TV-Schocker bei ProSieben Katastrophenlust gegen Krisenfrust
Ach, schon wieder Katastrophenalarm bei ProSieben? Der Tsunami-Tornado-Sender, der durch einstürzende Stollen und in Flammen stehende Funktürme bereits halb Deutschland in Schutt und Asche hat legen lassen, präsentiert in einer neuen Reihe von Fernsehfilmen weitere Desaster - diesmal zur Luft und zur See.
Eigentlich will man sich ja lieber schnell wegducken vor zu Boden schlagenden Wrackteilen, vor aus dem Nichts hochschießenden Wasserfontänen und gemeingefährlichen Handlungssprüngen - doch dann fällt einem der patent und präzise inszenierte Flugzeug-Thriller "Crashpoint" in die Hände. Richtig spannend ist der.
Was auch daran liegen mag, dass seine Macher (Regie: Thomas Jauch) den Zuschauer nicht mit eher unwahrscheinlichen Wetterphänomenen behelligen, sondern den Plot plausibel aus einem Szenario entfesselter Alltagstechnik entwickeln. Mit dem Urlaubsflieger aus Südfrankreich in die Katastrophe - programmplanerisch hat man diesen kompetenten Angstmacher um eine Chartermaschine auf Crashkurs denn auch noch geschickt ans Ende der Ferienzeit gelegt.
Auf jedem Sitz ein anderer Typ Mensch
Um nicht missverstanden zu werden: "Crashpoint" ist natürlich nicht die Neuerfindung des Katastrophenthrillers, im Film passiert nichts Unvorhersehbares, und es tritt auch keine einzige Figur darin auf, die nicht schon mit dem ersten Satz alles über sich gesagt hätte.
Es gibt das niedliche Rentnerpärchen auf Goldhochzeitsreise und den manisch ichbezogenen Manager, es gibt den nassforschen Nachwuchspiloten und seinen erfahrenen alten Gegenpart, und es gibt selbstverständlich auch das unerschrockene Muttertier und den ewigen Angsthasen, der in über 10.000 Meter Höhe bei weggerissenem Flugzeugboden über sich hinauswachsen muss. Jede einzelne Figur übernimmt in diesem so flotten wie funktionalen Film also die ihm zugewiesene Aufgabe.
Da die EA-741 gleich am Anfang voll getankt auf dem Rollfeld steht, kann die Katastrophe denn auch zügig ihren Lauf nehmen. Das fiktionale Ereignis dauert ja ungefähr so lange wie der reale Flug von Nizza nach Berlin, und im gleichen Takt, mit dem eine Stewardess normalerweise Tomatensaft ausschenkt, führt hier eine technische Panne zur nächsten bis zum großen Finale. Gegen Ende dieses relativ schlüssig entfesselten Luftraumdramas eskortieren zwei Jagdflieger der Bundeswehr die steuerungslose Maschine und warten auf den Befehl des Innenministers zum Abschuss, um so den Absturz des Fliegers über der Hauptstadt zuvorzukommen.
Inspiration vom US-Seriengenie
Die Spezialeffekte sind für ein deutsches Eventmovie beachtlich - und werden dann auch noch äußerst effizient in die Geschichte gebaut. Da hat man durchaus vom amerikanischen Serienschöpfer J. J. Abrams gelernt, dessen Highlights "Lost" und "Fringe" ProSieben-Hits waren und der auf hohe production values setzt, ohne mit diesen hausieren zu gehen. Ob in "Crashpoint" nun kurz nach Start ein Frachtflugzeug in die EA-741 kracht oder die Maschine ins Trudeln gerät - die Ereignisse werden in Quasi-Echtzeit abgebildet und nicht etwa in die Länge gezogen, weil man so stolz auf die teuren Spezialeffekte ist. Da kracht es oft ohne Vorankündigung.
Damit steuert die relativ kostspielige Flug-Action im gewissen Sinne gegen einen traurigen Trend im deutschen Fernsehfilm an: Bei immer weniger Kosten will man immer mehr protzen. Kein Sender, der zurzeit nicht Etats kürzt und Drehtage streicht. Sonderbar, dass nun ausgerechnet der gebeutelte Münchner Sender mit Hang zu Trashproduktionen eine gewisse Hochwertigkeit gegen das Husch-Husch der Konkurrenz setzt.
Hoch in den Himmel, hinab auf den Meeresgrund
Unter dem Motto "Thrill Time" werden jetzt montags neue, relativ aufwendige Eigenproduktionen rund ums Thema Angst gezeigt, klassische Horror-Slasher und Psychoschocker genauso wie Viren-Thriller oder Unterwasser-Action.
Geradezu antizyklisch wirken da bei ProSieben die Produktionsbedingungen. Für das Unterwasserszenario "Tod aus der Tiefe" (läuft am 7. September) wurden gar 36 Drehtage veranschlagt, sowas macht heutzutage kaum noch ein Sender für die Herstellung eines 90-Minüters. Zugegeben: Der Plot um eine Killerzellenepidemie vor Friesland ist hanebüchen. Man darf sich den Film als eine Art Nordsee-Variation von James Camerons Tiefsee-Drama "The Abyss" vorstellen - flacher, schmutziger und technisch natürlich viel unausgegorener als das US-Original, aber nicht ohne Witz und mit Sinn für submarine Bildgestaltung.
Mag sein, dass man als Zuschauer einfach nur die eigenen Ansprüche runterschraubt in Zeiten, da das Geld knapper wird. Dass ProSieben nun mit relativ versiert in Szene gesetzter Katastrophenlust gegen den Krisenfrust in der Fernsehwirtschaft vorgeht, ist aber auf jeden Fall lobenswert.
Nur einem der "Thrill Time"-Filme sieht man mit Besorgnis entgegen: Zurzeit in Produktion befindet sich nämlich noch der Serienkillerthriller "Kill Your Darling", mit dem ProSieben völlig neue Verwertungs- und Marketingwege gehen will. Multimedia-Event nennen sie beim Sender das Ding, das sowohl über Internet und Mobile-TV als auch übers klassische Fernsehen verbreitet werden soll. Dem eigentlich 90 Minuten langen Film gehen 30 digital abrufbare Dreiminüter voraus.
Krimi-Thrill im Klingeltonformat - sowas könnte dann doch die von ProSieben so großzügig befeuerte gute Desaster-Laune schmälern.
"Crashpoint - 90 Minuten bis zum Absturz", Montag, 20.15 Uhr, ProSieben