Verbum voran - DER SPIEGEL
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SCHRIFTSTELLER / WALSER Verbum voran

• aus DER SPIEGEL 21/1967
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Poeten seien doch bessere Patrioten, meinte der Poet Rudolf Hagelstange. Niemals zuvor hätten deutsche Dichter ein so intensives Interesse am Staat bekundet wie derzeit. Trotzdem sei das Verhältnis zwischen Schriftstellern und Politikern in der Bundesrepublik denkbar schlecht.

Das Verhältnis zu verbessern, hatten die »Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung« und der Westdeutsche Rundfunk zu einer öffentlichen Diskussion nach Köln eingeladen: Rudolf Hagelstange, Hans Egon Holthusen, Friedrich Torberg und Martin Walser (Literatur) -- Adolf Arndt, Conrad Ahlers, Johannes Gross. Eugen Gürster (Politik). Ihr Thema: »Die Politik und die Literaten Die Literatur und die Politiker«.

Wie schwer das Verhältnis zu verbessern ist, zeigte sich, als Martin Walser in die Debatte eingriff.

Der Schriftsteller beklagte, was sonst eher konservative Politiker zu schelten lieben: »die Verächtlichmachung des Staates in Deutschland. Allerdings: Schuld daran sind laut Walser nicht die von Politikern geschmähten Literaten. sondern die Politiker selbst -- jene, die es zugelassen hätten, daß der neue Staat der freien Wirtschaft hörig geworden sei.

Walser: »Die Parteien haben es geschehen lassen, daß auf der Strecke blieb. was der Wirtschaft nicht unmittelbar diente.« Und: »Warum wählen wir eigentlich noch? Warum noch dieser politische Anstrich? Warum nicht gleich die Interessenverbandsvertikale?« (siehe Kasten).

Eine Kritik dieser Art, so fand selbst der kunstsinnige SPD-Politiker Adolf Arndt, mache das Gespräch zwischen Literaten und Politikern unmöglich. Arndt: »So geht das nicht.«

Walser das machte seine Äußerungen so wenig gängig -- hatte sich von allen Spielarten literarischen Engagements distanziert, die Politikern bisher von Literaten vertraut waren.

Er sei, sagte der Schriftsteller, kein »Hofastrologe«, keiner jener Autoren, die »nicht auf dem Papier bleiben können«, die »einen Augustus oder wenigstens dessen Ohr« brauchen.

Er halte auch wenig von einem Engagement, das sich im »Anbellen eines Status quo« erschöpfe, der »im Bewußtsein der aufgeklärteren Bevölkerung schon überfällig ist« -- ein Protest, der nur »Spielbeiträge« von kulinarischer Köstlichkeit« liefere.

Er sei schließlich nicht überzeugt vom Wert jenes »praktischen Engagements« nach dem Motto »Tu was für die SPD« und nach Art des Berliner Wahlkontors von 1965. Walser: »Der Schriftsteller soll den Rednern die Syntax verbessern, das Verbum voranstellen, das Adjektiv betörend machen, so daß die Redner, von Wehner ohnehin in ihrer Spontaneität schon arg geschädigt, nun auch noch einen fremden Satzbau nachplappern müssen.

Vielmehr rechne er sich, so sagte der »Einhorn«-Verfasser, zu den Schriftstellern, »die für niemanden sprechen können als für sich selbst ... diese Schriftsteller sind keine Ratgeber, sie wissen nichts besser«. Sie wollen sich ihr Engagement nicht von »Literaturaufsehern« abverlangen lassen, »fast wie den Arierausweis«. Sie »rühren sich nur, wenn sie sich provoziert fühlen durch etwas, was sie für ein Übel halten«. Und sie bieten »Aufklärung nicht bloß als erwünschter Krawall, sondern als erwünschte oder auch als unerwünschte Mitarbeit«.

Den utopischen, auf die Tagespolitik nicht anwendbaren Sinn der Walserschen Aufklärung über die »Verächtlichmachung« und Verwirtschaftung des Staates mochte die polit-literarische Diskussionsrunde nicht einsehen. Die Debatte (Leitung: Eugen Kogon) verlor sich in Einzelheiten wie VW-Privatisierung, Lübke oder Vietnam. Es sei unbillig, so beteuerte Walser, von ihm, dem Schriftsteller, zum Beispiel Lösungsvorschläge für den Vietnam-Konflikt zu erwarten; einzig das Schweigen deutscher Politiker, ihre opportunistische Sprachlosigkeit angesichts dieses Konflikts habe er kritisieren wollen.

Die Runde würdigte nicht, was den Wert einer so pauschalen Kritik wie der von Walser ausmacht: daß sie sprachlos konservierte Übereinkünfte aufkündigt -- etwa die vom »Naturgesetz« der freien Marktwirtschaft, »außerhalb dessen kein Heil sei«.

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