»Tatort« aus Dortmund: »Abstellgleis« mit Jörg Hartmann - DER SPIEGEL
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Dortmund-»Tatort« mit Oldschool-Cop Ein Kommissar, hart und einsam wie Liam Neeson

Im »Tatort« aus dem Pott wimmelt es von kranken Charakteren. Am Ende aber dreht sich immer nur alles um einen: Kommissar Faber. Die neue Folge zeigt, warum sein Ego-Exzess zugleich Fluch und Segen ist.
Jörg Hartmann als Kommissar Faber: Liam lässt grüßen
Jörg Hartmann als Kommissar Faber: Liam lässt grüßen

Jörg Hartmann als Kommissar Faber: Liam lässt grüßen

Foto: Thomas Kost / WDR

Faber vergrault, Faber verbindet. Der Kommissar im Dauerausnahmezustand ist die einzige Konstante im Dortmunder »Tatort«, in seiner Gegenwart hält es niemand von den Kolleginnen und Kollegen lange aus. Es herrscht auf dem TV-Revier im Pott ein solch reges Kommen und Gehen, dass man schnell den Überblick verliert.

Zugleich gelingt es Darsteller Jörg Hartmann immer noch oft genug, der Figur des Peter Faber neue Facetten abzuringen, man schaut ihm gebannt bei seinen Ego-Exzessen zu – und sei es nur deshalb, weil der Ermittler-Zausel den hässlichen, muffigen Parka, den er bereits durch 26 Folgen getragen hat, dieses Mal gegen einen hässlichen, zerknitterten Anzug tauscht.

Kommissar unter Mordverdacht

Faber gerät im neuen »Tatort« nämlich selbst unter Mordverdacht und staffiert sich in einem Secondhand-Laden neu aus, um nicht so schnell erkannt zu werden. Zudem ermittelt er auf eigene Faust gegen einen Teil seiner Leute, da die Spuren im aktuellen Fall zurück ins Polizeipräsidium führen.

Stefan Konarske als Kommissar Kossik: Gekommen, um offene Rechnung zu begleichen

Stefan Konarske als Kommissar Kossik: Gekommen, um offene Rechnung zu begleichen

Foto: Thomas Kost / WDR

Man könnte sagen, dass Hartmann mit seiner Soloshow als kaputter Cop im Liam-Neeson-Stadium angekommen ist. Der nordirische Schauspieler, inzwischen 72, dreht bislang ja immer noch ein, zwei Hardboiled-Krimis pro Jahr, die es wert sind, angeschaut zu werden – wenn auch nur wegen eines einzigen Aspekts: Neeson. Es ist noch immer eine physische Sensation, wie er sich als Ex-Cop, Ex-Gangster, Ex-Ehemann oder Ex-Sonstwas, als Mann von gestern, durch irgendein fadenscheiniges Verschwörungsszenario schlägt, um dann im unvermeidlichen Gewaltexzess mit wenigen Strichen die anrührende emotionale Verfasstheit seiner Figur aufblitzen zu lassen.

Aber ganz ehrlich: Erinnert sich jemand an einen Co-Star oder einen Subplot in irgendeinem Liam-Neeson-Film?

Wer steigt da noch durch?

Und das ist nun leider auch das Problem in diesem TV-Krimi, in dem mit extrem vielen Co-Stars und Subplots hantiert wird. Sowohl die verdächtigen als auch die unverdächtigen Kolleginnen und Kollegen bleiben blass, im Zentrum steht hier nur einer: Faber.

Der Dortmund-»Tatort« ist ja einer der wenigen ARD-Sonntagskrimis, in dem versucht wird, eine horizontal erzählte Handlung über sämtliche Folgen zu spinnen. In diesem Fall laufen noch mal alle Handlungsstränge der vergangenen Jahre zusammen, und selbst als Faber-Ultra hat man Schwierigkeiten, all die Personen mit ihren jeweils eigenen Konflikten abzurufen, die sich in den aktuellen Ermittlungen tummeln.

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Richtig erfassen kann den Plot nur, wer die alten Folgen kennt, und selbst dann wird es schwierig: Eine junge Frau wurde überfahren, vom Täter oder von der Täterin keine Spur. In Verdacht gerät zwischenzeitlich auch Kriminaltechniker Haller (Tilman Strauß), dem Faber die Schuld am Tod der geliebten Kollegin Bönisch (Anna Schudt) gibt (siehe Folge »Du bleibst hier« aus dem Jahr 2023).

Der neuen Chefin Klasnic (Alessija Lause) ist auch nicht recht zu trauen, weil sie offenbar ein eigenes Spiel spielt und zuvor den Kollegen Pawlak zum Abgang genötigt hat (siehe Folge »Cash« aus dem Jahr 2024 ). Zudem mischt das LKA in dem Fall mit, und als Abgesandter der anderen Behörden erscheint nun ausgerechnet Kommissar Kossik (Stefan Kornaske) auf der Bildfläche, den Faber einst aus dem Morddezernat rausgepestet hat (siehe Folge »Sturm« aus dem Jahr 2017). Kossik will offenbar Rache an Faber nehmen, setzt aber auch Kollegin Herzog (Stefanie Reinsperger) unter Druck, indem er ihre Mutter, eine in Haft einsitzende Terroristin der letzten RAF-Generation, zum Verhör aufs Präsidium lädt (siehe Folge »Made in China« aus dem Jahr 2024).

Pinkeln in den Kaffeebecher

Jürgen Werner, der Stammautor des Dortmund-»Tatorts«, versucht allen Charakteren und all ihren Traumata gerecht zu werden, zudem führt er mit dem Streifenpolizisten Otto Pösken (Malick Bauer ) eine neue Ermittlerfigur ein, damit Nachschub vorhanden ist, falls mal wieder ein gefrusteter Darsteller aus dem Faber-Revier rausgeschrieben werden muss. Aber die starken Pointen und die ikonischen Momente sammeln mal wieder alleine Faber und sein Darsteller Hartmann ein. In dieser Folge schwingt sich der Cop auf der Flucht auf einen Güterzug und pinkelt bei der Observation in einen Kaffeebecher.

Sagten wir eben, Hartmann werde immer mehr zu Liam Neeson? Vielleicht wird er auch immer mehr zu Gene Hackman. Unweigerlich muss man bei der Kaffebecherszene an die berühmte Observationsszene in »French Connection«  denken, in der dem kürzlich verstorbenen Hollywoodstar der Kaffeebecher als ein ähnlich wichtiges Utensil diente. Doch egal welches Vorbild man zum Vergleich heranzieht: Ein Mann von gestern ist Knitter-Cop Faber auf jeden Fall.

Wenn auch einer, der noch immer gut im Heute steht.

Bewertung: 7 von 10 Punkten

»Tatort: Abstellgleis«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste

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Foto: HR