Sommer-Dschungelcamp: Kein Lagerkoller, nirgends - DER SPIEGEL
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"Ich bin ein Star - lasst mich wieder rein" Wie ein Wurstbrot ohne Wurst

Dschungelcamp im Sommer in einem Bunker in Berlin - kann das funktionieren? Natürlich nicht. Hingucken muss man irgendwie trotzdem. Zum Glück ist Costa Cordalis da.
Überall was positives finden: Costa Cordalis (l.) feiert mit Werner Böhm
Überall was positives finden: Costa Cordalis (l.) feiert mit Werner Böhm

Überall was positives finden: Costa Cordalis (l.) feiert mit Werner Böhm

Foto: Andreas Rentz/ Getty Images
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein bisschen ist es so, als esse man schon seit Jahren wahnsinnig gerne und regelmäßig Leberwurstbrot - und findet in seiner Vesperdose plötzlich statt der köstlichen Stulle ein ältliches, leicht angedorrtes Stück Hasenbrot, von dem jemand mit einem Schaber sorgfältig die ganze fettige, köstliche, herrlich ungesunde Schmiere gekratzt hat. Mitsamt der Gürkchen. Wenn man lange genug auf der trockenen Scheibe herumkaut, schmeckt man noch ein bisschen Wurst nach - richtig lecker ist das aber nicht.

So ungefähr verhält es sich mit "Ich bin ein Star - lasst mich wieder rein", die RTL-Sommergabe an die Dschungelcamp-Gemeinde zum Original-Lager, dessen Promiverpferchung ja traditionell im Januar stattfindet.

27 Ex-Camper kämpfen jeweils in staffelentsprechenden Dreierpacks in neun Shows um eine Wildcard, die einem oder einer von ihnen 2016 den Wiedereinzug auf die australischen Zermürbungspritschen garantieren soll. Leider fehlt dabei naturgemäß alles Entscheidende, was das Dschungelcamp eben zum Dschungelcamp macht: Zuallererst natürlich der Dschungel - ein Fernsehstudio mit Publikum, in dem kurz vorher wahrscheinlich noch "Die hundert fast lustigsten Promi-Hosenplatzer" mit Olli Geißen aufgezeichnet worden war, bringt auch die abgehalftertsten Promis nicht in eine Ausnahmesituation.

Natürlich kann eine knapp dreistündige Show nicht den perfiden Gruppenterror, Seilschaftszwang und den sartreschen Höllenhass auf "die anderen" hervorkitzeln, den man - hui, das klingt jetzt aber unangenehm sadistisch - am klassischen Dschungelcamp so liebt. Sogar die Ödnis der faderen Staffeln, das dumpfe Promi-Schmoren im eigenen Fadheitssaft, die auf allerkleinster Flamme zur zähen Ferndepression eingeköchelte Belanglosigkeit vermisste man. Im Vorspann des Sommercamps wurde ersatzweise ein schlabbriger Alterspenis gezeigt.

Unterhaltung in Einzelteilen

So geriet das neue Format leider zur Demontage des alten Formats, zu einer Dekonstruktion, die gute Unterhaltung in Einzelteile zerlegt und falsch und lückenhaft wieder zusammensetzt. Erster Teil: Die Prüfungen. Um sich beim Publikum anzubiedern - schließlich entscheidet ein Telefonvoting am Ende der Sendung darüber, welcher Kandidat aus dem Dreiergespann in den finalen Kampf um die Wildcard ziehen darf - mussten Costa Cordalis, Werner Böhm und Dustin Semmelrogge, die Veteranen aus Staffel eins, in einer alten Bunkeranlage in Berlin diverse Mutproben und Aufgaben bestehen.

