Walter Freiwald: Stationen seines Lebens - DER SPIEGEL
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Verstorbener Walter Freiwald Heizer im Maschinenraum des Trash-TV

Seine Stimme war der Sound von "Der Preis ist heiß". Später ging Walter Freiwald, selbsternannter "Vollblutverkäufer", ins Dschungelcamp. Ohne ihn lässt sich die Geschichte des deutschen Privatfernsehens nicht erzählen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Präsentation einer Mikrowelle wurde durch seine Stimme zur Jubelfeier, ein Malle-Wochenende klang in seinen Worten wie das Abenteuer in einem Südseeparadies. Acht Jahre lang war Walter Freiwald das Illusionierungs-Timbre der RTL-Show "Der Preis ist heiß". In über 1800 Folgen stellte er die möglichen Gewinne vor, balsamierte er Studio- und Fernsehzuschauer des Privatsenders mit einem Organ ein, für das jeder Gebrauchtwagenhändler seine Mutter verkauft hätte.

Freiwald war das mirakulöse Gegenbeispiel dafür, dass man für eine Karriere im visuellen Medium Fernsehen vor allem ein ansprechendes, glattes Gesicht braucht - er hatte vor allem durch seine Stimme Erfolg. Von 1989 bis 1997 singsangte, jubilierte und blödelte er sich an der Seite von Moderator Harry Wijnvoord durch "Der Preis ist heiß".

"Der Preis ist heiß": Harry Wijnvoord, Walter Freiwald und Assistentinnen

"Der Preis ist heiß": Harry Wijnvoord, Walter Freiwald und Assistentinnen

Foto: imago images

Seine Rolle wurde im Laufe der Jahre immer weiter ausgebaut: Ansager, Aufheizer, Pausenclown, der Mann mit dem markanten Mittelscheitel wurde über die Show zur eigenen Marke, nicht nur auditiv, sondern schließlich auch visuell. Mein Gott, Walter! Was hattest Du für einen Lauf!

Dabei hatte sein Leben nicht leicht begonnen: 1954 im ostfriesischen Wittmund geboren, verriet Freiwald in seinen Memoiren ("Frei Schnauze und mit einem Augenzwinkern"), dass er eine harte Kindheit mit viel Prügel und wenig Liebe im Ruhrpott hinter sich gebracht habe. Als langhaariger jugendlicher Ausreißer sei er aus seinem Elternhaus geflüchtet - und Opfer eines Sexualverbrechers geworden.

Musikfan Freiwald

Musikfan Freiwald

Foto: imago images/ APress

Er machte eine kaufmännische Lehre und begann, bei der Plattenfirma EMI zu arbeiten. Thomas Gottschalk erinnerte sich, dass Freiwald ihm die neuesten Platten zum Bayerischen Rundfunk gebracht habe, wo er moderierte. Die beiden trafen sich in Luxemburg wieder, wo es Walter Freiwald inzwischen zum Musikchef beim Radiosender RTL gebracht hatte.

Im Vordergrund standen bei dem von Frank Elstner geführten Sender in den Achtzigerjahren viele Talente, die bald zum Stammpersonal des so erfolgreichen Privat-TV-Senders RTLplus wurden. Darunter auch Hugo Egon Balder, mit dem Freiwald in einer Zweier-WG wohnte. Es muss Freiwald gejuckt haben, selbst ins Rampenlicht treten zu dürfen.

Moderator Walter Freiwald im Studio bei Radio Gong 2000 in München

Moderator Walter Freiwald im Studio bei Radio Gong 2000 in München

Foto: imago images/ WEREK

Sein Moment kam, als ihn Helmut Markwort nach München holte, der damalige Chefredakteur der TV-Zeitschrift "Gong". 1985 begrüßte Freiwald die Hörer des ersten bayerischen Privat-Hörfunksenders Radio Gong 2000. Dort durfte sich Freiwald austoben, verursachte Menschenaufläufe und ein Verkehrschaos, moderierte vor 20.000 Menschen im Olympiapark. "Das war eine schöne Zeit, in der ich auch meine Frau Annette kennengelernt habe", bilanzierte Freiwald später in einer Frauenzeitschrift.

Die Stimme war also geübt, die Rampensau-Instinkte geschärft, Walter Freiwald war bereit für seine unvergessenen TV-Sätze: "Und hier ist sie wieder, die Show der fantastischen Preise. Seien Sie mit dabei, wenn es wieder heißt: Der Preis ist heiß!"

