Will Smith in »Emancipation«: Der Megalomane - DER SPIEGEL
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Will Smiths Comeback-Versuch mit »Emancipation« Können wir wieder Freunde sein?

Im März sabotierte Will Smith seine Jahrzehnte währende Karriere in einem einzigen Moment, als er bei der Oscarverleihung Chris Rock ohrfeigte. Jetzt wagt er sich in die Öffentlichkeit zurück. Kann das funktionieren?
Smith in »Emancipation«: Will das Publikum ihn noch sehen?
Smith in »Emancipation«: Will das Publikum ihn noch sehen?

Smith in »Emancipation«: Will das Publikum ihn noch sehen?

Foto: Quantrell Colbert / Apple TV+

Wer ist Will Smith? Noch dürften die meisten Menschen nicht vergessen haben, dass es sich um einen der, vielleicht den konsistent erfolgreichsten und bekanntesten Hollywoodschauspieler der letzten 25 Jahre handelt. Ein globaler Star, dessen Namen und Gesicht beinahe jeder kennen dürfte.

Aber seit dem Abend des 27. März 2022 hat die Frage eine andere Bedeutung: Wer ist Will Smith? Es war der Abend der Oscarverleihung, der Abend von »The Slap«. Mit dieser umgangssprachlichen Formulierung ist die Ohrfeige, die Smith dem Stand-up-Comedian und Moderator des Abends, Chris Rock, auf offener Bühne verpasste, in den amerikanischen Sprachgebrauch übergegangen.

»The Slap«: Will Smith und Chris Rock am Abend des 28. März

»The Slap«: Will Smith und Chris Rock am Abend des 28. März

Foto: Chris Pizzello / Invision / AP / dpa

Der 27. März brachte die endgültige Erfüllung von Will Smiths Traum. Nach Jahrzehnten im Scheinwerferlicht, nach zig Milliarden Dollar, die Hits wie »Bad Boys«, »Independence Day«, »Men in Black«, »Der Staatsfeind Nr.1«, »Ali«, »Hitch – Der Date Doktor« und »I Am Legend« in die Kassen Hollywoods spülten, erhielt er den Oscar für die beste männliche Hauptrolle in »King Richard«, wo er den Vater von Venus und Serena Williams spielte.

Smith, getrieben von dem Drang nach Erfolg und Anerkennung, war im Pantheon von Hollywood angelangt. Und zerstörte diesen Moment des größten Triumphs selbst durch einen Gewaltakt, den die lange Geschichte der Oscars noch nicht ansatzweise erlebt hatte und der die globale Öffentlichkeit, die sich in den letzten Jahren immer weniger für Hollywoods wichtigste Preisverleihung interessiert hatte, schockierte.

Smith hat schon früher Phasen des Niedergangs erlebt. In jüngerer Zeit floppten nicht wenige seiner Filme; Gerüchte, er sei bei der Scientology-Sekte involviert, verfolgen ihn seit Jahren; Äußerungen, er führe mit seiner Frau Jada Pinkett Smith eine offene Ehe und träume von einem Harem mit Halle Berry als Mitglied, stießen nicht nur im konservativen Amerika auf Befremden.

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Aber Will Smith, der »The Fresh Prince«, der Rapper des Gute-Laune-Monsterhits »Summertime«, der Mann mit dem 1000-Watt-Strahlen und der magnetischen Anziehungskraft, war immer da. Bis zum 27. März. Danach verschwand er in der Versenkung und kam einem Ausschluss aus der Oscar-Academy zuvor, indem er seine Mitgliedschaft selbst niederlegte. Wurde von der Organisation für zehn Jahre vom Besuch von allen Veranstaltungen der Academy inklusive der Oscarverleihung ausgeschlossen. Dann kehrte Stille ein um den Mann, der noch 2021 davon gesprochen hatte, vielleicht irgendwann US-Präsident werden zu wollen.

