Ukraine: In der Festung von Charkiw - DER SPIEGEL
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Serhij Zhadan

meinung •Schriftsteller über Lage in Charkiw In der umzingelten Festung

Serhij Zhadan
Ein Gastbeitrag von Serhij Zhadan
Die Menschen in Charkiw leben in dem Bewusstsein, dass hier einfach keine sicheren Orte gibt. Wir alle haben nur ein Ziel: die Unterstützung der Armee. Die Stadt hält stand.
Charkiw nach einem russischen Angriff, 21. April 2022
Charkiw nach einem russischen Angriff, 21. April 2022

Charkiw nach einem russischen Angriff, 21. April 2022

Foto: Felipe Dana / dpa

Vor Kurzem schlug eine russische Rakete in einem Postamt am Stadtrand von Charkiw ein. Ein Toter, ein paar Verwundete. Eine Granate traf auch eines der Einkaufszentren der Stadt. Die Russen schlagen immer wieder an Orten zu, an denen sich Zivilisten versammeln. Zentren für humanitäre Hilfe, Geschäfte und Lebensmitteldepots für die Zivilbevölkerung sind unter Beschuss geraten. Auch Wohnviertel ohne industrielle Infrastruktur oder militärische Einrichtungen werden regelmäßig bombardiert. Charkiw befindet sich seit zwei Monaten im Krieg, und man kann überall in der Stadt getroffen werden. Die Außenbezirke sind stärker betroffen, sie sind näher an den russischen Stellungen. Aber auch das Zentrum kommt hin und wieder unter Beschuss – erst vor wenigen Tagen wurden einige zentrale Straßen massiv beschossen. Die Menschen in Charkiw leben in dem Bewusstsein, dass es in der Stadt einfach keine sicheren Orte gibt. Und auch innerhalb der Grenzen des Landes.

Kürzlich brannte ein russischer »Hagelsturm« mitten auf der Straße das Auto mit zwei Insassen nieder, die im Inneren ihres Wagens einfach verbrannten, »Hagelsturm« ist der russische Grad-Raketenwerfer, der Dutzende von Geschossen auf einmal abfeuern kann. Es gibt keine militärische Logik hinter solchen Aktionen. Die einzige Erklärung für diese geplante, chaotische Brutalität kann sein, dass die Russen die Bevölkerung in Angst versetzen, sie zur Kapitulation bringen, den Glauben an den Sieg verlieren lassen und Panik erzeugen wollen. Allerdings ist das Gegenteil der Fall: In Charkiw lebt man jetzt wie in einer Festung, die von einer Krieg führenden Armee umzingelt ist. Alle arbeiten für dieselbe Sache. Freiwillige, Behörden und Bürger unterstützen die Armee.

In den ersten sechs Wochen des Krieges gelang es den ukrainischen Truppen, die Russen aus der Stadt zu vertreiben, sie starteten sogar eine eigene Offensive und halten seitdem zuverlässig die Zufahrten nach Charkiw. Auch die Luftabwehr funktioniert recht gut – russische Flugzeuge überfliegen die Stadt schon lange nicht mehr. Die ukrainischen Truppen sind allerdings nicht in der Lage, die Stadt vor den »Hagelkörnern« zu schützen. Charkiw leidet unter dieser Brutalität. Sie macht die Einwohner der Stadt fertig – führt aber nicht zu Panik.

Netzwerke des Helfens

Viele Einwohner von Charkiw haben die Stadt verlassen, aber ein großer Teil derjenigen, die geblieben sind, hat das im vollen Bewusstsein getan: um zu arbeiten und zu helfen. In der Stadt hat sich ein Netz von Freiwilligenzentren, Hilfszentren und Verteilungsstellen für humanitäre Hilfe ausgebreitet. Zehntausende von Charkiwer Bürgern beteiligen sich an den freiwilligen Aktivitäten und helfen denjenigen, die ihre Häuser verloren haben, oder sich nicht alles leisten können, was sie brauchen. Viele Menschen campieren seit Wochen in den U-Bahnhöfen oder in den Kellern ihrer Häuser und müssen mit dem Nötigsten versorgt werden – Lebensmitteln, Medikamenten und Wärme. Es sind vor allem die älteren Menschen, die sich unter den Bedingungen des Krieges als hilflos erweisen. Die städtischen Behörden tun zwar viel, um ihnen zu helfen, aber die gezielte mobile Unterstützung durch Freiwillige ist oft unzuverlässig.

Charkiw erhält Unterstützung aus der ganzen Ukraine. Die Stadt steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit vieler europäischer Länder, viele ausländische Journalisten sind da. Das ist sehr wichtig – wir müssen dafür sorgen, dass die russische Aggression und die russischen militärischen Gräueltaten nicht aus der europäischen Medienlandschaft verschwinden, und wir alle müssen dafür sorgen, dass dieser Krieg mit einem Sieg der Ukraine endet und dass alle Täter gerecht bestraft werden. Der Schmerz darüber, dass das Leben Hunderttausender von Menschen gewaltsam und brutal zerstört wurde, darf nicht umsonst bleiben. Das Böse muss bestraft werden. Deshalb ist es wichtig, dass wir darüber sprechen, was jetzt in unseren Städten passiert, was an der Front passiert, was in den von Russland besetzten ukrainischen Gebieten passiert.

»Wenn ich falle, hebt mich keiner mehr auf!«, rief eine Oma, als geschossen wurde, und lief weiter.

Serhij Zhadan

Eine Großmutter wurde am Morgen mitten im Beschuss aufgegriffen und an einen sicheren Ort gebracht. Sie ist 80 Jahre alt und hat zwei Schlaganfälle erlitten. Ihre Kinder befinden sich auf der anderen Seite der Frontlinie, in den besetzten Gebieten. Sie können ihr nicht helfen. Sie hatte nur einen kleinen Rucksack mit Kleidung und einer Kiste mit Lebensmitteln von zu Hause mitgenommen und ihre Wohnung, in der sie ihr ganzes Leben verbracht hat, einfach hinter sich zugeschlossen. Niemand weiß, ob sie in diese zurückkehren kann und ob die Wohnung die Angriffe überstehen würde. Sie wirkte gestresst, aber bei klarem Verstand. Sie erzählte, dass sie in einen Granatbeschuss geraten sei und ihr jemand zugerufen habe, sie solle sich fallen lassen. »Wenn ich falle, hebt mich keiner mehr auf!«, habe sie zurückgerufen und sei weitergelaufen.

Der krumme Geisteszustand des Krieges

Es gibt Hunderte solcher Geschichten, Tausende von Todesfällen und persönlichen Tragödien. Sie bilden den verdrehten, schmerzhaften Körper dieses Krieges, diese Tragödie eines Landes, das man gerade zu vernichten versucht. Aber im Herzen dieses Körpers, im Herzen dieses krummen Geisteszustandes, liegt der Wille der Menschen, ihr Leben zu leben, ihre Freiheit zu verteidigen, für ihre Zukunft zu kämpfen. Wir zahlen in der Tat einen sehr hohen Preis für das Recht, Ukrainer zu bleiben. Es bleibt uns allerdings gar nichts anderes übrig.

Deshalb bleiben wir weiterhin in unseren Festungen und verteidigen sie, in dem Glauben, dass wir siegen werden. Wir schützen unsere Ältesten und unsere Kinder. Auch unsere Erinnerungen. Und unsere Zukunft. Das ist genug, um zu glauben und keine Angst zu haben.

Übersetzung: Anika Zeller/ Kateryna Kharytych