FILM Verbogenes Blech
Tiefe Nacht in Baltimore. Der weich lächelnde junge Angestellte und die europäisch mondäne Frau seines Chefs haben sich nacheinander von der Betriebsparty weggestohlen und liegen sich, m seinem Appartement, zum ersten Mal in den Armen.
Danach geht er ins Bad, das Wasser rauscht geräuschvoll, während seine Geliebte im Schlafzimmer Schreie von der Straße hört. Sie stürzt ans Fenster und sieht, wie ein Mann eine Frau von hinten angefallen hat, sie würgt und die Zappelnde über den Boden schleift.
Sie rüttelt am Fenster, das klemmt schließlich öffnet sie es, das Geräusch verscheucht den rothaarigen jungen Mann, der noch einen panischen Blick zum Fenster richtet.
Die heimliche Geliebte, die Ehebrecherin am verbotenen Ort als einzige Augenzeugin: das ist eine Ausgangssituation a la Hitchcock. Denn natürlich schlägt der verhinderte Triebtäter in der gleichen Nacht noch einmal zu. Wie kann das Liebespärchen der Polizei helfen, ohne die lukrative Ehe der Frau, ohne die sichere Anstellung des jungen Mannes zu gefährden?
Der Ausweg scheint einfach, der Trick ist naheliegend. Er läßt sich von ihr mit der Beschreibung des Triebtäters präparieren und stellt sich der Polizei als Zeuge. Natürlich wird die Halbwahrheit bald zur Schlinge, die sich immer enger um den Hals des falschen Augenzeugen zusammenzieht.
In einer blendend gemachten Gerichtsszene zerfetzt der Anwalt des Täters mit einem Überraschungscoup die falsche Zeugenaussage. Mehr und mehr gerät jetzt der junge Mann in den Verdacht, selbst der Mörder zu sein. Die Geliebte läßt ihn kühl und egoistisch im Stich, und wäre da nicht das junge Beinahe-Opfer an seiner Seite - der bedrängte Sympathling stünde bös im Regen.
So aber kommen die zwei, nach einem spektakulären Mord in der Oper, einer Verfolgungsjagd und einer Mordverhinderung in letzter Sekunde doch noch zu einem Happy-End. Beide sind unverheiratet, sie werden, worauf man wetten kann, diesen Zustand möglichst umgehend ändern, so daß sie künftig alles, was vor ihrem Schlafzimmerfenster passiert, in voller Wahrheit jederzeit der Polizei melden können.
Wie auch die meisten Hitchcock-Krimis ist das »Schlafzimmerfenster« (nach einem englischen Kriminalroman von Anne Holden) im Grunde eine moralische Bestrafungsphantasie. Es ist der Ehebruch, der das Paar in den Strudel des Verbrechens zieht, sie erst zu Zeugen, dann zu Mitschuldigen, dann zu scheinbaren Tätern macht.
Die Szene, in der der Held im vollen Scheinwerferlicht in einer Ballettaufführung vor dem Vorhang steht (wie der moralische Schurke im Mittelalter am Pranger) und von allen empört angestarrt wird - ist die typische Hitchcock-Klimax dieses Angsttraums: Die heimliche Schande wird in die größtmögliche Öffentlichkeit gezerrt.
Daß dieses moralische System nur noch mit Karriere-Ängsten oder der Furcht, einen gutzahlenden Gatten zu verlieren, in Gang gehalten wird, macht den Film jedoch zur angestrengten Konstruktion in arg verdünnter Atmosphäre.
Der versierte Regie-Neuling Curtis Hanson muß das gespürt haben, denn er versucht, die kahle Geschichte, die uns nicht einmal verrät, welchem Beruf der junge Mann denn nun in seinem geschniegelten Office nachgeht, mit unterbewußtem Patriotismus aufzupäppeln.
Steve Guttenberg, der die Gutartigkeit seines Helden hart an der Grenze zur Dummheit ansiedeln muß, ist ein dosenbiertrinkender Junggeselle, den die Hautecouture-umhüllte Frau des Chefs (Isabelle Huppert hat ihren französischen Akzent in der deutschen Version leider verloren) nicht nur ins Karriere-bedrohende Bett lockt, sondern ihn auch dazu verführt, teuren (importierten) Meursault zu trinken.
Erst die joggende, biertrinkende Kellnerin (Elizabeth McGovern erweckt den Eindruck, daß Disco-Serviererinnen alle in Yale studiert und mindestens einen Senator zum Vater haben) bringt ihn aus der mondänen europäischen Welt der Lüge und des Nichthandelns zurück zu Dosenbier, Wahrheit und Aktivität.
Leider führt gerade das Handeln zu den hanebüchenen Unwahrscheinlichkeiten des Endes, wo, wieder einmal, vor allem Autos zu Schrott gefahren werden. Das amerikanische Action-Kino verwüstet mit seinen Zerstörungsorgien inzwischen selbst Psycho-Krimis. Am Ende bleibt dann auch von der Geschichte nicht mehr als verbogenes Blech. Dabei fing sie im Schlafzimmer so vielversprechend an.
Hellmuth Karasek _(Mit Isabelle Huppert, Steve Gutenberg. )
Mit Isabelle Huppert, Steve Gutenberg.