TV Royal: Stoff vom Feinsten! - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Die Hochzeit des Jahres: Die Braut! Das Kleid! Der Kuss!

Foto: LEON NEAL/ AFP

TV Royal Stoff vom Feinsten!

Genderbending, das Ablehnen der klassisch-konservativen Mann-Frau-Rollenverteilung, ist wohl doch schon viel weiter verbreitet als angenommen: Hätte man geahnt, wie viele gestandene Kerle sich für  Spitzenkleider einer Prinzessin in spe interessieren?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Das Kleid, das Kleid, das Kleid, das Kleid", begann Bruce Darnell früh am Morgen für RTL den Chor, "das Kleid, das Kleid", lange noch bevor die Zwei-Meter-Schleppe auch nur im Ansatz vor die Weltkameras wehte, "es darf ein bisschen sexy sein, das Kleid"... und, war es ihm denn nun sexy genug? "Sehr, sehr raffiniert und zeitgemäß", damit meinte er wohl die Abkehr vom Quality-Street-Bonbon-Style der traurigen Lady Di, aber ist ja auch gehupft wie gesprungen oder gerüscht wie gepaspelt, immerhin traut man Bruce die Affinität zum Schleppemessen lässig zu.

Von Dr. Norbert Lehmann dagegen, der die Sechs-Stunden-Show für das ZDF bewachte, hatte man, ehrlich gesagt, ja trotz seiner tadellosen und jahrelangen Reportertätigkeit immer - vielleicht vorschnell - angenommen, er geriete sich privat garantiert mit seiner Frau in die Haare, wenn sie etwas im Fernsehen schauen wollte, was kein Ballspiel ist. Aber er belehrte einen eines Besseren und parlierte flüssig und begeistert mit "Society-Expertinnen" und "Adelsjournalisten" über kleine und große Hüte auf Damen- und Bischofsköpfen und erkannte bei weitem nicht nur die Schwimmer und Fußballer unter den Gästen am Tattoo.

So überzeugend wie Stunden später, am Ende dieses feinstofflichen Tages, ein Mann namens Hamish Bowles (von der European "Vogue") auf CNN schwärmte allerdings kein deutscher Kommentator von Kates Kleid und dem ihrer Schwester Pippa.

Merke: Entweder formuliert man zu einem solchen Anlass in höflichem British English, oder man hat Rolf Seelmann-Eggebert, der geht auch. Und hält, was das Erste zumindest bei der die Live-Übertragung herausstechen ließ, tatsächlich ziemlich oft den Rand. So dass das Bild mit dem unauffällig-blassen Krönchen in der einen und der großen Eins in der anderen Ecke sich zeitweise zum angenehmsten der vielen live sendenden Programme mauserte.

Fotostrecke

Hutmode bei der Royal Wedding: Das Kopf-an-Kopf-Rennen

Foto: Pascal Le Segretain/ Getty Images

Denn als ob sie ahnten, dass das hier eines der letzten kollektiven Fernsehereignisse überhaupt gewesen sein muss, zelebrierten die Sender die Royals in völliger Ignoranz des übrigen Weltgeschehens bis in die Nacht und noch weiter: Am Sonntag will Vox zeigen, wie Kate und Will ihre Hochzeitsnacht verbracht haben. Uiuiui!! Da freut die Queen sich bestimmt schon wieder nicht!

Sie war, glaubt man Prinz von Anhalt, der als Quotenblaublut ans RTL-Tischchen durfte, ohnehin die ganze Zeit ganz schön gemein zu Kate gewesen, habe den Schloss-Neuzugang ignoriert und/oder gepiesackt. Nur wegen dieses einen kleinen Geburtsmakels. Den ihr außer der Queen ja auch keiner übelnimmt: Kate ist ein Prinzessinen-"Naturtalent" (Gräfin von Schönburg im ZDF), hat es gar "in den Genen" (Frauke Ludowig auf RTL) - für den Adel ist es bestimmt beruhigend, wenn auch Schlammblüter (Draco Malfoy über Hermine Granger in "Harry Potter und die Kammer des Schreckens") glauben, dass Adligsein eine Art Supertalent ist, das sich üblicherweise im Erbgut, manchmal aber auch auf mysteriöse Art und Weise im Naturell eines Menschen anfindet. Man muss sie eben mögen, die Noblemen.

In der BBC, die die Hochzeit mit "World Wedding" global aufwertet, wurde des Öfteren behauptet, das tagelange Warten, Campen, Frieren und das unbequeme Schlafen vor dem Palast habe sich ohnehin ausschließlich für den einzigen, kurzen Blick gelohnt, den der gemeine Brite auf die mit dem Brautpaar gefüllte Kutsche erhascht: Diese bescheidenen, untertänigen Limeys aber auch!

Die Öffentlich-Rechtlichen hatten ihre Berichterstattung außerdem - nach alter Journalistentradition - in einen Ernst- und einen Spaßteil aufgeteilt, für den ersteren standen die Experten und Journalisten einschätzend an verschiedenen Tischchen, den zweiten lieferten lustige Blondinen: Barbara Schöneberger war mit Hut für die ARD unterwegs, Patricia Schäfer und Andrea Kiewel kippten Sekt und schlugen sich mit lauten Fähnchenschwenkern wacker für das ZDF. Sat.1 dagegen setzte alles auf eine Karte und Dieter Kronzucker, Sibylle Weischenberg und Jan Hahn in eine irre, künstlich wirkende Kaminkulisse - irgendein entfernter Gesindeflügel vom Buckingham Palace? Oder doch nur eine Bluebox in den Pinewood-Studios?

Später am Abend, als Prinz Harry längst mit Bruder und neuer Schwägerin auf der eigenhändig geschmissenen Party tanzte, mischten sich langsam wieder Eindrücke und Informationen über Syrien, Alabama und deutsche Terrorzellen in die Endlosflut der Ring-, Schnellkuss- und Aston-Martin-Bilder.

Schon erstaunlich, wie bereitwillig nicht nur die Privaten, sondern auch Erstes und Zweites, Abwechslung oder Informationsauftrag sausen lassen. Es muss eben einfach etwas wirklich Weltbewegendes passieren. Und wenn es nur eine Adaption von "Plötzlich Prinzessin" ist.