LITERATUR Vater und Sohn
Ein Vater geht im Kaufhaus hinter seinem Sohn her, der sich bewegt wie ein betrunkener Matrose. »Geh ordentlich!«, ermahnt sein Vater ihn. Paolo, sein Sohn, ist Spastiker, er hat Mühe beim Laufen und beim Sprechen. »Wenn du dich schämst«, erwidert er, »kannst du ja ein bisschen Abstand halten.« Mit dieser anrührenden Szene führt der italienische Schriftsteller Giuseppe Pontiggia das Thema seines neuen Romans ein: das schwierige Verhältnis eines Vaters zu seinem behinderten Sohn. Mit viel Zärtlichkeit und Wärme beschreibt Pontiggia den Schmerz, die Verzweiflung, die Scham und die Schuldgefühle des Vaters, die Wut auf die Ärzte und auf Gott, die Wut aber auch auf ein heranwachsendes Wesen.
Pontiggia, 67, schildert die professionelle Distanz der Ärzte, ihre Hilflosigkeit, die wiederum die Ängstlichkeit der Eltern verstärkt. Dystonische spastische Tetraparese erfordere viele Stunden täglicher Physiotherapie, erklärt eine Ärztin, man müsse die Bewegungsabläufe Paolos normalisieren - eine Aussicht, die die Eltern in Panik versetzt.
Der Schicksalsschlag bringt das Familiengefüge völlig durcheinander. Der ältere Bruder Alfredo fühlt sich abgestoßen von der Zerbrechlichkeit Paolos, dessen Krankheit provoziert immer neu die Ungeduld des Vaters, was wiederum die Beziehung zwischen diesem und seiner Frau Franca belastet. »Es gibt so vieles, was nicht über die Sprache funktioniert!«, sagt Franca. Es dauert zwanzig Jahre, bis ihr Mann begreift, dass sie Recht hat. »Zwei Leben«, in Italien ein großer Erfolg, ist eine zarte, manchmal bittere Liebesgeschichte zwischen Vater und Sohn und gleichzeitig das eindrucksvolle Porträt eines unwiderstehlich liebenswerten Jungen: Er verzeiht die Abwehr und Ignoranz der Erwachsenen und der anderen Kinder wieder und wieder und bedenkt sie mit einem milden Lächeln, wenn sie ihn wie einen Idioten behandeln. So ist es schließlich auch ein tröstendes Buch über die Liebe eines Kindes, die sogar die Verzweiflung des Vaters zu heilen vermag.
Giuseppe Pontiggia: »Zwei Leben«. Aus dem Italienischen vonKarin Krieger. Carl Hanser Verlag, München; 224 Seiten; 17,90 Euro.