TV-Doku »Ghosts of Afghanistan« Der edle Krieg
Szene aus »Ghosts of Afghanistan«: »Es zählt nur die eigene Perspektive«
Foto: Kiana Hayeri / ZDFWeit und wild ist dieses Land – und der Sog seiner Verzweiflung zehrte in den vergangenen zwei Jahrzehnten auch an den Kräften der westlichen Welt. Über 3500 Soldaten der Militärkoalition starben, seit die USA mit ihren Verbündeten nach Afghanistan gekommen sind.
Und jetzt? Jetzt geben die Amerikaner auf. Die Nato zieht ab. Der Westen überlässt die Menschen sich selbst.
Dort setzt die neue bildstarke Dokumentation »Ghosts of Afghanistan – Die Macht der Taliban« an. Die Autoren, drei kanadische Filmemacher, gehen an die Orte, an denen sich jetzt die Zukunft der Afghanen entscheidet. Da ist etwa die Stadt Kandahar im Süden, auf die die Talibankämpfer erneut vorrücken, und die Hauptstadt Kabul, in der die Regierung um ihr Bestehen ringt.
Taliban-Führer in Doha: Siegessicher
Foto: Gala Film / ZDFDie Autoren treffen den höchsten Sicherheitsverantwortlichen der Republik, Hamdullah Mohib, der heute über den Geheimdienst, die Armee und die Polizei gebietet. Er war selbst erst 18 Jahre alt, als die Taliban die Macht verloren, und er hat sein Leben damit verbracht, die Republik aufzubauen. Die Filmemacher sprechen aber auch mit den Taliban. Viele von ihnen wurden zuvor als Gefangene in orangen Anzügen in Guantanamo gedemütigt. Nun sitzen sie stolz bei den Friedensgesprächen am Verhandlungstisch in Doha, als legitime Partner. Siegessicher.
Der Film schildert nicht nur, sondern stellt so auch noch einmal die großen Fragen: Warum sind die USA und ihre Verbündeten einst überhaupt hierhergekommen? Was waren die Ziele? Warum ist es den 44 westlichen Nationen nicht gelungen, das Land zu befrieden? Und: Was kommt jetzt?
Einer der Filmemacher ist Graeme Smith. Er war 27 Jahre alt, als er 2005 das erste Mal als Reporter nach Afghanistan kam. Smith reflektiert auch über seine Irrtümer: »Es zählt nur die eigene Perspektive. Alle feiern ihre Ziele als gerecht und edel. Das ist das eigentliche Verbrechen dieses Krieges«, sagt er heute. Dass der Westen seine Rolle hinterfragt, wie es in diesem Film geschieht, ist eine rare Sicht.
Die in Norwegen geborene afghanische Entwicklungshelferin Ayesha Wolosam erzählt, warum die Westler anfangs als Friedensmacht willkommen geheißen wurden und warum sie heute vielerorts als Besatzer verhasst sind. Smith berichtet von den Gefängnissen, in denen die Regierung Taliban-Gefangene folterte, was diese immer weiter radikalisierte. Der Film zeigt auch, wie unbeliebt die aktuelle Regierung ist und wie zerrissen das Land: 20 Jahre nach den US-Terroranschlägen von Al-Qaida ist Afghanistan noch immer der tödlichste Konflikt der Welt. Fast 200.000 Afghanen starben seit dem Fall der Radikalislamisten im Herbst 2001.
»Ghosts of Afghanistan« nimmt die Zuschauer mit in diese Zerrissenheit und stellt die handelnden Akteure dieses neuen Wendepunkts der Geschichte vor. Zum Beispiel den ehemaligen Innenminister der Taliban: Der Mann war zwölf Jahre lang in Guantanamo gefangen. Heute erklärt er, warum die Taliban in Doha gar nicht wirklich interessiert sind an Gesprächen mit den Vertretern der Republik: Je konkreter sie würden, desto mehr könnten sie verlieren.
Großartig sind in »Ghosts of Afghanistan« nicht nur die Bilder des einstigen Traumlands der Hippies, sondern auch die Nahaufnahmen der Menschen. Sie alle eint etwas, das wird in diesen 90 Minuten überdeutlich: Der große Schmerz, den dieser Krieg verursacht – ihn teilen alle.
»Ghosts of Afghanistan – Die Macht der Taliban« läuft am Montag, 28. Juni, um 23 Uhr bei ZDFinfo und ist schon jetzt in der Mediathek abrufbar.