Sprache Unwort Unwort
Die braunen Feuer waren gerade erst gelöscht, da erschien, gleich nach dem Krieg, ein Buch, den Qualm der Nazi-Sprache aus den Köpfen zu vertreiben. »Aus dem Wörterbuch eines Unmenschen« hieß das kritische Glossar des Publizisten Dolf Sternberger.
»Es soll uns diese Sprache fremd machen«, schrieb der Autor in der Vorbemerkung und geißelte den Wortschatz der Mörder, der nichts war als eine Waffenkammer - von »Ausrichtung« ("Wir können nicht in diesem Worte leben, wir können nur daran zugrunde gehen") bis »Vertreter« ("In dichten Scharen umstehen sie die Stelle, die sie nicht vertreten: die Stelle des Menschen, des Individuums, der Person").
Unter Quarantäne stellte Sternberger das Bürokraten-Monster »durchführen«. Das Wort verwische die Nuancen zwischen sachlicher Beendigung, rechtens gefordertem Vollzug, freiwilliger Beteiligung und bloßem Tun. Ob Tiefbauamt den Tunnelbau, christlicher Männerverein die Bildungsarbeit oder Schulen ihre Ausflüge - alle Durchführer vermitteln wenig Lust, aber bittere Entschlossenheit. »Die Führer waren eines Tages verschwunden, aber das Durchführen blieb.«
Doch so zornig und geistreich das »Wörterbuch des Unmenschen« gegen die durch Gewaltherrschaft verkrüppelte Sprache anging - mit jeder Neuauflage mehrten sich bei Sternberger die Zeichen der Resignation. Unbeeindruckt benutzte die deutsche Sprachgemeinschaft nicht nur das »Durchführen« weiter, sondern auch »Anliegen«, »Betreuung«, »charakterlich«, »erarbeiten«, »querschießen«, »Zeitgeschehen« und wie die von den zornigen Sprachpflegern kritisierten Wörter noch hießen.
Der moralisch inspirierten Sprachpflege widerstanden nicht nur träge Sprecher, sondern auch Sprachwissenschaftler. Die Karriere so blasser Funktionsverben wie »durchführen« sei kein Kotau vor der Macht, sondern folge einem schier unaufhaltbaren Trend zur Substantivierung. Eine Gier nach Kürze, Vereinfachung und Schnelligkeit verändere die Sprache - weg von kräftigen Verben, hin zu zusammengesetzten Hauptwörtern: Die »Gesundheitsreform« etwa kann ein Minister wirklich nur betreiben oder durchführen, würde er die Gesundheit reformieren, käme er ins Krankenhaus.
Obgleich sich der schlichte Glaube an die Bekämpfbarkeit des Bösen durch Bekämpfung böser Wörter als naiv erwiesen hat, versucht die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) der Nation den Spiegel vorzuhalten: Seit 1971 benennt die Institution »Wörter des Jahres«, und zum drittenmal kreierte sie jetzt die »Unwörter«.
An den Hits der Sprachschützer zeigt sich, wie vergänglich moralische Begeisterung für ein Wort sein kann. 1979 galt »Holocaust«, Titel der damals in Deutschland ausgestrahlten US-Serie über die Judenverfolgung, als das »ernsteste und erschütterndste Wort des Jahres« (GfdS). Heute wirkt die Bezeichnung hierzulande bloß noch exkulpierend: Der deutsche Judenmord war kein Brandopfer.
Was damit gewonnen ist, die »ethnische Säuberung«, Unwort des vorvergangenen Jahres, zu brandmarken, bleibt ein Rätsel. Hat je ein Mensch nur des Ausdrucks wegen geglaubt, die Serben veranstalteten ein friedliches Großreinemachen? Dumme Euphemismen enthüllen mehr, als sie verschleiern: Die »elektronische Beweissicherung« zeigt das schlechte Gewissen des Lauschangreifers, der »Entsorgungspark« den Leichtsinn der Atom-Lobby.
Daß sich der »kollektive Freizeitpark«, mit dem Gelegenheitsironiker Helmut Kohl den zweiten Platz auf der diesjährigen Unwortliste schaffte, nicht schon als unfreiwillige Realsatire erledigt hat - die Frankfurter Allgemeine verwies zu Recht darauf, daß vier Millionen Arbeitslose Zwangsmitglied in dieser amüsanten Einrichtung sind -, darf eigentlich als sicher angesehen werden. Was bedarf es noch der Sprachschelte?
Und »Überfremdung«, das Unwort 1993, erstmals im Duden von 1929 erwähnt als »Aufnahme zu vielen ausländischen Geldes«? »Es dient immer wieder als Pseudoargument«, begründet die GfdS, »für die dumpfe Angst mancher Deutscher davor, daß sie durch angeblich minderwertige Ausländer majorisiert werden können.«
Viele dieser »manchen Deutschen« leben nicht in Villenvierteln, sondern Stadtteilen, wo ihre Kinder in Schulen und Kindergärten zur deutschen Minderheit gehören. Ob sich an ihren gemischten Gefühlen etwas ändert, wenn die beanstandete Vokabel dafür vermieden wird, ist zweifelhaft.
Vielleicht sollte die GfdS mal das Unwort Unwort auf den Index setzen. Das Grimmsche Wörterbuch tut sich mit dem Ungetüm schwer und zitiert als literarischen Verwender den schwäbischen Romantiker Justinus Kerner (1786 bis 1862): »Gesang einer wahnsinnigen Frau, der nur in den Worten ririroldidi bestand. Sie sang dieses Unwort immerwährend in gleicher Modulation fort.« Y