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Und morgen die ganze Welt?

SPIEGEL-Reporter Fritz Rumler über das Poona-Jünger-Treffen »Bhagwan's Bavarian Buddhafield«
• aus DER SPIEGEL 41/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der »Reitclub Eicherloh« im Finsinger Moos, nördlich Münchens, hat schon bessere Leute gesehen. Der Olympionike Josef Neckermann etwa ist hier auf- und abgestiegen; Sepp Maier, der ausrangierte Bayern-Torwart, parkt da ein edles Roß.

Am vorletzten Wochenende war, zum Schutz der 60 Gäule, der Prominenten-Stall in höchster Alarmbereitschaft. Denn anonyme Anrufer hatten angedroht, sie wollten den Reitersleuten den Roten Hahn aufs Dach setzen.

Stallwachen zogen deshalb auf, Amazonen patrouillierten nächtens mit Hunden; wer die Parole nicht kannte -- »Donauwalzer« --, mußte Hiebe und Bisse fürchten.

Auch eine polizeiliche Streitmacht, drei Dutzend Landjäger, kreiste vor Ort, und 80 »Samurai«, Träger des schwarzen Karate-Gürtels und orangeroter Kleidung, standen Hand bei Fuß.

Ins katholische Moos war Gefahr aus dem Osten eingebrochen, eine orangerote Armee des »Bhagwan« (Gott) Shree Rajneesh, ehemals angehimmelter Guru im indischen Poona, nun ins amerikanische Oregon entrückter und in Schweigen versunkener Austragler.

An die 1500 vom Vater verlassene, aus Poona expatriierte »Sannyasin« (Jünger) hatten sich zu einem Zwei-Tage-Konvent ins Eicherloher Hippodrom aufgemacht, zu ihrer ersten öffentlichen Großveranstaltung in Deutschland: »Bhagwan's Bavarian Buddhafield« hieß sich das Vertriebenentreffen, das Entree kostete 45 Mark.

In drei Zelten auf dem Turnierplatz spielten die Sannyasin »Poona live in Bayern«, sangen und zirpten ihre alten Lieder, tanzten sich in Trance und Ekstase, lauschten kniefällig den Video"Lectures« ihres Meisters, handelten gewaltig mit Bhagwan-Devotionalien und nährten sich in seinem Sinne, fleischlos; und herzten einander.

Ein harmlos Ding aus Disco, Oktoberfest und Club Mediterranee hoppelte so über den Parcours; das hat den wachhabenden Polizeirat Wolfgang Ernst »etwas irritiert": Die vielen »negativen Presseberichte« über die Poona-People und die »Lagebeurteilung« hätten sich »zumindest nach außen hin nicht bewahrheitet«.

Denn Bhagwans Rotröckchen geht ja bekanntlich ein Schreckensruf voraus, Sex-Kloster, Psycho-Sekte, Prügel-Kommune sind vertraute Wörter. Die Vorstellung, einem derartig demoralisierten Haufen christlich-sozialen Boden als Spielwiese zu überlassen, mußte die Eingeborenen schaudern machen.

In München, wo sie erst ihren Kirchentag abhalten wollten, auf dem Olympiagelände, waren die Bhagwaniten abgeblitzt. Auf die Reitbahn in der bayrischen Einöde kamen sie über trauliche Verbindungen zum Eigentümer des »RC Eicherloh«, dem einstigen Münchner Faschingsprinzen Rolf Rossius, 37.

Der sah erst die »Chance eines Woodstock-Festivals«, dann befiel ihn »Bauchweh": Er fürchtete, daß die »einheimische Bevölkerung« aus dem Festplatz eine »Tabula rasa« macht, ihn abräumt; die feurigen Telephonanrufe bestätigten ihn darin.

Doch die Landleute, geschätzt wegen ihrer Zucht großer Kohlköpfe, blieben dem Sodom fern, auf Fernglas-Distanz. Die kulanten Polizisten fraternisierten mit den Sannyasin und saßen ihre Zeit bei Bier und Skat im »Reiterstübchen« ab; die orangerote Karate-Garde brauchte nur ein paar beschickerte Disco-Knechte zu verscheuchen.

