KIRCHE / REFORMATION Verdeckte Botschaft
Daß der Züricher Reformator Huldrych Zwingli (1484 bis 1531) nicht nur eine Gestalt der Kirchengeschichte, nicht nur ein frommer Gottesmann und schon gar nicht nur ein puritanischer Prediger, der gegen »Seide und ähnlichen Weiberschleck« wetterte, sondern der Vorbereiter einer modernen politischen Theologie gewesen sei, ist das jüngste Ergebnis der neueren Zwingli-Forschung.
Zwei Schweizer Gelehrte, der Historiker Martin Haas und der Berner Theologie-Professor Gottfried Locher, haben in diesem Jahr -- zum Jubiläum »450 Jahre Zürcher Reformation« -- zwei neue Bücher veröffentlicht, in denen sie die Aktualität Zwinglis für das gegenwärtige Bemühen um neue Vorstellungen von Glauben und Kirche beweisen wollen*.
Bereits Zwingli habe, schreibt Locher, wie es Theologen der Gegenwart auch tun, der Kirche ein »prophetischkritisches Wächteramt« gegenüber Staat und Gesellschaft aufgetragen. So fordert etwa einer der aufsässigsten modernen katholischen Theologen, der Münsteraner Professor Johannes Baptist Metz, für die Kirche, sie müsse »in dieser gesellschaftlichen Welt ... eine kritische befreiende Aufgabe« übernehmen.
Zwingli gestand auch dem einzelnen Christen ein Widerstandsrecht gegen eine tyrannische Obrigkeit zu und
* Gotttried W. Locher: »Huldrych Zwingli in neuer Sicht -- Zehn Beiträge zur Theologie der Zürcher Reformation. Zwingli Verlag, Zürich; 308 Selten; 36 Mark.
Martin Haas: »Huldrych Zwingli und seine Zeit -- Leben und Werk des Zürcher Reformators«. Zwingli Verlag, Zürich; 286 Seiten; 14,80 Mark.
versuchte, christlichen Glauben mit politischem Handeln für eine gerechte Gesellschaft zu vereinen. Locher: »Von Anfang an kam Zwingli von der politischen Frage her zur Glaubenserkenntnis, um dann vom Glauben aus wieder Politik zu treiben.«
Der Reformator hatte in Wien und Basel Philosophie studiert. Wie viele Studenten der damaligen Zeit sah auch er in den Schriften der Humanisten, besonders in den Werken des Erasmus von Rotterdam, die Signale für eine Befreiung vom erstarrten scholastischen Wissenschaftsbetrieb. Zwingli verschrieb sich ganz der Neubesinnung auf das Evangelium, und dabei fand er, so sein Biograph Haas, »seine bibelkritische Methode«, indem er die Lehrmeinung der kirchlichen Hierarchie und die Kommentare der offiziellen Kirchenphilosophen verwarf und »die Bibel aus der Bibel heraus zu erklären« versuchte.
Die Rückkehr zum Neuen Testament war für Zwingli aber nicht nur eine theologische Frage, sondern hatte zugleich gesellschaftspolitische Konsequenzen. So trat er für eine gerechte Eigentumsverteilung ein, so forderte er den »totalen Pazifismus« (Haas), und so bekämpfte er die hierarchischen Institutionen, die nach seiner Meinung das Gebot der Nächstenliebe mißachteten. Nicht nur die Kirche, so Historiker Haas, wollte Zwingli durch das Wort Gottes verändern, sondern auch das soziale und politische Leben.
Zwei Jahre nach Luthers Thesenanschlag kam Zwingli nach Zürich. Für ihn, so urteilt Locher, der als erster klar erkannt hatte, »daß die Reformation, soziologisch betrachtet, eine Bewegung von Bürgern war, was der Mönch und Fürstenmann Luther verhängnisvoll übersehen hat«, war die Stadt mit ihren Bürgern die geeignetste Basis für die Verkündigung der Reformation.
Wie ein moderner Soziologe analysierte Zwingli die Manipulation des Menschen durch Heiligenverehrung und Myrrhe, durch vergoldete Altäre, Reliquien und Orgeln in den Kirchen. Diese Äußerlichkeiten schafften falsche Bedürfnisse, verdeckten das Eigentliche -- der christlichen Botschaft und entfremdeten die Christen der Quelle der Wahrheit, der Bibel. Locher: »Wo man den wahren Gott nicht kennt, treten die materiellen Dinge an seine Stelle.«
Zwingli sei, so meint Theologe Locher, »aus Angst zum Reformator geworden, aus Angst vor Gottes Zorn«. Wieweit dabei sexuelle Anfechtungen eine Rolle gespielt haben, läßt Locher offen. Tatsache ist, daß Zwingli noch als Priester in Einsiedeln ein Verhältnis mit einer Dirne hatte und in Zürich mit einer Witwe, die er später heiratete, längere Zeit im Konkubinat gelebt hat.
1531 starb der politische Theologe Zwingli auf dem Schlachtfeld. Im Kamp um die politische und religiöse Einheit der Schweizer fiel der »totale Pazifist«.