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Dschungelcamp im Sommer: Die Wiederholungscamper

Foto: RTL / Frank Hempel

Eine vage Anlehnung an die bekannten Dschungelprüfungen, doch die sind dem echten IBES-Freund ohnehin längst der verzichtbarste Teil der Sendungen. Die Übungen gerieten dabei zu einer sonderbaren Mischung aus "Fort Boyard", "Promi-Big Brother" und "Circus Halligalli". Auf verschiedenen Türmen des verfallenen Gebäudes angekettet mussten die Kandidaten beispielsweise eine Rechenaufgabe lösen, deren Variablen sich aus ihrem Alter und Schuhgrößen ergaben, die sie untereinander via Megaphon erfragen mussten. Das ergab dann immerhin doch eine amüsante, bizarre Konversation: "Was?" - "Werner?" - "Was?" - "Wie alt bist du, Costa?" - "4900!" - "Was?" - "Werner?". Eine hübsche Idee, die Camppromis rechnen zu lassen, traditionell treibt es doch oft Personen in den Dschungel, die es eben mit den Zahlen und Beträgen leider nicht so haben.

Zweiter Teil: Talkbrocken im Studio. Sonja Zietlow und Daniel Hartwich schießen auch in der Sommercamp-Variante ihre geschätzten Giftpfeile ab - allerdings in der bizarren Konstellation, dass sie dabei mit den Bespöttelten zusammen auf einem Talksofa sitzen. Da fehlt dann doch leider die gemeine Hinterfotzigkeit, das fiese Über-den-Dingen-Schweben, die ihre sonst im Dschungel aus luftigen Hängebrückenhöhen wie von zwei lauernden Geiern vorgetragenen Sottisen so wunderbar machen: Wir da oben, die da unten. Damit die Dschungelcamp-Dynamik funktioniert, dürfen sich Zietlow und Hartwich eben nicht gemein machen mit dem Plebs auf den Pritschen. Dennoch gelangen ihnen ein paar wunderbare Bosheitstreffer, etwa, als Hartwich eine Antwort von Cordalis in Anspielung auf dessen ballonhaft pralles Gesicht so kommentierte: "Das sagt er, ohne mit der Wimper zu zucken. Aber wie soll er auch."

Dritter Teil: Hundertfach gesehene Dschungel-Rückblenden und Ausschnitte aus der Campstaffel, in der die aktuellen Teilnehmer damals antraten. Die Dschungelscheiß-Affäre, Cordalis' penetrante Singerei, der Böhmsche Busen, Susan Stahnkes urinfarbener Badeanzug - man kennt das Elend, man muss es wirklich nicht noch einmal sehen.

Am Ende der sehr, sehr langen Sendung gibt es dann eine leicht unmotivierte Ekeldusche für alle drei Kandidaten, im Voting gewinnt Cordalis, aber das ist dann auch schon fast egal.

Soll man bei den nächsten Sommercamp-Sendungen also noch einschalten? Ja - wenn das Personal stimmt. Immerhin warten in den nächsten Folgen noch herrliche Figuren wie Sarah Dingens und Ailton, von denen die Vorschauschnipsel schon Vielversprechendes zeigten. Hier greift dann doch das alte Gesetz aus dem Originalcamp: Das Format selbst lockt längst nicht mehr, die Menschen sind die Show.

Wenn Werner Böhm in milder Alterstrotteligkeit einen gestrengen Securitymann bei den Prüfungen als "Sausack" beschimpft und ihm Prügel androht, mit Lumpenturban in einem Keller schmollt und insgesamt so wirkt, als werde er von Hape Kerkeling gespielt, wenn Costa Cordalis wie ein Zen-Buddhist im Zuckerschock auch den übelsten Situationen noch etwas Positives abzutrotzen versucht - und im schimmeligen Atombunker unverdrossen die "himmlische Ruhe" lobt - dann sind das unterhaltsame Momente, die auch das dämlichste Format nicht klein bekommt. Und die Castingverantwortlichen nach der schwächlichen bislang letzten Staffel hoffentlich zu noch mehr Personalsorgfalt für das Dschungelcamp 2016 motiviert.

Zur Autorin

Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht für den SPIEGEL unter anderem im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum »Buffy the Vampire Slayer« eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: »Everything bad is good for you« – und dass auch »Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!« tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Ihr Buch über ihre Liebe zu Take That erschien als Teil der Musikbibliothek bei Kiepenheuer und Witsch.