Westerwelle bei "Beckmann" Selbst ist der Staatsmann
Guido Westerwelle war in Brüssel, Warschau, Den Haag, Paris und Washington. Jetzt sitzt er vor Reinhold Beckmann. Es ist sein Antrittsbesuch als Außenminister beim obersten Sanft-Talker der Nation. Der will es mal wieder ganz innerlich haben, passend zum Herbst, ohnehin eine triste Zeit. Aber erhellt in diesen Tagen durch ein großes 20-jähriges Jubiläum - dem Fall der Mauer.
Kein Gast, der sich dem mitfühlenden Fragenkatalog des ARD-Mannes entziehen kann.
Auch der neue Außenminister ist da gefordert. Er sei ja "nicht nah am Wasser gebaut", öffnet Westerwelle am Ende der Sendung sein Herz. Es gebe aber Momente in seinem Leben, "wo ich wirklich am Fernseher Weltgeschichte verfolgt" und "geweint habe": Hans Dietrich Genschers Satz an die DDR-Flüchtlinge vom Balkon der bundesdeutschen Botschaft in Prag, der Fall der Mauer und der Putschversuch in der UdSSR.
So kommt auch Beckmann doch noch zu seiner Exklusivmeldung. Eine Agentur hat diese Sätze Westerwelles bereits vor der Ausstrahlung am Montagabend an die Medien verschickt. Das Interview mit Westerwelle wurde bereits am Sonntag aufgezeichnet. Schließlich ist er am 9. November in seinem neuen Amt gefordert. In Berlin gibt es am Jahrestag des Mauerfalls ein Dauerfest im Dauerregen mit viel Politprominenz aus der ganzen Welt. Westerwelle hält eine Pressekonferenz in seinem neuen Amtssitz am Werderschen Markt. An seiner Seite steht Hillary Clinton, seine US-Kollegin. Sie lobt sein Englisch, über das so viel gespottet wird.
Westerwelle lächelt alles einfach weg
Auch das darf bei Beckmann natürlich nicht fehlen. Es ist ein Ausrutscher, der Westerwelle begleitet. Sein Auftritt nach der Wahlnacht wird eingespielt, als er einem BBC-Reporter eine Antwort auf Englisch verweigerte. Bei Beckmann sagt Westerwelle irgendwann, fast ein wenig entnervt: "Ist doch egal." Es ist ein kurzer Augenblick, in dem Westerwelle die Kontrolle zu verlieren scheint. Denn ansonsten ist er ganz Selbstbeherrschung. Da ist jemand, der eine neue Rolle gefunden hat. Westerwelle erträgt die Einspielfilmchen tapfer: Ein alter Schulkamerad wird eingeblendet, der einmal Punker war und nun so bieder aussieht, wie Westerwelle wohl nie war. Ein Ex-Lehrer darf Freundlichkeiten verbreiten, und Journalisten von "taz", "FAZ", "Stern" und Al-Dschasira geben ihr Kurzurteil ab. Westerwelle lächelt sie einfach weg.
Guido Westerwelle: Das Gesicht der FDP
Beckmann kann sich noch so bemühen - selbst heikle Fragen nach Westerwelles Homosexualität und islamischen Ländern kontert der Gast diplomatisch aus: "Ich kenne bisher keine Vorbehalte", er habe "sehr freundliche Reaktionen aus der arabischen Welt" bekommen. Er wisse, "was geht und nicht geht" und werde "schon das nötige Feingefühl mitbringen".
Hans-Ulrich Jörges, Chefkolumnist des "Stern", sagt in einer Einspielung, niemand habe sich für die Englischkenntnisse von Steinmeier interessiert, eigentlich sollten die Medien ihr Bild des neuen Außenministers selbstkritisch hinterfragen. Das ist wahr. Oder doch nicht?
Stolzer Neuling, zurückgenommener FDP-Chef
Noch wirkt Westerwelle wie einer, der staunend auf sich selbst blickt. In der US-Hauptstadt sei nur eine halbe Stunde für das Treffen mit Hillary Clinton vorgesehen gewesen, aber dann seien "fast eineinhalb" daraus geworden, erzählt er. In diesem Augenblick ist ihm der Stolz des Neulings anzusehen. "Es geht gut los", sagt er.
Westerwelle bei Beckmann, das ist vor allem ein zurückgenommener FDP-Chef. Der Film mit den Bildern aus der Zeit, als er das Projekt 18 propagierte und als Kanzlerkandidat antrat, wirken bereits wie aus der Zeit gefallen. Zu beobachten ist die Wandlung des Neuen im Außenamt. Ganz so, wie es einst Joschka Fischer einmal über sich selbst festhielt: Eher verändere das Amt den Menschen als der Mensch das Amt. Auch ein Genscher wurde 1974 belächelt, wie jetzt so oft festgestellt wird. Beckmann liest ihm das passende Zitat aus der "Welt am Sonntag" vor, das damals über Genscher geschrieben wurde. "Das macht mir Mut", sagt Westerwelle.
Der neue Außenminister hat Vorschuss ohnehin nicht zu erwarten. Aber er lernt. Ziemlich schnell sogar. Und er weiß, wie auch als Außenminister Profil zu gewinnen ist. Westerwelle hat seine erste Auslandsreise ohne Angela Merkel nach Warschau unternommen. Dort wurde er nach Erika Steinbach gefragt. Die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, CDU-Politikerin, soll in die Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" entsandt werden. Zu entscheiden hat darüber am Ende aber die Bundesregierung, also auch Westerwelle. Steinbach ist seit Jahren eine Reizfigur in Polen - und in Teilen der FDP. In Warschau hat Westerwelle noch diplomatisch seine Absage an Steinbachs Entsendung verbrämt. Bei Beckmann wird er deutlicher: Ihm seien gute Beziehungen zu Polen ein "wirkliches Herzensanliegen". Es gehe "erstmal um unser Land" und um die "Beziehungen zwischen unseren Ländern". Da hätten persönliche Interessen zurückzustehen "und das wird auch Frau Steinbach wissen".
Da muss sogar der freundliche Herr Beckmann erstmal durchatmen.
Es kann nur aufwärts gehen
So wird die sanfte Sendung für einen Augenblick erfreulich politisch. Sie zeigt der TV-Nation einen Mann, der nicht gewillt ist, nur den netten Herrn Außenminister neben der Superaußenministerin und Superkanzlerin zu geben. "Ich muss entscheiden nach dem, was ich für unser Land als richtig erkannt habe", sagt Westerwelle. Es klingt ziemlich selbstsicher. Vor allem Horst Seehofer von der CSU, der Steinbach erst kürzlich den höchsten bayerischen Orden verliehen hat, dürfte sich auf einen handfesten Streit einstellen. Dem Außenminister scheint das nur recht.
Während Beckmanns Sendung zitiert Westerwelle einen Satz seines Ziehvaters. Genscher habe ihm, nach seinem Auftritt vor dem BBC-Journalisten, gesagt: "Seien Sie froh, dass Sie mit einer unterschätzten Erwartungshaltung beginnen. Dann können Sie was aufholen."
Westerwelle ist gerade dabei.