Trinker-Talk bei "Günther Jauch" Nie wieder Alkohol!
Günther Jauch (links) mit dem Politiker und bekennenden Alkoholiker Schockenhoff
Foto: Hannibal Hanschke/ dpaZuerst die gute Nachricht: Günther Jauchs Sendung am Sonntagabend besaß durchaus Erkenntnispotential: Dass ein Kater, egal wie behaglich, nicht unbedingt die Argumentationsfähigkeit schärft; dass zu viel Eitelkeit und Selbstinszenierung jede noch so diskussionswürdige These ruinieren; dass Menschen mit einer Mission mitunter sehr anstrengend sind - oder dass Christine Haderthauer eine Wiedergängerin der "Simpsons"-Pfarrersgattin Helen "Kann denn nicht ein einziges Mal jemand an die Kinder denken?" Lovejoy ist.
Zum eigentlichen Thema "Die Trinker-Republik - unterschätzen wir die Volksdroge Alkohol?" hatte die Sendung leider so gut wie nichts Erhellendes beizutragen. Aber das hat eine deutsche Talkshow zu Problematiken, die differenzierte Darstellungen benötigen, wohl nur in den seltensten Fällen - eine ebenso banale wie ernüchternde Erkenntnis, zugegeben.
In der Moderationsstarre
Dabei fiel der Start vielversprechend aus. Zu Beginn sitzt Jauch nur der Bundestagsabgeordnete Andreas Schockenhoff gegenüber, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag. Der Politiker hat sich kürzlich öffentlich zu seiner Alkoholabhängigkeit bekannt und sich in eine Therapie begeben.
Schockenhoff ist eine angenehme Überraschung: Für einen Politiker beinahe schon demütig, erzählt er klar und unaufgeregt seine Geschichte, streicht seine eigene Verantwortung und Defizite heraus und verweigert sich den wiederholten Versuchen Jauchs, eine Art Mitschuld des Berliner Politikbetriebs herauszustellen. Das ist verständlich, schließlich kehrt der Abgeordnete nach der Sendung ja genau dorthin zurück.
Aber in seinem klaren und ernsthaften Bemühen, bei sich zu bleiben, über sein eigenes Handeln und seine Erfahrungen zu reden, wirkt er wohltuend. Gastgeber Jauch dagegen, der auch bei "Wer wird Millionär?" bisweilen sichtlich unbeteiligt wirkt, verfällt bald in eine Art Moderationsstarre, aus der ihm wohl auch kein Sixpack Bier heraushelfen würde. Wer weiß, vielleicht kann Jauch mit Alkohol, Rausch und Droge einfach nichts anfangen.
Um Schockenhoff hat die Redaktion vier mehr oder weniger Betroffene versammelt: Rüdiger-Rolf Salloch-Vogel, ein Arzt, der, während er eine Suchtklinik leitete, selbst Alkoholiker war; den Journalisten Peter Richter, der ein Buch über die Freuden des Alkoholrauschs geschrieben hat; Bernd Siggelkow, Leiter des Jugendhilfswerks Die Arche e.V, Streiter wider das Komasaufen und Autor des Buches "Generation Wodka", in dem er drastisch Fälle jugendlichen Alkoholmissbrauchs schildert. Und aus Gründen, die sich in der einstündigen Sendung nicht offenbaren, auch die CSU-Politikerin Christine Haderthauer, bayerische Ministerin für alles Mögliche (Frauen, Familie, Arbeit und "Sozialordnung", was genau das bedeutet weiß wohl nur die CSU).
Malerisch-drohende Bierkästen und Schnapsflaschen
Sicher, jeder der Gäste hat etwas zu sagen. Abgesehen von Frau Haderthauer, der eigentlich nur einfällt, wie gut die CSU in Bayern, dem Bundesland mit dem größten organisierten Saufgelage Europas, alles im Griff hat, inklusive dem Alkohol. Im Zweifelsfall bringt sie den kleinsten gemeinsamen Besorgnisnenner, Komasaufen bei Jugendlichen, ins Spiel.
Der Journalist Richter schwadroniert über die Rolle von Alkohol in der Politik, wovon er sichtlich keinen Schimmer hat. Dann ruiniert er seine diskussionswürdige These, dass Rausch ein wichtiges und stützendes Element menschlichen Lebens und Zusammenlebens ist, mit überheblichem Gehabe. Es folgt die unsägliche Schilderung einer Buchmesse-Party der vergangenen Nacht, in der es seiner Meinung nach töricht gewesen wäre, "nüchtern daneben zu stehen", während "intelligenteste Menschen" befeuert von Alkohol und Tabakwaren, intelligente Gespräche geführt haben. Natürlich gehörte er selbst zu den berauschten Intelligenten, was ihm einen "behaglichen Kater" verschafft habe.
Klar, dass Richter sich damit - wohl nicht unbeabsichtigt - für die Rolle des bösen Buben und Provokateurs in der Runde prädestiniert. Das Gespräch bringt er so nicht voran. Es wirkt zumindest, als würde er sich gut amüsieren. Na, immerhin.
Wirklich miteinander reden will scheinbar niemand. Nicht zuletzt der Moderator ist eher Gesprächsverhinderer - uninspiriert und ohne erkennbare Linie springt Jauch von Gast zu Gast, vom Alkoholverkauf an Tankstellen zum Politikbetrieb, die Sendung wabert nebulös vor sich hin. Es dauert tatsächlich 45 Minuten, bis Suchtentwicklung zumindest im Ansatz erläutert wird. Die nötige Abgrenzung und Erklärung von Rausch und Sucht findet jedoch nicht mal im Ansatz statt, von der gesellschaftlichen Bedeutung ganz zu schweigen. Zum Thema Prävention fallen den Beteiligten nur Allgemeinplätze und strengere Gesetze ein.
Der trockene Alkoholiker und Suchttherapeut Salloch-Vogel ereifert sich noch über Richter und verzettelt sich vor lauter Ärger in seiner Argumentation und seiner eigenen, sicherlich interessanten Lebensgeschichte; Jugendhelfer Siggelkow fordert bei jeder Gelegenheit strengere Jugendschutzgesetze.
Und Jauch? Der irrlichtert weiter mäßig interessiert durch die Sendung; die Redaktion streut plakative Einspielfilme dazwischen und türmt malerisch-drohend Bierkästen und Schnapsflaschen im Studio auf. Schockenhoff, als Einziger in der Runde ein Gewinn für die Sendung, bemerkt mehrfach, dass die ganze Diskussion doch eher flach sei.
Als Günther Jauch wenige Minuten vor Ende der Show mit einer quälend bemühten Überleitung zu Caren Miosga und den Tagesthemen schaltet, wirkt er erleichtert. Verständlich.