Wobei – diese Stille währte nur kurz. Wann immer sich die Gelegenheit bot, war sein Name wieder in den Schlagzeilen. Und Smith sorgte dafür, dass es diese Gelegenheiten gab. Im Juli begann er eine Charmeoffensive, indem er sich öffentlich bei Chris Rock entschuldigte. Ein Mea culpa, das auch Chris Rocks Mutter und Smiths eigene Familie mit einschloss. Er habe die vergangenen drei Monate damit verbracht, so Smith, die »Komplexität und Nuancen« des Abends zu verstehen. Und: »Es gibt keinen Teil von mir, der glaubt, mein Verhalten in diesem Moment sei richtig gewesen.«

Im Rückblick wirkt dieser fünfminütige Clip wie der erste Akt eines vorsichtig orchestrierten Versuchs, die Öffentlichkeit mit dem gefallenen Star zu versöhnen. Im Oktober trat Smith erstmals wieder vor Publikum auf, gemeinsam mit dem Regisseur Antoine Fuqua, mit dem er vor dem Ohrfeigen-Skandal den Film »Emancipation« gedreht hatte. Die Vorführung des Dramas um einen Mann, dem die Flucht aus der Sklaverei gelingt, stieß wegen des historisch bedeutsamen Themas auf positive Resonanz und ermutigte Apple offenbar dazu, den Film noch rechtzeitig für die kommende Oscar-Saison zu veröffentlichen.

Ab dem 2. Dezember lief er kurz in den US-Kinos und feiert nun Premiere bei Apple TV+. So ergibt sich die bizarre Situation, dass Film und Hauptdarsteller für die nächste Verleihung nominiert werden könnten, obwohl Smith an der Zeremonie nicht teilnehmen darf.

Weltenretter: Will Smith in »Men in Black«, einem seiner größten Erfolge

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Foto: Columbia Pictures / Everett Collection / ddp images

Wie volatil die Situation um Will Smith weiterhin bleibt, zeigt der Eiertanz um die Öffentlichkeitsarbeit für den Film. Zunächst wurden Medien, auch dem SPIEGEL, Interviews mit Will Smith in Aussicht gestellt, allerdings nur gemeinsam mit Antoine Fuqua und wenn sich Journalisten verpflichten würden, keine Fragen zu der Ohrfeige zu stellen. Dann hieß es, Smith stehe doch nicht zur Verfügung, und schließlich wurde der Film, anders als angekündigt, erst kurz vor der Premiere zur Ansicht zugänglich gemacht.

An »Emancipation« selbst liegt das sicher nicht. Der Film ist ein wackeres Drama, das dem Publikum die Grausamkeit der Sklaverei vor Augen führt. Smith spielt eine historische Figur, die in den USA als »Whipped Peter« bekannt ist: Fotos seines vernarbten Rückens wurden 1863 verbreitet und sollten während des amerikanischen Bürgerkriegs die Öffentlichkeit für die Abschaffung der Sklaverei in den USA einnehmen.

Peter, der auch Gordon geheißen haben könnte, gelang im März 1863 die Flucht von einer Plantage in Louisiana. Er schüttelte Verfolger mit ihren Bluthunden ab und schlug sich durch den Sumpf, bis er auf Truppen der Nordstaaten stieß. Peter wurde Soldat der Unionsarmee und nahm an einem entscheidenden Gefecht teil.

»Emancipation«: Für Will Smith kein Film über Sklaverei, sondern Freiheit und Glaube

»Emancipation«: Für Will Smith kein Film über Sklaverei, sondern Freiheit und Glaube

Foto: Quantrell Colbert / Apple TV+

»Emancipation« macht aus diesem historischen Stoff einen Mix aus Rassismusdrama, Überlebensthriller und Kriegsfilm in Bildern, die beinahe schwarz-weiß wirken. Fuqua und Drehbuchautor William N. Collage ersparen dem Publikum grausige Details wie aufgespießte Köpfe nicht, zum Teil erinnern Sequenzen aus einem Lager der Armee der Südstaaten, in dem Sklaven gezwungen werden, beim Schienenbau zu helfen, an deutsche Konzentrationslager.

