollte man sich nach der Sendung sogleich an sein Senioren-Moodboard kleben, an dem man Inspirationen sammelt, um in nicht einmal so weiter Ferne eine coole Alte abzugeben.
Schon seinerzeit im Camp gewann Ingrid van Bergen die Herzen mit ihren schnippischen Bonmots. "Deswegen bist du DJ, weil du ja alles weißt", beschied sie da der Pampcamperin Giulia Siegel. Auch bei "Ich bin ein Star - lasst mich wieder rein" geizte sie nicht mit Altersweisheiten: "Wer hinter meinem Rücken redet, redet mit meinem Arsch." Bergen gab die verschlagene Knitterseniorin, bei der man als banges Kind nie genau weiß, ob die verhutzelten Apfelschnitze, die sie mit maliziösem Lächeln serviert, nicht vielleicht doch vergiftet sind. Als einzige Kandidatin schlug sie sich bei der unvermeidlichen Challenge, die unter anderem ein Stresstest-Verhör in einem Gefängnis beinhaltete, mit hundeschnauzenkalter Nonchalance.
Dschungelcamp im Sommer: Die Wiederholungscamper
Sie enttarnte rigoros die Mausi-Fabel, sie, die Ex-Mörteline, wolle gar nicht wegen des Geldes, sondern wegen des "Abenteuers" zurück in den Dschungel: "Das ist die verlogenste Antwort überhaupt!" Sie unterband resolut die nervige Abortjammerei des Voll-Blasen-Bonds: "Lulu gibts nicht!" Sie erzählte freimütig von ihrem fünfjährigen Gefängnisaufenthalt, zu dem sie 1977 verurteilt wurde, nachdem sie ihren Geliebten erschossen hatte: Von Fummeleien in der Knastkapelle, den inakzeptablen Manieren der anderen Insassinnen - "Orange is the new black"-Scriptschreiber, bitte mitstenografieren!
Sie sang mitten in der Challenge unerwartet und textsicher "Im Märzen der Bauer" und echauffierte sich aufs Schönste über den unverwüstlich öligen Peter Bond, als der die bei der gemeinsamen Prüfung anberaumte Rattenzählung (eine schöne Anspielung auf von den Kandidaten eventuell versäumte Ratenzahlungen) schlicht verschlief: "Ich glaube, der hat nie mit einer Frau zusammengelebt. Wenn ja, wäre er tot." Und sie geizte nicht mit wertvollen Life-Hacks: "Habt keine Waffe in eurem Haus! Schmeißt sie weg!" Nur vor einem grause sie sich, ließ sie ihre Zeit im Dschungelcamp Revue passieren: vor dem "Pelzchen auf den Hoden", den Känguru-Hoden nämlich, die sie dort bei einer Prüfung verspeiste.
Völlig zu Recht wählten die Zuschauer Ingrid van Bergen schließlich als mögliche Wiedereinzugsanwärterin ins Finale. Was sonst noch passierte?
Peter Bond tritt derzeit offenbar in irgendeinem Piraten-Theaterspektakel auf - und zwar unter dem schönen Namen "Käptn Hornigold". Man könnte es sich nicht ausdenken. Offenbar war die ausdrückliche Nennung dieser Tatsache Teil seines Vertrages mit RTL - was Daniel Hartwich technisch elegant entblößte, indem er einfach die entsprechende Vertragspassage vorlas.
Die Prüfungen für die Kandidaten basierten weiterhin auf dem schon beim ersten Mal langweiligen Prinzip, sie in irgendwelchen entlegenen, fast gruseligen Gebäuden festzubinden. Nach Maisfeld, Heilanstalt und Atombunker war dieses Mal also das Gefängnis dran. Prognose für die weiteren Institutionen des Grauens, die im weiteren Sommercamp-Verlauf noch besucht werden müssen: Mädchenpensionat, Kaserne, Kloster, Tierheim. Für die Folge mit dem Wendler hat man sich ja, wie bereits durchsickerte, den schaurigsten Ort von allen aufgespart: Das Kölner Schokoladenmuseum.
Mausi Lugner durfte tatsächlich auch einen guten Witz beisteuern, womöglich aber unfreiwillig. Um aus dem Gefängnis zu entkommen, mussten sich die Kandidaten durch ein Netz aus Laserstrahlen winden. Peter Bond: "Wie bei 'Kobra, übernehmen Sie'!" Mausi Lugner, schlecht hörend: "Was, Opa, übernehmen Sie'?" Na gut, man musste wohl dabei gewesen sein.
Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht für den SPIEGEL unter anderem im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum »Buffy the Vampire Slayer« eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: »Everything bad is good for you« – und dass auch »Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!« tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Ihr Buch über ihre Liebe zu Take That erschien als Teil der Musikbibliothek bei Kiepenheuer und Witsch.