"Tatort" mit Rubin und Karow: Dreckiges Berlin
Berlin-"Tatort" über Säuremord Der faulige Atem der Hauptstadt
Cops und ihre Autos: Für Film- und Fernsehermittler sind ihre Dienstwagen ja meist mehr als Fahrzeuge; sie fungieren als Rückzugsraum und Wartezimmer, manchmal auch als Küche und Schlafzimmer. Im neuen Berliner "Tatort" gibt es eine Schnittsequenz, die das sehr schön auf den Punkt bringt: Wir sehen Kommissar Karow (Mark Waschke), wie er die ganze Nacht aus der Karre heraus Gangster observiert, die in einen Fall involviert sind, der sehr persönlich für ihn ist. Und wir sehen gegengeschnitten, wie sich die Kollegin Rubin (Meret Becker) hinter beschlagenen Wagenfenstern auf dem Rücksitz beim Sex mit ihrem Ex versöhnt. Mein Auto, mein Zuhause.
Diese kleine, schnelle, nachtdunkle Schnittfolge knüpft im Stil an die erste Folge des runderneuerten Berliner "Tatort" an, den die Macher betont als modernstes Fernsehrevier des Landes angelegt haben, das heißt: mit der höchsten Schnittzahl im "Tatort" überhaupt und mit den grausamsten Leichenfunden, die man sich vorstellen kann.
Auch die Handlung aus der Anfangsepisode wird weitergesponnen: Karow (der diesmal mit einem schnellen, melancholischen, auf einer Bar-Toilette arrangierten One-Night-Stand als schwul geoutet wird) versucht immer noch, die Mörder seines Kollegen zu stellen, und verstrickt sich dabei immer tiefer in die Machenschaften der libanesischen Mafia; Rubin legt ein weiteres Mal ein erratisches Lust- und Liebesverhalten an den Tag. Umfassender noch als der "Polizeiruf" aus Rostock oder der Dortmunder "Tatort" wird hier versucht, das horizontale Erzählprinzip gefeierter US-Serien einzuhalten. Cliffhanger inklusive.
Hardboiled-Hülle, watteweicher Inhalt
Und doch: Der zweite Rubin/Karow-"Tatort" ist nicht mehr als deutscher Fernsehstandard. Hardboiled-Hülle, watteweicher Inhalt. In "Ätzend" (Regie: Dror Zahavi, Buch: Stephan Wagner und Mark Monheim) wird ein Säuremord mit dem Schicksal einer iranischer Flüchtlingsfamilie verknüpft, die in Berlin unter falscher Identität lebt. Hier wird sich an den Bildern von nässenden und modernden menschlichen Überresten geweidet, während der Zuschauer mit der ziemlich abstrusen biografischen Tricksergeschichte der Flüchtlinge konfrontiert wird.
Doch das Schicksal der Familie - die Frau ist hochschwanger, muss sich unter Wehen durch die U-Bahn-Schächte schlagen - berührt sonderbarerweise nicht. Und der faulige Atem der Hauptstadt, der hier durch den Bildschirm dringt, ist dann irgendwann doch nur abstoßend. Das Melodram verpufft ebenso wie der Schockeffekt.
In einer Szene erklärt die angesichts der halbverwesten Leiche auf ihrem Obduktionstisch überforderte Gerichtsmedizinerin: "Das war mal ein Mensch. Mehr kann ich dazu nicht sagen." Kurz darauf zieht Kommissar Karow einen Herzschrittmacher aus diesem undefinierbaren Haufen Schleim, der eben mal ein Mensch gewesen ist. Der Plot wird durch solche eigenwilligen forensischen Appetithäppchen leider nicht stimmig vorangetrieben.
Wer kann es Karow da verdenken, dass er irgendwann auf dem Balkon seines Plattenbaus in die Morgenröte starrt. Endlich raus aus dem stickigen Auto, endlich raus aus der stinkenden Handlung.
Bewertung: 5 von 10
"Tatort: Ätzend", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD
"Tatort: Ätzend", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD