Fernsehen nach der WM: Wo ist das Methadon?
Fernsehen ohne Fußball Im kalten Entzug
Die Droge schien erstklassig, ihr Nachschub gesichert. Und wie bei allen erstklassigen Drogen, deren Nachschub gesichert ist, glaubten wir fünf Wochen lang, die Situation unter Kontrolle zu haben. Dabei machte sie in winzigsten Mengen selbst Leute süchtig, denen Fußball unter normalen Umständen meilenweit am Allerwertesten vorbeigeht. Schon wer per Fernbedienung zufällig für ein paar Sekunden in so obskure Partien wie Japan gegen Elfenbeinküste oder Bosnien gegen Iran hineingeriet, war angefixt, wollte und bekam auch mehr: richtigen Fußball, im Fernsehen, auf internationalem Niveau, Drama, Wirbelbrüche, kaltes Bier, nationalen Taumel, den ganz harten Stoff. Und plötzlich, von gestern auf heute, von jetzt auf gleich - vorbei?
Ja, es ist vorbei. Let's face it.
Einen Vorgeschmack auf die graue Welt ohne den abendlichen Kick gab es schon vorher. Etwa dann, wenn man versehentlich den falschen Sender eingeschaltet hatte und eben keinen grünen Rasen sah, sondern nur die toten Augen der Helene Fischer. Oder das Traumschiff.
Ein Griff zur Fernbedienung, und die Pforten der Wahrnehmung öffneten sich wieder: "Götze auf Özil, Khedira auf Klose …" Dann, mit den ersten spielfreien Tagen, wurde die Lage bereits ernster. Es war, als würde uns der bisher so zuverlässige Dealer brüderlich beiseite nehmen und sagen: "Hey, mach' mal halblang, mach' mal Pause. Ich weiß, das Zeug ist gut, aber auf Dauer nicht gut für dich." Und wir machten mal Pause, nur um anschließend umso heftiger zuzulangen, diesmal die Vorberichte mitnehmend und sogar die Nachberichte. Okay, das 1:7 gegen Brasilien war dann eine Überdosis. Der Schuss vor'n Bug, die letzte Warnung, begleitet von milden Wahnvorstellungen: "Warum moderiert dieser Opdenhövel eigentlich nicht längst die Tagesthemen?"
Nun also, nach dem Delirium tremens des Titelgewinns, führt kein Weg mehr vorbei am kalten Entzug. Bald schon werden sich die üblichen Symptome einstellen: Pulsverlangsamung, Abfall des Blutdrucks, Aggressivität, Reizbarkeit, üble Laune, Depressivität, Nervosität, Unruhe oder Ängstlichkeit, verminderte Konzentrationsfähigkeit, Schweißausbrüche oder Schlafstörungen. Nein, der Weg wird kein leichter sein. Glücklicherweise lässt uns unser Dealer nicht im Stich. Er hat da ein paar Medikamente im Angebot. Mediales Methadon, das den Anprall der fußballlosen Wirklichkeit ein wenig abfedern soll.
Gleich am Montagabend beispielsweise besucht uns bei der ARD wieder Doktor Delling. Was hatten wir ihn schon vermisst, verdammt! Direkt nach der "Tagesschau" wird uns der blonde Engel um 20.15 Uhr mit "WM extra" in die Welt "Nach dem Finale" hinüberhelfen. Mit O-Töne stammelnden Sportlern, startenden Flugzeugen, spritzenden Schampusflaschen und vielen anderen Bildern, die sehr zu Herzen gehen werden. Leider ist der Rausch nach 15 Minuten wieder vorbei. Zum Glück springt hier RTL II ein. Die Doku-Soap "Extrem schwer - Mein Weg in ein neues Leben" ist wie maßgeschneidert für den Entzug, denn ist es nicht extrem schwer? Und wer würde sich da nicht wiedererkennen: "Als Profisportler nahm Thilo, 36, täglich 8000 Kalorien zu sich - dann hörte er mit dem Sport auf. Seitdem wurde Thilo immer runder."
Schon um 22.15 Uhr empfängt uns dann Birgit Schrowange, die Katrin Müller-Hohenstein von RTL. In "Extra" wird sie uns die Ergebnisse eines "Tests" vorstellen, um "wie viel schneller die Herzen der Deutschen beim Endspiel" geschlagen haben. Deutsche Herzen, die deutsches Blut pumpen! Gleich danach geht es allerdings um Frauen, die sich den Samen wildfremder Männer über das Internet nach Hause bestellen. Depressivität, Nervosität, Unruhe ...
Vielleicht hätte man gleich bei Tele 5 bleiben sollen, wo schon um 20.15 Uhr die Ersatz-Designerdroge "Höggschde Konzentration - Final Special" in Umlauf gebracht wird. Die "Cartoon-Comedy" allerdings ist ein klassisches Trittbrettfahrer-Produkt, da könnten wir ebenso gut Klebstoff schnüffeln. Oder gleich die Restbestände an Testosteron beim Männersender DMAX loswerden. In "Test My Ride! Das Tuning-Duell" (20.15 Uhr) geht es immerhin um ein motorsportliches Duell zweier deutscher Qualitätsprodukte (Golf gegen Golf).
Leider verhalten sich, Hand aufs deutsche Herz, alle diese Formate zu einem WM-Spiel wie ein Nikotinkaugummi zu LSD. Und schon am Dienstag ist es ganz vorbei mit der Herrlichkeit. Wer es mit dem Entzug bis dahin nicht geschafft hat, wird sich noch eine Weile mit GIF-Animationen behelfen können. Mario Götzes Siegtor in Endlosschleife.
Wer aber ein Herz für Argentinien und gar keinen Stolz mehr im Leib hat, der wird wohl noch am Dienstagabend sozusagen in den Ritzen zwischen den Sofakissen nach Resten seiner Droge tasten. Und dabei sogar fündig werden: Auf RTL II läuft um 20.15 Uhr: "Das Messie-Team - Mein Start in ein neues Leben".