»Eine Veranstaltung, die in sehr geordneten Bahnen ablief, straff organisiert«, konnte Polizeirat Ernst zum Schluß befinden. Freilich, die Erwartungen, die Bürgermeister Peter Buchmann und der Rat der zuständigen Gemeinde Finsing (2300 Seelen) in das Poona-Fest gesetzt hatten, schienen etwas überspannt gewesen zu sein. In dem in München vorformulierten Auflagen-Bescheid steht, was den Jüngern zugetraut S.284 wurde: »Sexuelle Handlungen oder Ähnliches sind untersagt«; die Darbietungen »dürfen auch nicht in Körperstellungen ausgeführt oder mit Bewegungen begleitet werden, die Geschlechtsverkehrshandlungen oder grob anstößige sexuelle Handlungen nachahmen sollen«.

Weiter im Text: Da zu befürchten sei, »daß Jugendliche aufgrund der Praktiken dieser Sekte Familienbindungen und Berufsausbildung abbrechen sowie an sexuellen Handlungen teilnehmen, die zur Therapie der Sekte gehören«, wird die Veranstaltung für Jugendliche unter 18 Jahren verboten.

Der Bann wurde dann, mangels Anreizes und mangels Dorfjugend, am Samstagabend aufgehoben. Sonntag mittag, nach dem Kirchgang, streifte Bürgermeister Buchmann mit Gattin über das Festgelände, berichtete, Hochwürden habe in der Predigt den Poona-Treff als »sehr uninteressant« abgetan und die Gemeinde wolle diese Leute »nie wieder sehen«.

Das wird sich aber, möglicherweise, nicht vermeiden lassen; denn lauscht man einem bekannten Poona-Deutschen, dem ehemaligen »Stern«-Reporter Jörg Andrees Elten, macht einen die Vision erbeben, daß der Bhagwan-Boom jetzt erst richtig abfährt.

Elten, im feinen Lederjäckchen, die Sannyasin-Hundemarke, die »Mala«, um den Hals, sieht in des Meisters Erdenwallen einen »Fahrplan": Sieben S.285 Jahre sei er gereist, sieben Jahre habe er den »Ashram« (Kloster) in Poona geführt, und nun folgten sieben Jahre, in denen Poonas »Energie« über »die ganze Welt verbreitet wird«; via Mala.

Der Meister, der nun »durch Schweigen spricht«, habe dafür auch einige nützliche Winke gegeben, unter anderem das Kommando »Bart ab«; in einer Ecke des Festzeltes konnten sich Zausel und Struppis auf bürgerliche Maße stutzen lassen.

Ein anderer Wink: Macht euch unabhängig, sitzt nicht der Sozialfürsorge auf der Tasche, steckt eure Energien in die Meditations-Zentren; 50 solcher »Ashrams« gibt es schon in Deutschland, 2000 Jünger allein in München; für eine »Stadt der Sannyasin« wird gerade Geld gesammelt.

»Zulauf ist gut«, sagt Elten; der Orange-Dreß erspare Farbanzeigen in Illustrierten. An Bhagwans Wesen wird die Welt genesen, wenn erst alle an seinem Psycho-Cola zutzeln.

So war das Vertriebenentreffen natürlich auch eine PR-Veranstaltung, eine Gegendarstellung zu den schlimmen Presseberichten. Und ebenso natürlich haben die Sendboten Lämmer gespielt und, bildlich gesprochen, die erwartete Sau nicht rausgelassen.

Von ungezählten Postern blickte Bhagwan, Augen wie in Öl eingelegt, mal schelmisch, mal dämonisch auf seine Herde; der Personenkult floriert. Seine »Lectures« beizt der philosophierende Entertainer gern mit Witzchen. Eins trifft, irgendwie, die ganze Lage:

Herr Mutigmann, erzählt Bhagwan, hat eine neue Wohnung gemietet, seiner Frau mißfällt sie: »Das Bad hat keine Vorhänge. Jedesmal wenn ich ein Bad nehme, werden mich die Nachbarn nackt sehen.« Darauf der Ehemann: »Keine Sorge; wenn dich die Nachbarn nackt sehen, kaufen sie die Vorhänge.«

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