KUNSTSAMMLER Verbindliche Grüße
Wer was Schönes hat, soll es auch sehen lassen. Kunstwerke von Rang, so verkündet etwa der Maler, Autor und Sammler Lothar-Günther Buchheim, sollen, juristisch betrachtet, ruhig privates Eigentum bleiben -- »aber als Besitz gehören sie der Gesamtheit«.
Gesagt, getan. Sei es Edelmut oder Eitelkeit: Vieles, was an deutschen Museumswänden prangt, haben private Liebhaber hergegeben, und zumal in Sachen moderner Kunst ständen einige Bildertempel ohne solche Beihilfen weitaus ärmlicher da. So aber sparen sie Ankaufsmittel, kommen womöglich an sonst unerreichbare Raritäten und dürfen schließlich hoffen, daß aus ("Dauer«-)Leihgaben einmal Geschenke werden.
Geliehen hängen, vorerst, zum Beispiel zehn wichtige Werke des expressionistischen »Brücke«-Kreises in der Münchner Staatsgalerie moderner Kunst (Eigentümer: Buchheim). Vorerst geliehen, aber großenteils rechtskräftig zur Schenkung bestimmt, füllen Bilder und Objekte seit der Pop-Art in Köln Suiten von Museumssälen; Leihgeber ist der Aachener Fabrikant Peter Ludwig, der schon der ganzen Galerie (Museum Ludwig) seinen Namen aufgedrückt hat. Aber auch Museen, die noch im (Neu-)Bau sind wie das in Mönchengladbach oder die S.263 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, können bereits größere Leih-Kollektionen einplanen.
Schlaglichter der letzten Woche: In Düsseldorf wurden, für eine Doppelausstellung der Kunsthalle und des Kunstmuseums (ab 19. September), die ersten Transportkisten mit Minimal-Skulpturen geöffnet -- Kostproben einer Aktualitätensammlung, aus der ihr Eigentümer, der Mailänder Graf Giuseppe Panza di Biumo, später reichlich Dauerleihgaben ins Rheinland geben will.
In Feldafing bei München saß unterdessen Buchheim, 62, mit einem groben Brief von Bayerns oberstem Museumsdirektor da, der ihm »umgehend« die Rücknahme »sämtlicher Leihgaben« anbefahl. In Köln wiederum wurde bekanntgemacht, daß Kunstfreund Ludwig, 55, mit seinen Kollektionen künftig noch weiter und breiter wirken will: Nun ist eine »Stiftung Ludwig« mit Bundes- und Landesbeteiligung geplant.
Der Industrielle, Mitinhaber der Monheim-Schokoladenwerke, verkörpert das größte Engagement und den größten Einfluß eines Privatmannes auf der deutschen Kunstszene. Auf seine Kaufwut richten Galeristen ihre Hoffnung; seine Macht, Preise zu drücken, läßt sie zittern. In Köln, wo Ludwig als »eine Art Kunsterzbischof« ("FAZ") gilt, hat er die Stadt 1976 durch ein Schenkungsversprechen auf einen großen Museumsneubau verpflichtet, der bis 1985 fertig sein muß.
Über die rund 350 Werke aktueller Kunst hinaus, die im Vertrag von damals aufgezählt sind, hat das seitherige Museum Ludwig aber ständig neue Ludwig-Leihgaben empfangen. Weiteren Kunstbesitz aus Moderne, Mittelalter, klassischer Antike und präkolumbischem Amerika hat der Sammler noch in 16 anderen Museen von Köln bis Paris, Wien und Ost-Berlin deponiert. Zum Lohn fliegen ihm Ehrendoktorate, Professortitel und Ehrenbürgerschaften zu, und an der deutsch-schweizerischen Grenze ist er von Zollkontrollen ausgenommen.
Sein ganzes, schwer überschaubares Imperium gedenkt Ludwig (genauer: das kinderlose Ehepaar Ludwig) nun in eine Stiftung mit dem Sitz Köln einzubringen. Von der Stadt wäre dazu vielleicht der Neubau des Museums Ludwig beizusteuern, von Bund und Land jedenfalls reichlich Geld, damit sich auf der Grundlage der (auch künftig verstreuten) Groß-Kollektion weiter sammeln, forschen und ausstellen ließe -- auch international.
