Unschuldiger Verführer - DER SPIEGEL
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LITERATUR Unschuldiger Verführer

• aus DER SPIEGEL 53/1998
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In New York ist es heiß, im Atelier des russischen Malers Alik fiel die Klimaanlage aus. Alik selbst liegt, durch Muskelschwund bewegungsunfähig, schwer krank im Bett und dämmert dem Tod entgegen; Gäste kommen, um ihre letzte Aufwartung zu machen. Und wenn sie erst mal da sind, bleiben sie ein bißchen länger als geplant: duschen, sitzen nackt herum, plaudern, trinken Tee und Wodka, hören Musik, tanzen - eine Art Woodstock im russischen Kleinformat. Denn die Gäste sind russische Emigranten, Verwandte, Freunde; vor allem aber scharen sich Aliks frühere Geliebte um sein Bett. Durch die Trauer vereint, verkehren die einstigen Rivalinnen ohne Murren miteinander.

In Rückblenden schildert die wunderbare Erzählerin Ljudmila Ulitzkaja die turbulenten Lebens- und Liebesgeschichten von Irina, Nina, Valentina und porträtiert gleichzeitig den sterbenden Alik: Dieser Freigeist und unschuldige Verführer lebte vergnügt in den Tag hinein, malte ein wenig, trank viel, liebte die Frauen, so gut er konnte, und wartet nun, eingedenk des gelungenen Daseins, gelassen auf sein Ende.

Ulitzkaja, 55, wurde im Westen bekannt durch »Sonetschka«, die Geschichte einer besessenen Leserin; sie ist eine Autorin der leichten, ironischen Töne, und immer sieht sie mit Begeisterung, Nachsicht und Humor auf das Leben und seine verzwickten Irrwege. Ohne Zweifel gehört ihre ganze Sympathie zupackenden, liebenden, manchmal auch schwachen Frauen. Bevor es zu Aliks Begräbnis kommt, führen ein Pope und ein Rabbi noch Gespräche über Sinn und Unsinn der Religion, beim Totenschmaus schließlich, als alle trübtassig herumsitzen, durchbricht Alik, wie Ulitzkaja schreibt, »in einem einzigen Augenblick die Mauern der Ewigkeit«, wirft ein Steinchen herüber »vom anderen Ufer«. Vom Kassettenrecorder klingt seine Stimme: »Und ich bitte euch, kein Scheißgeheule! ... Trinken wir auf mich! ... Vor allem, sitzt nicht mit verheulter Visage rum. Tanzt lieber.« Kein schlechter Abgang.

Ljudmila Ulitzkaja: »Ein fröhliches Begräbnis«. Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. Verlag Volk und Welt, Berlin; 184 Seiten; 29,80 Mark.

Ljudmila Ulitzkaja: »Ein fröhliches Begräbnis«. Aus demRussischen von Ganna-Maria Braungardt. Verlag Volk und Welt,Berlin; 184 Seiten; 29,80 Mark.

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