Websender dbate: Im Kampf gegen Erdogan und Putin
Neuer Web-Sender dbate Selfies der Aufklärung
"No Pets! No Porn! - wir machen Journalismus!" Eine klare Ansage, die die neue Videoplattform dbate zu ihrem Start an diesem Dienstag auf ihrer Homepage macht. Keine Streicheltiere, keine Schweinereien also. Das ist im Zusammenhang mit dem Begriff Videoplattform ja nicht selbstverständlich. Die Möglichkeit der schnellen Lancierung von Videos nutzt der Web-Sender dazu, harte Informationen und ebenso harte Meinungen in Umlauf zu bringen.
Hinter der Seite steht die Produktionsfirma Eco Media des Fernsehjournalisten Stephan Lamby, der für seine politischen Reportagen gerade mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis ausgezeichnet wurde. Die Initialzündung für das Projekt lieferten die Erfahrungen von Fukushima. Nach dem Reaktorunglück war das radioaktiv verseuchte Gebiet für Reporter gesperrt; Lamby schnitt in seiner Doku-Manufaktur zeitnah den Film "Tsunami - die Katastrophe via Skype" zusammen, in dem junge Japaner über Skype-Interviews Auskunft über die Ereignisse und ihre eigene Versehrtheit gaben. So entstand eine autonome Katastrophenerzählung, die über die übliche News-Dramatik hinausging.
Es folgte "My Revolution - Video Diary from Kiev " über den Umbruch in der Ukraine in den Jahren 2013/2014. Der Titel war Programm: Der Blickwinkel wurde subjektiv gehalten, über Skype kommentierten Aktivisten, Blogger und ukrainische Journalisten, wie sie selbst das Geschehen auf dem Maidan wahrgenommen hatten.
Fernsehen als work in progress
Das ist Zeitgeschehen aus der Smartphone-Perspektive - nicht in Echtzeit, weil sich die Eco-Media-Mitarbeiter vorbehalten, das Material journalistisch zu prüfen, aber doch ohne die oft lähmenden bürokratischen und taktischen Abwägungsprozesse der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, die noch nicht recht wissen, wie sie mit den neuen digitalen Medien umgehen sollen und wollen. Gleichwohl kooperiert Eco-Media mit Sendern wie ZDFInfo oder dem WDR, die fertige Produktionen der Firma erwerben und ausstrahlen.
Zeitnah, zumindest im Versuch authentisch, felsenfest ans sprechende Subjekt glaubend: Die Videoplattform dbate wirkt wie ein Labor für neue Formen des Dokumentarischen. Kernstück ist die Sektion "Videotagebücher", in der in kleinteiliger Form aus gesellschaftlichen oder geografischen Regionen berichtet wird, die unzugänglich oder unübersichtlich erscheinen; Selfies der Aufklärung sozusagen.
So ist in diesem Bereich von dbate ein Videotagebuch unter dem Titel "Mein Leben in Donezk" zu sehen, in dem eine junge Mutter über Zerstörung und Alltag in der umkämpften Gegend berichtet. Später wird "My Life under Erdogan" starten, das von Aktivisten in der Türkei erzählt. Und ein Himalaja-Tagebuch soll das gespannte Verhältnis von Sherpas und Bergsteigern nachzeichnen.
Insgesamt ist dbate ein beachtlicher Versuch, das Potenzial von Twitter, Skype und YouTube journalistisch zu bündeln und an der Schnittstelle zwischen Internet und klassischem Fernsehen neue Strategien für den Journalismus und die Reportage zu finden. In Zukunft wollen zumindest ZDFInfo und der WDR noch stärker mit dbate und Eco Media kooperieren. Dbate liefert so gesehen Fernsehen als work in progress. Wer weiß schon, wie das Medium morgen aussehen wird.
In einem Skype-Interview auf dbate kommt auch die junge Komikerin Joyce Ilg zu Wort, die ihre Spots auf ihrem eigenen YouTube-Kanal sendet , aber inzwischen auch fürs große Fernsehen gebucht wird. YouTube findet sie ideal, konventionelle Sender eher okay. Ilg sagt: "Die könnten gerne mal mehr Wert auf die Inhalte legen und weniger auf den Look." Dbate erfüllt diese Forderung gewissermaßen schon.