TV-Serie "Hung": Ein Mann zieht blank - DER SPIEGEL
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TV-Serie "Hung": Hart, aber schmerzlich

Foto: COMEDY CENTRAL

TV-Serie "Hung" Ein Mann zieht blank

Kerle in der Krise: Da sehen Karrieren plötzlich anders aus, und ein von Geldsorgen gebeutelter Sportlehrer versucht sich - als Callboy. Wie in "Hung", einer cleveren US-Serie mit Feminismus-Faktor, in der der männliche Körper sein Comeback als Arbeitsinstrument feiert.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Schöne am Kapitalismus sei, dass alles Ständische verdampfe. So sahen es Marx und Engels. Jetzt, in Zeiten der verschärften Finanzkrise, lösen sich womöglich auch die Geschlechterdifferenzen auf. Vor dem Markt sind irgendwann alle gleich.

Aus dieser Idee formt "Hung", ein weiterer Streich aus der Serienschmiede des amerikanischen Bezahlsenders HBO, eine amüsante Geschichte über das Konzept der Erwerbsbiografie - und wie es in den aktuellen Wirtschaftsverhältnissen immer poröser wird.

Der Held ist ein Jedermann: Ray (Thomas Jane), Sportlehrer, Eigenheimbesitzer, zwei Kinder. Dann kommt die Scheidung, das Haus brennt zur Hälfte ab, und weil die Hypotheken einen variablen Zinssatz haben, beginnt "der Untergang auf Raten".

Da reicht ein Job natürlich nicht mehr, zu Alimenten und Raten droht außerdem die Kündigung. Die Teilnahme am Berufsförderkurs - Titel: "Erwecke den Unternehmer in dir" - ist deshalb eher Verzweiflungstat als kalkulierter Karriereschritt.

Und dort, zwischen lauter Abgebauten und solchen, denen die Krise bereits kräftig an den Ressourcen nagt, empfängt Ray den Leitsatz, der ihn als Mann und Leistungsträger wieder aufrichten wird: "Entdecken Sie Ihr Erfolgswerkzeug!"

Die Härten der Erwerbsarbeit

Das mit der Aufrichtung ist ganz wörtlich zu verstehen: Ray hat ein exzeptionelles Werkzeug, und weil dies auch Taya (Jane Adams), eine Teilzeit-Poetin mit ödem Kanzleijob weiß, ergibt sich das Geschäftskonzept fast von selbst: Ray wird eben nicht etwa Versicherungsvertreter oder Dealer windiger Finanzprodukte sondern Callboy - und Taya seine Zuhälterin.

Zwei Pointen lassen sich aus dieser Konstellation gewinnen: Zum einen, dass im digitalen Kapitalismus das Handwerk doch nicht ausgespielt hat. Im Gegenteil: Gerade weil nicht jeder ein Finanzjongleur werden kann, der mit Datenströmen Millionen scheffelt, kehrt der Körper als Arbeitsinstrument zurück.

Dass der eigene Leib zum Tausch angeboten wird, ist dabei nicht neu. Dass die Verhältnisse Männern nun aber jene Reduktion auf ihre Geschlechtlichkeit zumuten, die der Feminismus zu Recht seit Jahrzehnten beklagt, das kann man hier in seiner ganzen Härte noch einmal bestaunen.

"Was habe ich jetzt noch?", ruft Ray seiner Frau (Anne Heche) hinterher, die gerade das Haus geplündert hat und sich davonmacht zu einem gut situierten Dermatologen. "Deinen Schwanz!", schreit sie zurück. Knapper lässt sich Identität auf materielle Effizienz kaum herunterbrechen.

Zum andern ist es mehr als nur kokett, den Zuhälter mit einer erfolglosen Autorin zu besetzen. "Das Wort ist der Phallus des Geistes", formulierte Gottfried Benn seine Idee des Intellektuellen, der die Welt sprachlich durchdringt. Hier nun hat die phallische Macht eine Frau, die zwar mit Poesie-Keksen (Sinnsprüche, in Süßigkeiten versteckt) kläglich scheitert, als Marketingstrategin jedoch über genau jene Rhetorik verfügt, die Frauen das Sexdate mit einem Callboy schmackhaft macht.

Ist die Serie also nur ein zynischer Aufguss der "American Gigolo"-Geschichte? In dem Kinodrama hatte Richard Gere die männliche Edelhure als Dienstleister einer Gesellschaft gespielt, die ihre Pathologie mit Glamour kaschiert. In "Hung" kommt das Begehren deutlich prosaischer daher: Ray trägt schlecht sitzende Anzüge, sein Auto ist schrottreif, sein Zuhause eine Bruchbude.

Im Netz der flexiblen Ansprüche

Dafür ist die Reihe raffiniert, wenn es darum geht, die Nuancen unserer postmodernen Lebenswelt zu zeigen. "Hung" präsentiert nämlich nicht nur die Rückkehr des Körpers in Zeiten destabilisierter Arbeitsverhältnisse, sondern auch die Verflüchtigungsprozesse, die sie begleiten.

Zwar sieht man keine Internet-Nomaden, wie sie durch ihren virtuellen Alltag surfen. Dafür aber jene Bereitschaft zur Mimikry, zur persönlichen Verkunstung und Irrealisierung, die heute für die Subjektausstattung prägend ist.

Wenn zum Beispiel die Kundin Jemma (Natalie Zea) von Ray ausgiebige Rollenspiele fordert - unter anderem muss er mit ihr zur Paartherapie und dort ihren Ex-Freund mimen - , dann hat sich der flexible Umgang mit Charakteren und Identitäten vom Web auf die konkrete Wirklichkeit übertragen. Ray bewegt sich mit Jemma im Spielfeld einer aufwendigen Persönlichkeitscollage, und es ist bezeichnend, dass gerade in dieser Fluktuation eine emotionale Vernetzung beginnt.

So steht Ray womöglich für einen neuen Mann: einen, der unter dem wirtschaftlichen Druck zur mobilen Persönlichkeit wird, die sich den Umständen entsprechend blitzschnell anpasst und justiert. Und gerade durch diese Zurichtung soziale Dressuren überwindet.

Denn Ray tritt vielleicht als Macho an, aber spätestens in Folge vier hat er begriffen, dass das Geschäft nur läuft, wenn zur Hardware die passenden soft skills kommen. Wie sagt die Zuhälterin: "Eine Frau ist kein Putensteak. Da kann man nicht einfach so zulangen."


"Hung - Um Längen besser", donnerstags, 23.05 Uhr, Comedy Central