Ludwig selbst würde, wie gehabt, kaufen und schenken, soweit und was er mag, und hätte im Stiftungsrat eine von vier Stimmen. Bonn, so erklärt der Kölner Kulturdezernent Peter Nestler das offenbar vorhandene Bundesinteresse, könnte unter anderem die Abwanderung von Kunstwerken ins Ausland verhindern. Umrißhaft zeichnet S.265 sich so die Gründung einer mächtigen Kulturinstitution ab. Sie ist anscheinend in Vorgesprächen weit gediehen, aber noch keinem Beschlußgremium präsentiert worden und nur durch eine »wirklich bedauerliche Indiskretion« (Nestler) des »Kölner Stadt-Anzeigers« bereits ans Licht gekommen. Unvermutet zeigt sich, wieviel ein Kunstsammler ausrichten kann, der seine Mittel zielstrebig einsetzt.
Mit Ludwig zu vergleichen ist da allenfalls Graf Panza, 57. Der adlige Unternehmer hat eine Sammlung vorwiegend amerikanischer Gegenwartskunst zusammengebracht, die, wie er selber sagt, »einige Museen füllen könnte«. Und auch eine weitreichende Leihgabenstrategie hat der italienische Ludwig entwickelt.
Schon aus dem Jahr 1974 stammt ein Vertrag, in dem Panza der Stadt Mönchengladbach eine Reihe amerikanischer Action-Painting- und Pop-Gemälde zusagt. Doch bei schleppendem Fortgang des Museumsneubaus disponierte der Sammler um. Er möchte nun die Bilder nach Düsseldorf, nach Mönchengladbach über jüngere, sperrigere Objekte leihen; eine Einigung steht noch aus.
Spannungen zwischen Leihgebern und Museen sind üblich und vielleicht gesund. Außergewöhnlich ist jedoch der Krach zwischen Buchheim und dem Münchner Generaldirektor Erich Steingräber. Seit 1962 hatten die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen Buchheim-Expressionisten in wachsender Zahl verwahrt (teils in den Schausälen, teils im Depot). Während Gespräche über eine Schenkung nicht ans Ziel kamen, verloren durch Neuerwerbungen des Museums die Buchheim-Bilder relativ an Gewicht.
Rauswerfen wollte der Generaldirektor sie aber erst, als der Leihgeber aufsässig wurde. Buchheim, ein notorischer Polemiker, hatte in einem Interview mit der Hamburger Kunstzeitschrift »Art« einen Münchner »geistigen Raum« vermißt und statt dessen »Anpassung an den Zeitgeist«, ja »Nazi-Geist« geortet.
In Urlaubs-Abwesenheit des zuständigen Konservators für moderne Kunst, der das Interview gegengelesen und »ganz sportlich genommen« hatte (Buchheim), fand Steingräber den Text »an Scheinheiligkeit und Borniertheit nicht zu übertreffen«. Buchheims Bilder waren für ihn, auf einmal, derart wertlos, daß der Eigentümer ganz zu Unrecht durch die Leihgabe -- wie üblich -- Vermögenssteuer sparte. »Dafür«, so Steingräber am Mittwoch in den »Tagesthemen«, »übernehme ich nicht die Verantwortung.«
Ende der Woche übernahm er sie wieder, offensichtlich auf Weisung von Kultusminister Hans Maier, der Steingräbers Kündigungsschreiben prompt für unwirksam erklärt hatte. Nach dem grußlosen ersten Brief war der Generaldirektor nun Buchheim »sehr ergeben« und schlug »mit verbindlichen Grüßen und Empfehlungen« vor, wechselseitige Kränkungen gegeneinander aufzurechnen. Doch der Sammler, dem nebenbei noch angehängt worden war, als Kriegsberichter »markante Kämpfer für den Endsieg« gezeichnet zu haben, blaffte zurück: »Von Aussöhnung kann keine Rede sein.«
Ihn stärkten Solidaritätsbekundungen, beispielsweise vom Leihgeber-Kollegen S.266 Peter Ludwig, und Angebote auswärtiger, beispielsweise Kölner Museen, seine Sammlung »im Triumph« aus München abzuholen. Bei Ludwig glaubt Buchheim nun auch vorbildhaft zu sehen, wie »man mit den Beamten umspringen« muß.
S.265Oben: Vor dem Environment »Bath-Tub 3« von Tom Wesselmann.*Unten: Minimal-Skulptur von Carl Andre.*