TV-Jahresrückblick 2009: Stöhnen für die Quote - DER SPIEGEL
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TV-Jahresrückblick 2009 Stöhnen für die Quote

Ob Townhall-Meeting oder Kanzler-Casting: Alles Politische scheiterte in diesem Fernsehjahr kläglich am Zuschauervotum. Bauern auf der Balz hingegen waren ein Quotenhit. SPIEGEL ONLINE blickt zurück auf zwölf Monate Obszönitäten, Zoten, ausgedachte Reality - und einige echte Perlen.
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TV-Jahr 2009: Tropfende Bikinis, protzige Banker und jede Menge Nackte

Foto: Sat.1

Die deutsche Politik und das deutsche Fernsehen - das ist kein Liebesverhältnis. Nicht wirklich verwundern kann es da, dass die ProSiebenSat.1 Media AG ausgerechnet am Ende des Superwahljahres 2009 mitteilte, dass demnächst das Programm des defizitären Nachrichtensenders N24 drastisch beschnitten werden soll - wodurch man nicht nur das Info-Sortiment des News-Kanals selbst ausdünnt, sondern gleich auch noch das bei allen Nachrichtenformaten der übrigen Sender des Medienkonglomerats.

Mal sehen, wie die Konkurrenz von der RTL Group darauf im nächsten Jahr reagiert. Könnten sich doch die Verantwortlichen des Unternehmens fragen: Warum sollen wir uns mit den immer gleichen öden Politikervisagen die Werbeeinnahmen versauen lassen, wenn es die anderen auch nicht tun?

Nein, Politik ist nun mal nicht sexy. Die deutsche wohl am wenigsten. Das wurde nie deutlicher als im Superwahljahr 2009, als die hiesigen Fernsehverantwortlichen ausgerechnet mit Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier eine Wahlkampfberichterstattung nach US-Vorbild anstrebten. Bürgersprechstunden in der Art amerikanischer Townhall-Meetings gab es fast dutzendfach auf allen (öffentlich-rechtlichen als auch privaten) Kanälen. Das Erschreckende: Je näher der Wahltag rückte, desto mauer wurden die Quoten.

Gerade die jungen Leute, denen man deutsche Politik in diesem Jahr wie internationalen Pop verkaufen wollte, schienen unbeeindruckt. Dabei gab sich doch ausgerechnet das so lange als Kukident-Sender verschmähte ZDF größte Mühe, das schwierige Thema mit ranschmeißerisch moderner Technik und Aufmachung zu präsentieren: So verwandelte man das altehrwürdige "heute"-Studio in eine digitale Zauberkiste, und vor der eigentlichen Bundestagswahl ließ man beim ZDF-Casting "Ich kann Kanzler" einen beredten Jungspund zum Fake-Regierungschef küren.

Trash-Erfolg mit Bauernbalz

Hat leider alles nichts genützt: Das teuer beworbene neue Nachrichtenstudio - in Mainz nur die "grüne Hölle" genannt - ging gleich am Anfang in Hightech-Gimmicks unter, und das Casting fuhr enttäuschende Quoten ein.

Ist der Zuschauer vielleicht einfach nur zu blöd für aufgeklärtes Fernsehen? Nö, keine Sorge. Als Trost für all das gescheiterte ambitionierte Polit-TV in diesem Jahr darf immerhin gewertet werden, dass auch die die übelsten Demütigungs-Shows gnadenlos baden gingen. Til Schweiger etwa wurde mit seinem Entkleidungs- und Stöhn-Wettstreit "Mission Hollywood" wegen katastrophaler Quoten bei RTL in den Nachmittag verbannt; ähnlich erging es der Onanisten-Show "Sommermädchen 2009" bei ProSieben.

Das einzige Trash-Erfolgsmodell, das 2009 konstant gigantische Quoten einfuhr, war das der sogenannten "Scripted Reality" - also das von Serien, die so zu tun, als wären sie Dokus, in denen aber offenbar Laiendarsteller vorgeschriebene Texte aufsagen. Wie schon in den Vorjahren lief RTLs schmierige Landfluchtgegeniniative "Bauer sucht Frau" wie blöde. Bis zu acht Millionen saßen an den entsprechenden Montagen vor den Fernsehern.

Ansonsten lassen sich keine großen Trends im Programm des ausklingenden Jahres festmachen. Und auch keine Qualitätssprünge oder -einbußen. Wer sucht, der findet im deutschen Fernsehen alles: die Wahrheit und die Lüge, das Kluge und das Dumme, den Trash und das Erhabene. Im ausführlich kommentierten TV-Jahresrückblick in der Fotostrecke oben können Sie noch mal durch Hoch- und Tiefpunkte des TV-Jahres 2009 zappen.

Kein Sender ist per se böse, keiner per se gut: Es kann ja schon mal passieren, dass in der ARD direkt nach der obszön verlogenen Banker-Soap "Geld.Macht.Liebe" Sandra Maischbergers hervorragender dokumentarischer Feldzug gegen die Zweiklassenmedizin "Kasse gegen Privat" folgt. Oder dass genau auf den ZDF-Sendeplätzen, auf denen die trivialpsychologische Stahl-Dynastie-Saga "Krupp" läuft, auch der grandios komplexe Trümmerkind-Dreiteiler "Die Wölfe" zu sehen ist. Oder dass Sat.1 am Montag den spekulativen Intimitätsterror seiner Doku-Soap "Deutschland wird schwanger" verbreitet, um am Dienstag die höchst subtile FKK-Tragikomödie "Barfuß bis zum Hals" zu zeigen.

Nur mit der Politik, da hapert's eben. Das zeigt wohl auch der größte TV-Skandal 2009: Die Entlassung des ZDF-Chefredakteurs Nikolaus Brender durch den schwarz gefärbten Verwaltungsrat hat das Vertrauen in die Unabhängigkeit der Öffentlich-Rechtlichen schwer beschädigt. Das deutsche Fernsehen und die Politik - es wird wohl auch nächstes Jahr keine Liebesbeziehung werden.