"Wetten, dass...?": Der ewige Gottschalk - DER SPIEGEL
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"Wetten, dass...?" Der ewige Gottschalk

Oscar-Preisträger Kevin Costner, Jungschauspieler Matthias Schweighöfer und Filmdiva Sophia Loren. Thomas Gottschalk vereinte beim jüngsten "Wetten, dass...?" Newcomer und schon immer Dagewesene, jung und alt. Die Show war ein Selbstläufer - gewürzt von subtilen Seitenhieben des Moderators.
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"Wetten, dass...?": Star Wars und alternde Stars

Foto: DDP

So, die Sache ist entschieden und es gibt kein Zurück mehr: Thomas Gottschalk bleibt ewig. Sollte es beim ZDF Überlegungen gegeben haben, dass sich Gottschalk zu seinem sechzigsten Geburtstag im Mai zurückzieht und "Wetten, dass...?" an eine junge, würdige Nachwuchskraft abgibt (man dachte an Frank Elstner) - diese Überlegungen sind vom Tisch. Nein, Gottschalk bleibt ewiglich, und das ist die eigentliche Neuigkeit: Er bleibt, ohne auch nur eine einzige weitere neue Episode von "Wetten, dass...?" produzieren zu müssen.

Und wieder einmal muss man sich fragen: Wie macht dieser Mann das bloß? Dabei ist es ganz einfach: Thomas Gottschalk hat sich offenbar entschlossen, noch einmal alles zu geben. Am 27. Februar 2010 in Erfurt sollte eine "Wetten, dass...?"-Ausgabe entstehen, die alles enthält, was "Wetten, dass...?" ausmacht. Eine Modell-Show, typisch, zeitlos, ohne Anfang und ohne Ende, ohne gestern und ohne morgen, für alle und jeden. Es ist ihm gelungen. "Man muss sich über so eine Sendung freuen, in einer Zeit, in der alles auseinander fällt", beginnt Gottschalk, und hier deutet sich zum ersten Mal an, dass heute Sätze für die Ewigkeit fallen werden.

Alle seien ihm willkommen, sagt er, arm oder reich, katholisch oder protestantisch, nüchtern oder betrunken, und wer dahinter einen billigen Käßmann-Scherz vermutet, unnötig nachtretend, weil drei Tage nach ihrem Rücktritt von allen Ämtern, der verkennt, dass Gottschalk es genau so meint: Hier dürfen alle. "Wir haben alles. Und noch viel mehr", sagt seine Co-Moderatorin Michelle Hunziker, auch heute und wie immer bezaubernd, herzlich, gut vorbereitet, umwerfend aussehend.

Rocker mit unverändert langen Zungen

Alle und alles, das sind diesmal: die RTL-Moderatorin Inka Bause. Der Münchner TU-Student Bernd Hassmann, der von einem Seil hüpfend Luftballons mit seinem Gesäß zerstört. Der junge Schauspieler Matthias Schweighöfer. Eine Zehnjährige, die Star-Wars-Legofiguren erlutscht. Die italienische Filmdiva Sophia Loren. Stefan Terwiel und Stefan Acampa und ihre Bohrmaschinen. Der US-Schauspieler Kevin Costner. Der schweigsame Klemens Renschen und sein stiller Kumpel Siegfried Niemöller in Begleitung zweier Tieflader und zweier Bagger. Der Boxer Wladimir Klitschko. Und die Krankenhausangestellten Friederike Asche und Markus Basselmann mit ihrer Fähigkeit, 70 OP-Instrumente am Scheppern beim Herunterfallen zu erkennen.

Eine Mischung aus jung und alt, Newcomer und immer schon da gewesen, die sich auch in der Auswahl der auftretenden Künstler fortsetzt: Die Pet Shop Boys spielen ein Medley ihrer größten Hits. Jan Delay singt mit einer perfekt choreografierten Showtruppe. Und für die in Ehren ergrauten Rocker treten Kiss auf - alterslos, geschminkt wie in den Siebzigern, mit unverändert langen Zungen.

