UNSICHTBARE MAUER - DER SPIEGEL
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Romane der Leidenschaft: Zur Frankfurter Buchmesse stellt die Kulturredaktion des SPIEGEL die wichtigsten belletristischen Neuerscheinungen vor - Bücher, die von Liebe, Verrat und Tod handeln. UNSICHTBARE MAUER

Von Romain Leick
• aus DER SPIEGEL 42/2005
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Brigitte Giraud beschreibt melancholische Familienferien à la française.

Kinder können unerbittliche Richter ihrer Eltern sein. Vincent, Dorothée und Émilie haben eine feine Witterung für Stimmungsschwankungen, die nahende Gefahren und Kränkungen ankündigen. Scharf beobachten der Junge und die beiden Schwestern ihren Vater und ihre Mutter, Witwer der eine, verlassene Ehefrau die andere. Die beiden Vereinsamten, die einen neuen Anfang wagen wollen, verbringen mit den drei Kindern die ersten gemeinsamen Ferien in einem Haus an der französischen Atlantikküste. Sie wollen wissen, ob sie - er, sie und die Kinder - in der Lage sind, unter demselben Dach zu leben. Der Urlaub soll eine gegenseitige Liebeserklärung werden, vermutlich die erste und endgültige. Schon am Tag ihres Kennenlernens hatte Linda, die Erzählerin dieser melancholisch schönen Geschichte, gespürt, dass ihr Leben neu beginnen würde: »In mir war noch Kraft, die ich längst vergessen hatte.« Doch der Mann, der gesichtslos bleibt, kann sich von der Vergangenheit nicht lösen, die Trauer um seine verstorbene Frau hält ihn gefangen und verhindert jeden Aufbruch.

Die fünf Menschen, die da »Im Schatten der Wellen« zu einer neuen Familie zusammenwachsen sollen, werden immer wieder getrennt durch eine unsichtbare Mauer, die wie eine Bedrohung zwischen ihnen steht und die keine Liebe überwinden wird: »Es gab euch auf der einen Seite, eure Vergangenheit und eure Geheimnisse, zu denen wir keinen Zutritt hatten, sowie uns, unsere eher banale, traurige Geschichte auf der anderen Seite, und wir spalteten uns in zwei Lager, die Männer dort, die Frauen hier.« Am Ende finden die zunächst so misstrauischen Kinder zueinander, nur der Mann fehlt noch, »wir würden auf dich warten«.

Brigitte Giraud, 45, deren zweites Buch in deutscher Übersetzung nun vorliegt, schreibt zart, nüchtern und präzise über Trauer und Verlust, Sorge und Hoffnung - ein Roman zum Mitfühlen. Eine neue Frauenstimme in der französischen Literatur. ROMAIN LEICK

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Brigitte Giraud

IM SCHATTEN DER WELLEN

Aus dem Französischen von Anne Braun. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 128 Seiten; 14,90 Euro.

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