Harry Wijnvoord (links) und Walter Freiwald

Harry Wijnvoord (links) und Walter Freiwald

Foto: imago images

1997 wurde "Der Preis ist heiß" auf RTL abgesetzt, das Publikum war zu alt geworden für die gewünschte Werbezielgruppe. Doch Walter Freiwald blieb einfach, wie er selbst es formulierte, "Vollblutverkäufer". Für den deutschen Ableger des US-Teleshoppingkanals QVC wurde er zum Gesicht des Senders, mit großem Einsatz, wie der SPIEGEL im März 2000 beobachtete: "Der Schnellredner, der im Studio schon mal während der Arbeit rülpst, beschreibt Rückenbandagen und Bettauflagen der Marke 'Magnoflex' als wahre Wunderwerke des Gesundheitswesens."

Solche Qualitäten führten Freiwald wieder zurück in das Senderuniversum, in dem seine Karriere begonnen hatte: Als 2001 der Kanal RTL Shop startete, war er als "Mr. Teleshopping" natürlich dabei. Weil sie 2008 erkannte, "kein Handelsunternehmen" zu sein, verkaufte die RTL-Gruppe den Shoppingsender - damit einher ging auch Freiwalds Abgang. Als seine Frau Annette gegen einen Hirntumor kämpfte, arbeitete er eine Weile nicht, um sich um sie zu kümmern - und fand dann zwei Jahre lang nichts Neues.

Walter Freiwald war sozusagen die erste Generation des deutschen Trash-TV. Er gehörte zu jenen Unterhaltungsmalochern aus den unteren Maschinenräumen der Privatfernsehwirtschaft, die unermüdlich Kohle nachschaufeln, um die Trash-Dampfer auf Fahrt zu halten, und die am Ende ihrer Karriere schließlich selbst verheizt werden. Freiwald war wie gemacht für das Dschungelcamp, das unausweichlich am Ende auf ihn wartete - in dem er aber, trainiert durch all die Zumutungen, die ihm bis dahin widerfahren waren, zu großer Form auflief.

Dschungelcamper Freiwald 2015

Dschungelcamper Freiwald 2015

Foto: Sascha Steinbach/ Getty Images

Die Camp-Saison 2015 mit Schlagersänger-Tochter Patricia Blanco und Ex-Caught-in-the-Act-Sänger Benjamin Boyce war eine fast durchgehend fade Veranstaltung, weil viele Teilnehmer auf sehr anstrengende Weise Aufsehen erregten oder schlicht zu langweilig waren. Freiwald aber brachte den Starappeal ein, der im Dschungel wirklich zählt - einen schlecht kontrollierbaren Charakter mit Ecken und Kanten. Und setzte einige wenige Höhepunkte.

Was Freiwald trieb - mal passiv-verweigernd, mal ironisch oszillierend und meist am unteren Leistungsstand Dschungelprüfungen absolvierend - war zwar nicht durchgängig sympathisch. Man kann auch nicht sagen, dass es Stil hatte. Aber immerhin wusste er, was erwartet wurde - und bretterte was hin.

Walter Freiwald 2015 in seinem Haus in Meerbusch

Walter Freiwald 2015 in seinem Haus in Meerbusch

Foto: Monika Skolimowska/ DPA

"Man munkelt, Walter wäre der Erste, der sich reingekauft hatte", sagte Sonja Zietlow irgendwann in der Sendung. Tatsächlich war er der Einzige, dem man gegönnt hätte, aus dieser Staffel Kapital zu schlagen. Er hätte dort im Dschungel immer weiter grummeln dürfen. Am liebsten über die gute alte Zeit des Privatfernsehens, als er dort selbst noch Sakkos mit Schulterpolstern und breitgemusterte Krawatten trug und es noch gar keine abgestellten und mittellosen Promis gab, weil bei "GZSZ" noch nicht genügend ausgestiegen waren und "Big Brother" nur in den Niederlanden lief.

Das wäre dann aber vermutlich kein werbeeinnahmenträchtiger Quotenrenner mehr gewesen, sondern eher so eine Sendung, die man guckt, wenn man nachts nach vier Gin Tonic nach Hause kommt und noch ein bisschen Berieselung braucht. Walter hätte einen eben in den Schlaf genörgelt. Nun wird er das an einem anderen Ort tun. Walter Freiwald ist am Samstag im Alter von 65 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung, die er zwei Wochen zuvor öffentlich gemacht hatte, gestorben.

feb/cbu/eth/dpa