"Ich bin ein Star - lasst mich wieder rein" Gott oder Bushido
Wann wurde Scheitern eigentlich cool? Vielleicht können Eike Immel, Barbara Engel oder Julia Biedermann das beantworten.
Foto: RTLTag drei im Sommer-Dschungel wirft eine wichtige Frage auf: Wie wirkt sich Fernsehtrash eigentlich auf unser Unterbewusstsein aus?
Jetzt bitte alle mal melden, die nach der dritten Folge des Sommercamps geträumt haben, sie müssten eine besonders zähe Schuhsohle Größe 47 verzehren, mühsam ein Kneippbecken voll mit dickflüssigem Nasenschleim durchwaten oder sonst eine lähmende Herkulesarbeit verrichten.
Wie ein sehr langer, sehr müder Brackwasserfluss mäanderte das Veteranentreffen der dritten Staffel zwischen der frappanten Offenheit des Eike Immel (der zugab, nur des Geldes wegen erneut ins Dschungelcamp zu wollen), und der fremdschamvollen Aufgesetztheit der Julia Biedermann (die nach eigenem Bekunden nochmals am Camp teilnehmen wollte, um Crocodile Dundee kennenzulernen) - das Ganze gottlob immer wieder durchkreuzt vom quietschfidelen Wahnsinn der Barbara "Baba" Engel, geschiedene Herzsprung.
Gefangen im C-Promidasein
Das Gute an der überaus faden Angelegenheit: Man hatte unterdessen reichlich Zeit, über mancherlei nachzudenken. Ein bisschen so, als würde einem zwar Zeit geklaut, aber irgendwie auch gleich wieder geschenkt.
Dschungelcamp im Sommer: Die Wiederholungscamper
Frage 1: In ihrer - nach wie vor sinn- und konsequenzenfreien - Prüfung mussten die Kandidaten eine Nacht in einer "verlassenen Nervenheilanstalt" zubringen: Warum mussten die Beelitz-Heilstätten, die in Wahrheit ein Lungensanatorium waren, für das Trash-Format IbeS ("Ich bin ein Star...") schnell mal zur Klapse des Grauens umgegruselt werden? Und warum werden die Kandidaten in ihren Challenges überhaupt die ganze Zeit an sonderbaren Nichtorten ausgesetzt? Im menschenleeren Maisfeld-Labyrinth, im einsamen Atombunker, auf dem verlassenen Riesengerüst. Wie schön, dass das längliche Sommercamp ausreichend Sinnpausen bietet, um endlich mal wieder in Michel Foucaults Aufsatz "Andere Räume" zu schmökern.
Frage 2: Wann wurde Scheitern eigentlich cool? Aufgescheuchte Start-up-Fredis erzählen einem das in Berlin ja seit einiger Zeit unaufgefordert bei jeder U-Bahnfahrt: Scheitern sei fast so geil wie nicht scheitern, man lernt so tolle Sachen dabei und hat nach einem anständigen Schnauzenfall endlich die Chance, das zu machen, was man schon immer WIRKLICH wollte, juhu! Das Sommercamp und die Biografien seiner Kurzzeit-Bewohner aber lehren: Manchmal ist Scheitern einfach nur Scheitern. Und vielleicht bleibt man danach besser doch einfach nur liegen, statt dem vermaledeiten Stehaufmännchenzwang zu folgen. Weil Strampeln manchmal noch tragischer ist als Fallen.
Frage 3: Warum sind die Sommercamp-Spieledesigner so schwach auf der Metaphernbrust? Dauernd werden die Promis irgendwo angekettet und müssen sich an verlassenen Orten zurechtfinden. Schon klar: Das sind Bilder dafür, dass sie gefangen sind in ihrem C-Promidasein und dass sich niemand mehr für sie interessiert. Die Idee mit dem sinkenden Kahn, in den Engel, Biedermann und Immel verfrachtet wurden, brachte da immerhin ein bisschen Abwechslung, Schiffbruch als Metapher ist ja immer schön. Mögliche weitere Spiele-Ideen: Man könnte die Promis einfach mal aus der Bahn werfen, in die Binsen gehen oder gegen die Wand fahren lassen.
Frage 4: "Ich bin der, der ich bin", murmelte Eike Immel in einer Camp-Rückschau immer wieder bedeutungsschwer - stammt dieses Zitat im Original vom lieben Gott oder von Bushido?
Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht für den SPIEGEL unter anderem im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum »Buffy the Vampire Slayer« eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: »Everything bad is good for you« – und dass auch »Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!« tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Ihr Buch über ihre Liebe zu Take That erschien als Teil der Musikbibliothek bei Kiepenheuer und Witsch.