SCHNUPFEN Typ 15
Mit tränenden Augen und entzündeten Nasenschleimhäuten hockten die Apollo-7-Astronauten in ihrer Raumkapsel. Raumfahrtarzt Berry im Kontrollzentrum in Houston (US-Staat Texas) empfahl Kleenex-Taschentücher.
Ärzte in der nur wenige Meilen entfernten Houstoner Baylor-Universität werteten derweil das Apollo-Mißgeschick als gelungenen Test. Die erste kosmische Erkältungswelle bestätigte ihre Theorie von der Verbreitungsweise des gewöhnlichen Schnupfens.
Das banale Leiden ist eine der teuersten Krankheiten der Welt. 85 Prozent der Bundesbürger werden alljährlich mindestens einmal davon befallen; auf das Konto Schnupfen geht ein Drittel aller Krankheitstage deutscher Arbeitnehmer, und die gleiche Diagnose erscheint auf zwei von drei Entschuldigungszetteln, die Eltern ihren Kindern in die Schule mitgeben,
Seit einem Vierteljahrhundert befaßt sich ein Wissenschaftler-Team im britischen Salisbury mit nichts anderem als der Erforschung des Schnupfens; fast ebensolange mühen sich US-Mediziner, die Krankheit zu beherrschen. Ihr Jahres-Etat: 40 Millionen Mark. Bisher erreichte Verbes-
* An Bord der Apollo-7-Kapsel.
serungen in der Schnuptentherapie: keine.
Nun aber verdichtet sich auch der Verdacht, daß Ärzte nicht einmal eine wirksame Vorbeugung »empfehlen können: Warme und trockene Kleidung kann -- so das Resümee aus den jüngsten texanischen Schnupfen-Forschungen -- den Ausbruch der Erkrankung nicht verhindern, weder Nässe noch Kälte fördern ihn.
Omas Bloß-keine-nassen-Füße-Theorie ist schon seit mehreren Jahrzehnten Gegenstand kritischer Experimente angelsächsischer Mediziner. Niemals zeigte sich ein Zusammenhang zwischen Bekleidung und Lufttemperatur einerseits und Häufigkeit sowie Schwere des Schnupfens andererseits. Die gleichen Resultate melden nun auch die US-Forscher Gordon Douglas, Kelth Lindgren und Robert Couch in der letzten Ausgabe des »New England Journal of Medicine«.
Sie hatten freiwillige Versuchspersonen mit sogenannten Rhinoviren des Typs 15 (die zu den häufigsten Schnupfenerregern gehören) infiziert. Einige von ihnen durften sich danach in angenehm geheizten Räumen aufhalten, andere mußten, nur mit Shorts und Unterhemd bekleidet, mehrere Stunden lang in ausgekühlten Zimmern (4 bis 10 Grad Celsius) oder In lauwarmen Wannenbädern frösteln.
Der Wärmeentzug schwächte ihre Widerstandskraft gegen die Viren keineswegs: Sie erkrankten nicht häufiger und nicht schwerer als die Versuchspersonen in den warmen Stuben. Und eine Kontrollgruppe von Versuchspersonen, die nicht mit Viren infiziert worden war, blieb auch unter ungünstigsten Klimabedingungen schnupfenfrei.
Dazu paßt eine Beobachtung, die bei den Bewohnern der Nordmeer-Insel Spitzbergen gemacht wurde. Die Spitzbergener erkranken nur während des milden Polarsommers an Schnupfen, nicht jedoch im Winter, Die Forscher vermuten: Im Herbst, wenn die Insel-Häfen zufrieren und der Schiffsverkehr erliegt, muß auch die Schnupfen-Epidemie »regelmäßig mangels Virus-Nachschubs abklingen.
Die texanischen Schnupfenforscher glauben nun auch zu wissen, warum in gemäßigten Breiten« die Nasen gerade in der kalten Jahreszeit am häufigsten triefen: Winters halten sich Menschen häufiger in engen Räumen beieinander auf -- die Gefahr der Virus-Übertragung durch Atemluft wächst.
Solch direkter Kontakt zwischen Menschen ist offenbar die wirksamste Methode der Schnupfenübertragung. Sie funktioniert, wie der Apollo-Raumflug bewies, auch in den Weiten des Weltalls -- auf engstem Raum.