Aus für Erfurter "Tatort": Verschleiß beim Vorzeigeformat
"Tatort"-Pleite beim MDR Ich bin Kommissar, holt mich hier raus!
Der Erfurter "Tatort" geht nach nur zwei Folgen zu Ende, zumindest in der bisherigen Form, weil mit Alina Levshin und Friedrich Mücke zwei der drei Hauptdarsteller aussteigen. Man könnte auch sagen: als Kommissare zurücktreten, denn eine Rolle innerhalb der beliebten, so hübsch föderalistischen Krimi-Reihe des öffentlich-rechtlichen Fernsehens hat durchaus etwas Staatstragendes.
Natürlich ist es völlig übertrieben, die Entwicklungen einer Fernsehsendung wie Politik zu diskutieren. Dass man trotzdem in die Versuchung kommt, liegt an dem Kommunikations-Zusammenhang, den der "Tatort" herstellt: Er ist das letzte Stück "altes Fernsehen", das Unterhaltung unter den Menschen ermöglicht, sei es auf Twitter oder im Büro, weil ziemlich viele jeden Sonntag zuschauen. Andere populäre Fernsehfilme kommen auf hochgerechnete Zuschauermengen von sieben Millionen - eine Zahl, um es arrogant zu sagen, für die das Gros der "Tatort"-Folgen gar nicht erst gemacht würde.
Lausige Fälle mit blassen Rollen und öden Dialogen
Interessant am Scheitern vom Erfurter "Tatort" ist deshalb, was sich dabei über das deutsche Fernsehen lernen lässt. So kann man die Demission von Mücke und Levshin durchaus als Folge der "Tatort"-Popularisierung begreifen. Die rasante Zunahme bei den Schauplätzen in den letzten Jahren (aktuell: 21, 2010 waren es 16, "Polizeiruf" nicht mitgerechnet) hat den Wert der Berufung zum Kommissar geschmälert, die gesteigerte Aufmerksamkeit die Geduld der Ausführenden verringert. Warum sollten sich Mücke und Levshin in einem relativ frühen Stadium ihrer Karriere den Ruf versauen lassen durch lausige Fälle mit blassen Rollen und öden Dialogen?
Der Arbeitsmarkt hat sich auch für "Tatort"-Kommissare flexibilisiert. Auf die quasi verbeamteten Anstellungen wie in
dürfen die wenigsten Berufseinsteiger heute hoffen; andere nutzen den Einmal-im-Jahr-Auftritt in der populären Reihe als Stand- beziehungsweise Spielbein ihrer Prominenz:
- Hannover (Maria Furtwängler),
- Hamburg (Til Schweiger)
- Wiesbaden (Ulrich Tukur)
Die Gründe für das Ende des Erfurter "Tatort" in bisheriger Form sind beim produzierenden MDR zu suchen. Das Schöne am "Tatort"-Föderalismus ist ja auch, dass er die Arbeit der verschiedenen ARD-Anstalten vergleichbar macht. Finde sieben Unterschiede - oder warum macht der HR mit der besten Figur der letzten Jahre (Nina Kunzendorfs Conny Mey) und einem der ambitioniertesten deutschen Drehbücher ("Im Schmerz geboren") von sich reden, während dem MDR die Schauspieler davonlaufen?
Wenigstens mittelmäßige Projekte
Da lag kein Segen drauf, würde eine milde gestimmte Großmutter sagen: Der "Tatort" Erfurt hat von der Ausschreibung bis zur letzten Folge gezeigt, wie man es nicht macht. Das ist den Verantwortlichen durchaus bewusst, die MDR-Fernsehfilmchefin Jana Brandt erklärte erst kürzlich in einem Interview auf die Frage, warum das jüngste "Tatort"-Team aller Zeiten in so bräsiger Umgebung auftritt: "Das ist ein Kritikpunkt, den ich nicht nur von außen wahrgenommen habe, das hat auch uns redaktionell beschäftigt. Noch weit bevor der [erste] Film an die Öffentlichkeit kam."
Ketzer könnten hier einwenden, warum ein solch gravierendes Problem ("das jüngste Team aller Zeiten" ist noch kein Konzept für eine Reihe) die verantwortliche Redaktion nicht gleich so früh beschäftigt, dass der Film überhaupt erst dann produziert wird, wenn ein überzeugendes Drehbuch vorliegt. Das ist schon ein Problem: Warum fällt es Menschen, deren Beruf es ist, Filme zu produzieren, so schwer, wenigstens mittelmäßige Projekte zu realisieren, die nicht unangenehm auffallen und die Schauspieler bei Laune halten? Wäre der "Tatort" tatsächlich ein Politikum, würden an dieser Stelle Rücktrittsforderungen laut.
Immerhin gibt es Anzeichen, dass der MDR aus dem Scheitern des "Tatort" Erfurt gelernt haben könnte. Aus der Ausschreibung für den neuen "Tatort" in Dresden, der die Keppler-Saalfeld-Nachfolge antreten soll, ist der Vorschlag ausgewählt worden, für den "Stromberg"-Autor und KulturSPIEGEL-Kolumnisten Ralf Husmann das Drehbuch verfassen soll.
Matthias Dell ist Autor des Buchs "'Herrlich inkorrekt'. Die Thiel-Boerne-Tatorte" (2012) und veröffentlicht jeden Sonntag um 21.45 Uhr eine Kritik auf dasND.de/tatort