Es sind die Zutaten für eine gelungene Gottschalk-Show, allesamt Selbstläufer, er muss die Suppe nur noch mit einigen Sprüchen würzen, dann ist der Abend gelaufen. "Jetzt wird mein zweiter Gast angeliefert", moderiert er zum Auftritt Schweighöfers, und das wirkt bei Gottschalk nicht etwa lustlos, sondern wie ein dezenter Hinweis auf den immerwährenden Kreislauf der Gäste, mithin des Lebens. "In Deinen Schuhen hast Du sicher auch noch zwei Glücksbringer, bei der Größe", sagt er zu der ungewöhnlich hochgewachsenen legolutschenden Zehnjährigen, und man könnte das für eine schale Hänselei halten, einem Kind gegenüber, das sich wahrscheinlich genügend Sprüche über seine Schuhgröße anhören muss. Aber eine Hänselei ist es nur vordergründig - denn Gottschalk ist Profi. Er weiß, dass eine kleine Provokation zum Geschäft gehört, dass sich die Zuschauer daheim in Deutschland, Österreich und der Schweiz auch mal über ihn aufregen können müssen. Diese Karte muss er einfach ausspielen, und sei es auf Kosten einer Zehnjährigen.

Auch für die einfach gestrickten Zuschauer ist was dabei

Wie sehr sich die Show auf der Höhe der Zeit befindet, zeigt sich auch im Kurzinterview mit dem Vater der Legolutscherin. "Wir haben eine Wette im Fernsehen gesehen", erzählt der, "und da haben wir gesagt: 'Sophia kann das auch'". Und dann habe er die Tochter gleich hochgeschickt, Legofiguren holen, noch während der Sendung habe sie sich drei in den Mund gesteckt. Dann wurde geübt, und jetzt ist sie im Fernsehen. Was wie ein harmloses Interview wirkt, ist selbstverständlich ein kalkulierter, dezenter Verweis auf die Hegemann-Debatte und die Ausbeutung immer jüngerer Menschen durch den Kulturbetrieb.

Für die einfacher gestrickten Zuschauer lässt Gottschalk bei der Bohrer-Wette noch einen Tiger-Woods-Witz ziehen (Bohrer!) - wieder hat er meisterlich alle ins Boot geholt. Um später noch einmal mutig Position zu beziehen bei der Tieflader-Bagger-Wette, die bei 60 Stundenkilometern ausgeführt wird: "Wenn Frau Käßmann noch entgegen kommt, dann wird es natürlich ganz schwierig." Da lacht nicht nur Erfurt. Zwei Nachtreter für Käßmann, kein Wort über die katholischen Skandale - der Erzkatholik Thomas Gottschalk ist zwar für alle da. Doch er zeigt, wo er steht. Das ist Personality, das kann man mögen oder hassen, daran kann man sich reiben. Und das ist gut so.

Die ganz große Kunst des begnadeten Fernsehschaffenden Thomas Gottschalk, die Essenz dieser Sendung und Gottschalks, zeigt sich jedoch in wenigen Sätzen. Er spricht sie aus, nachdem ein Video mit grotesken Wettvorschlägen der Zuschauer abgespielt wurde. Gottschalk tut so, als würde er über die Wetten lachen, dann dreht er sich zur Kamera, lächelt breit und spricht direkt zum Zuschauer: "Schauen Sie sich Ihre Frau mal in Ruhe an und überlegen sich, welche Früchte man an ihr eventuell wettkampffähig ausdrücken kann. Und auch wo. So. Und während Sie das tun, unterhalte ich Sie musikalisch."

Es ist nach diesen Sätzen, nach dieser Sendung nicht mehr nötig, weitere "Wetten, dass...?"-Ausgaben zu produzieren, denn diese können unmöglich besser werden als das, was den Zuschauern an diesem historischen 27. Februar 2010 aus Erfurt geboten wurde. Erfurt hatte alles. Und noch viel mehr. Nein, man muss sogar noch weiter gehen und sagen: Nach dieser Sendung ist es überflüssig geworden, überhaupt noch Fernsehen zu machen.

Es wäre völlig ausreichend, dieses Meisterstück Thomas Gottschalks als Dauerschleife einzuspeisen und immer wieder auszustrahlen. Alle wären zufrieden, denn mehr kann Fernsehen nicht bieten. Vor so einer Sendung, vor so einem Mann, muss die Fernsehkritik kapitulieren und fortan in demütiger Verneigung verharren. Meine Damen und Herren, das Ende der Geschichte ist erreicht. Nach "Wetten, dass...?" ist kein Fernsehen mehr möglich.

So gesehen könnte das ZDF seinen Betrieb auch gleich ganz einstellen.