Nun ist der Regisseur Fuqua ein begabter Handwerker, der wirkungsvolle Thriller zu inszenieren versteht. Die Auswirkungen der Sklaverei auf die Menschen, die sie erdulden mussten und auf die Generationen, die ihnen folgten, zeigen allerdings Filme wie »12 Years a Slave« und die Serie »The Underground Railroad« künstlerisch überzeugender und mitreißender.

Der Fokus von »Emancipation« liegt auf einer Figur, die sich aus hoffnungsloser Lage befreit und für ihre Freiheit kämpft. Eine Will-Smith-Figur. Nach der ersten öffentlichen Vorführung des Films sagte der Schauspieler, er habe schon viele Rollen in Filmen über die Sklaverei abgelehnt. Er habe schwarze Amerikaner nicht so zeigen wollen. »Dies ist kein Film über die Sklaverei«, so Smith. »Dies ist ein Film über Freiheit. Dies ist ein Film über Widerstandskraft. Dies ist ein Film über Glauben.«

Will Smith war zurück, der Mann, der die Erde als Filmheld gegen Aliens und Zombies verteidigte, der Larger-than-life-Superstar. Seine Version des Peter spielt er angenehm zurückgenommen, aber die Leinwand-Persona Will Smith tritt nicht an, um Zweifel und Verletzungen zu zeigen, sondern um zu gewinnen. Amerikanische Grundtugenden zu zeigen, immer wieder den amerikanischen Mythos vom Sich-Finden im Überwinden von Hindernissen zu erzählen.

»Was Sie als ›Will Smith‹ kennen, ist größtenteils ein Konstrukt.«

Ob er das größte Hindernis seiner Karriere überwinden kann, das Hindernis, das er sich selbst in den Weg legte? Das ist weiterhin alles andere als sicher. Noch einmal also: Wer ist Will Smith? In seiner 2021 erschienen Autobiografie schreibt er gleich zu Anfang: »Was Sie als ›Will Smith‹ kennen – der Alienkiller-MC, der überlebensgroße Kinoheld – ist größtenteils ein Konstrukt. Eine sorgfältig entworfene und fein geschliffene Gestalt, um mich zu schützen. Um mich vor der Welt verbergen zu können. Um den Feigling zu verstecken.«

Smith schreibt in dem Buch von seiner Hilflosigkeit als Kind, als er zusehen musste, wie sein alkoholkranker Vater seine Mutter verprügelte. Über seine Unsicherheit, die Traumata, die ihn bis heute prägen. Das Buch entwirft aber auch das Bild eines Menschen, der von einer unersättlichen Gier nach Anerkennung getrieben ist, der immer vor allem darauf bedacht war, sich selbst zu promoten. Das Bild eines Mannes, der an seinem 50. Geburtstag über dem Grand Canyon von einem Helikopter mit einem Bungee-Seil abspringt und das für eine Wohltätigkeitsaktion hält, ohne den Megalomanen zu sehen, der sich solch eine Aktion ausdenkt.

Vor wenigen Tagen trat Smith bei der »Daily Show« auf, unter kontrollierten Bedingungen, Moderator Trevor Noah und er sind privat befreundet. Auf die Frage, was da los gewesen sei am Abend der Oscarverleihung, antwortete er: »Da waren viele Nuancen im Spiel, aber am Ende des Tages bin ich einfach ausgerastet.« Nuancen. Der Satz klingt nicht nur fast identisch mit dem, den er bei seiner ersten öffentlichen Entschuldigung im Juli sagte und deshalb einstudiert. Man tut sich auch weiterhin schwer, den brutalen Akt einer schallenden Ohrfeige mit »Nuancen« erklärt zu bekommen. Und bei allen Beteuerungen der Reue und glaubhaften Versicherungen der angenommenen Schuld bleibt das unangenehme Gefühl, dass der Teil des Mannes, der sich am Abend des 27. März im Recht fühlte, noch immer mit im Raum sitzt.

»Wenn ihr durchhaltet, verspreche ich, dass wir wieder Freunde sein können«, sagte Will Smith im Juli an sein Publikum gewandt. Es klang fast wie eine flehentliche Bitte.