TV-Auftritte: Alkoholisiert im Studio
Medienthema Elvers-Elbertzhagen Endstation rotes Sofa
Ist es schon so weit, dass man Mitleid mit Jenny Elvers-Elbertzhagen haben muss? Mit einer Frau, die in der Zeit der Blonditis und Luderitis des deutschen TV hochkam, und die eher dafür bekannt war, mit welchem Mann sie gerade zusammen war als für ihre Arbeit.
Die vor ein paar Wochen noch der "Bild am Sonntag" die Türen ihres 25-Quadratmeter-Ankleidezimmers öffnete ("In meinem Kleiderschrank hängen 500.000 Euro"), und die sich für diese Art von Prominenz auch die übliche journalistische Herablassung gefallenließ: "Das Ausziehen hat sie drauf. Mit den Jahren hat sie das Anziehen gelernt."
Muss man Mitleid mit ihr haben, weil das Big Business des öffentlichen Ausquetschens von Privat-, Liebes- und Partyleben, mit und von dem sie jahrelang gut gelebt hat, nun auch aus ihrem tiefen Fall alles presst, was nur möglich ist? Warum also die Aufregung um diesen TV-Auftritt im Regionalprogramm des NDR, um eine Sendung namens "DAS!", die nicht zu den relevantesten der Republik gehört, um eine Schauspielerin und Schmuckdesignerin, auf deren Interviewaussagen die Welt nicht gerade wartet?
Es war Montagabend, als Elvers-Elbertzhagen betrunken auf dem roten Sofa neben Moderatorin Bettina Tietjen saß. Sie schien immer weniger Herrin ihrer Gesten und ihres Gelalles zu sein, fegte ein Wasserglas vom Tisch, malte wirre Bilder. Nun sind peinliche Auftritte von deutschen Stars im Fernsehen so selten wie dreiblättrige Kleeblätter. Aber in diesem Fall ging es um etwas anderes. Es handelte sich, wie sich am Tag danach zeigte, nicht bloß um einen verlallten Auftritt, sondern um Alkoholsucht. Und eine Kranke hat das Recht, dass sich an ihrem Leid niemand labt.
Geheucheltes Mitgefühl und echte Sensationslust
Das Ereignis wäre wohl untergegangen, wenn ein Zusammenschnitt der blamabelsten Szenen nicht auf YouTube gelandet wäre. Der NDR, dem offenbar früh dämmerte, was seinem Gast da angetan wurde, hatte die Sendung gar nicht erst in die Mediathek gestellt.
In den Kommentaren unter dem auf YouTube abrufbaren Filmchen ging dann die Post ab. Die einen mokierten sich darüber, wie Elvers sich benimmt. Die anderen empörte, dass die Moderatorin das laufen ließ, ohne einzugreifen. Aber wie das so ist: Empörung und Abscheu hinderten Hunderttausende nicht, das Filmchen im Internet zu suchen und anzusehen.
Ein paar Tage lang schwappt eine Welle von geheucheltem Mitgefühl und echter Sensationslust durchs Land. Man spürt: Die Endstation im Deutschen Fernsehen ist nicht das Dschungelcamp, sondern es ist der routinierte journalistische Alltag an einem Punkt, wo für den Betroffenen jeder Alltag aufhört. Dabei macht jeder nur seinen Job, bemüht sich jeder "so würdevoll wie möglich" (Bettina Tietjen) zu handeln, dichtet einfühlsame Küchenpsychologien zusammen: "Das Bussi-Bussi ist verlogen, die Komplimente seelenlos. Nur der Schampus ist immer kalt" ("Bild"). Es ist nicht mal so, dass sie besonders vorgeführt würde. Alles ist bloß Routine.
Wirklich mitleidlos ist bloß eine Autorin des "Hamburger Abendblatt", die den Auftritt authentisch, echt, lebendig fand und bekannte: "Liebe Verantwortliche, in Wahrheit lechzen wir doch nach viel mehr solcher authentischer Momente." Geht's noch?
Drei Mal auf Seite eins der "Bild"
Als Elvers-Elbertzhagen zur Sendung anreiste, wusste in der Redaktion niemand von der Krankheit. Erst während des Talks muss vielen gedämmert haben, was ablief. Moderatorin Bettina Tietjen bemühte sich, ihren Fragenkatalog ohne Störungen durchzuziehen, blieb aber die pure Hilflosigkeit. Auch ihr Versuch, die Sache zu entschärfen, als Elvers-Elbertzhagen ihr Glas vom Tisch fegte, war nicht eben einfühlsam: "Wir schenken nach, aber nur Wasser!"
Es wäre besser gewesen, das Interview möglichst elegant zu beenden. Aber im nachhinein lässt sich das leicht sagen. Betrunkene können im Fernsehen ja auch ganz lustig sein. Manchmal sogar legendär: Franz Josef Strauß blaffte in der Wahlnacht 1987 den ARD-Journalisten Martin Schulze volltrunken an, was die Interviewrunde erst unterhaltsam machte. Und als sich Schauspiellegende Helmut Berger bei der Show zum 60. Geburtstag von Thomas Gottschalk total breit ins Sofa plumpsen ließ, changierte der Auftritt so perfekt zwischen großartig und grausam, dass das ZDF die Szene sendete, obwohl es eine Aufzeichnung war. Und Berger war keineswegs harmlos: "Zwei Stunden warte ich und masturbiere, um hier zu sitzen." Gottschalk: "Hat sich doch gelohnt." Berger: "Nee."
Immerhin: Als Familie Elvers-Elbertzhagen beim NDR vorstellig wurde, zeigte man Einsicht. Justiziar Werner Hahn entschied, dass man bei YouTube um Löschung der Videos bat. Weil der NDR die Urheberrechte besitzt, ging das sogar rasch.
Derweil läuft der Boulevard im Routinebetrieb. "Bild" räumt seitenweise Platz frei, hat die Elvers-Story dreimal auf Seite eins. Und Jenny Elvers-Elbertzhagen und ihr Ehemann Goetz spielen weiter mit, geben Statement um Statement, so, als sei das alles auch für sie Alltag. Zum Dank dichtet das Blatt Prosa, die fast noch peinlicher ist als der Fernsehauftritt: "Mit 18 wird sie zur Heidekönigin gewählt. Ihr Busen ist ihr Kapital und größer als die Ackerfrüchte auf den umliegenden Feldern."
Eigentlich ist Trunkenheit vor der Kamera ein Kavaliersdelikt. Und dass man jeden, der sich im Fernsehen besoffen zum Deppen macht, vor sich selbst schützen müsse, stimmt einfach nicht. Es hat auch nicht jeder Mitleid verdient. Bloß Respekt. Gottschalk übrigens hatte die Kritik an der Sendung damals lässig gekontert: "Wer Helmut Berger einlädt, darf nicht erwarten, dass Horst Köhler kommt."