Vatermutterkind - DER SPIEGEL
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FILM Vatermutterkind

Das jüngste Kino-Kunststück des spanischen Melodramatikers Pedro Almodóvar hält, was es verspricht: »Alles über meine Mutter«.
Von Urs Jenny
• aus DER SPIEGEL 44/1999
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dass Männer lieber Frauen sein möchten, in der uneingestandensten Tiefe ihres Narzissmus zumindest, in ihrem geheimsten Traum von sich selbst, ist statistisch wohl nicht zu beweisen. Nicht jeder kleine Junge stellt sich im Nachthemd seiner Mutter vor den Schlafzimmerspiegel, um sich lieben zu können, doch die Phantasie davon ist mächtig.

Pedro Almodóvars Sache war noch nie das platt Wahrscheinliche, das statistisch Beweisbare, vielmehr jene Art von Wahrheit, die erst im Künstlichen, im Phantastischen zum Vorschein kommt. Er bedient sich mit Lust und geschmeidiger Bravour der Stilmittel des traditionellen Melodrams, ohne Scheu vor den Rührseligkeiten oder Kitsch-Gipfeln des Genres, und landet doch nicht bei traditionellen Gewissheiten, sondern macht daraus den Entwurf einer Welt, in der Geschlechterrollen und Identitäten beweglicher sind, frei, wandelbar, abenteuerlich ungewiss.

Sein neuer Film beginnt mit einem Todesfall und ist eine Überlebensgeschichte: Manuela, von Beruf Krankenschwester, allein erziehende Mutter, verliert am Abend seines 17. Geburtstags ihren geliebten Sohn Estéban, der Dichter werden wollte und an einer Erzählung mit dem Titel »Alles über meine Mutter« schrieb - in schwärmerischem Leichtsinn ist er in ein Auto hineingerannt.

Sein Herz, transplantiert, schlägt nun in der Brust eines fremden Mannes, und Manuela - wohin sonst mit ihrer Trauer? - macht sich auf die Suche nach seinem verleugneten und verschollenen Vater, der ebenfalls Estéban hieß. Der einzige Hinweis, den der Sohn je zu Gesicht bekam, am Tag vor seinem Tod, waren ein paar »halbe« Fotos, die seine Mutter als junge Frau zeigten. Kein Zweifel, auf der abgerissenen anderen Hälfte wäre der Mann zu sehen gewesen, sein Vater, den er mehr und mehr als Lücke in seinem Leben wahrnahm, als fehlende Hälfte seiner Identität.

Manuela, als wäre sie das ihrem Sohn schuldig, fährt von Madrid nach Barcelona, zurück in die Stadt, aus der sie vor bald 18 Jahren, schwanger, geflohen ist: geflohen vor jenem ersten Estéban. Hals über Kopf aber gerät sie dort in einen wahren Strudel von Frauenschicksalen: Sie hatte Hilfe gesucht und wird, da dies ihr Beruf ist, überall selbst zur Helferin. Almodóvars Blick auf die Frauen ist (wie der von Ingmar Bergman) niemals possessiv; er bringt sie mit so viel Liebe zum Leben, als könnte er dadurch eine von ihnen werden.

In einem jener schrill bunten, aufdringlich überladenen und doch einladend wohnlichen Innenräume, Seelenräume, in denen, man kennt das längst, alle Almodóvar-Figuren zu Hause sind, sitzen ein einziges Mal - da sie sonst unentwegt in Bewegung sind - drei der weiblichen Hauptfiguren entspannt beisammen: Jede repräsentiert (auf den männlichen ersten Blick) platt eine stereotype Frauenrolle: die Nonne (Penélope Cruz), die Hure (Antonia San Juan), die Mutter (Cecilia Roth); doch jede stellt, auf den zweiten Blick, durch ihre Individualität das Klischee auf den Kopf (die Nonne ist schwanger, die Hure ein Mann). Und dann tritt als vierte, überragend in ihrer Grandezza, die Diva auf (Marisa Paredes), das höhere oder gar höchste Wesen in dieser ganz und gar almodóvarschen Frauenphantasiewelt.

Die Diva nämlich ist nicht einfach von Natur aus Frau, wie sonst irgendeine Dahergelaufene, sondern sie erschafft sich erst durch Pose, Maske, Kostüm, durch Selbstinszenierung und Selbstüberhöhung ihre Identität, die nur ein stumpfer Macho für Lug und Trug halten wird. Das Ziel der Diva ist dem ganz ähnlich, das der Transvestit sich erträumt: Frau sein in einer höheren Potenz.

Wenigstens zwei aus der Gruppe der Frauen, von denen Almodóvar erzählt, sind in der Tat, platt biologisch betrachtet, Männer. Sie sei früher Lkw-Fahrer gewesen, sagt eine von ihnen, aber »dann habe ich mir Titten machen lassen und bin Nutte geworden«. Sie zählt auf, wo überall Silikon ihr zu ihren Kurven und also zu ihrer weiblichen Identität verholfen hat, und sagt: »Man ist umso authentischer, je näher man seinem Traum von sich selbst kommt.« Schein oder Sein? Elegant und verwirrend jongliert Almodóvar (zu dessen Figuren auch eine Kunstfälscherin gehört) mit den Begriffen von Maske und Wesen, von Fälschung und Original.

Am Ende erinnert die Diva mit einem Szenenzitat, der Klage einer Mutter um ihren toten Sohn, an García Lorcas schwulschwülstige Mutterschaftsmystik. Am Ende wird ein Kind geboren, das, den Gesetzen des Melodrams gemäß, den Namen Estéban bekommt. Am Ende wird auch der Vater gefunden, der erste Estéban, nach dem sich, vor Monaten, Manuela auf die Suche gemacht hatte. Er kommt langsam und gemessen eine hohe Treppe herabgeschritten wie eine Revue-Diva, sehr fahl, schmal, schon dem Tode nah, im schwarzen Kostüm sehr ladylike - seine Erscheinung erinnert daran, dass für die spanische Phantasie der Tod eine Frau ist.

Vor sechs Wochen, ein paar Tage nach ihrem Tod, hat Almodóvar einen Nachruf auf seine Mutter veröffentlicht. Er erinnert sich an die bäuerlich-ärmliche Kindheitswelt, in der die Mutter ihm als erste Verkörperung der Phantasie erschien. Zum Namen eines Spaniers gehört neben dem väterlichen auch der mütterliche Familienname (der doch auch eine Hälfte seiner Identität bezeichnet); manche verzichten im Alltag darauf, bei anderen verdrängt der Muttername den des Vaters, halbwegs etwa bei Lorca, ganz bei Picasso.

Almodóvar hat sich, zum Bedauern seiner Mutter, ihren Namen nie zu Eigen gemacht; vielleicht, weil er unbewusst vor dem Männlichen darin zurückscheute. Doch der Nachruf nun, erstmals, ist unterzeichnet: Pedro Almodóvar Caballero. Sollen wir umlernen? Wenn er weiter so wunderbar satte, stürmische, exaltierte Filme macht, wollen wir ihn fortan gern Caballero nennen. URS JENNY

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