Verletzlicher Held - DER SPIEGEL
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LITERATUR Verletzlicher Held

• aus DER SPIEGEL 4/2003
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Erotische Erfahrungen in einem Feriencamp haben die 17-jährige Marie zu einem erwachsenen Menschen gemacht. So jedenfalls kommt es ihrem Vater vor, der seine Tochter kaum wiedererkennt. Umso klarer sieht Kurt Steenken im Spiegel sich selbst: Stirnglatze und Hängebacken zeigen nicht mehr den Mann, der er mal war. Aber die Erinnerungen an jene aufregende Zeit, als er noch wild und ausschweifend war, sind noch nicht verblasst. Im Gegenteil. Plötzlich gibt es gute Gründe, hinabzutauchen in die eigene Vergangenheit.

Klaus Modick, 51, erzählt in seinem neuen Roman »September Song« die Geschichte eines in die Krise geratenen Fast-Fünfzigers. Und dankbar nimmt man zur Kenntnis, dass Modicks Ich-Erzähler, in trauter Ehe mit Trudi verheiratet und Schulbuchlektor von Beruf, zur Bewältigung seiner Midlife-Crisis keiner Affäre mit einer biegsamen Zwanzigjährigen bedarf, sondern sich mit Gewissensnöten plagt, die aus einer anderen Zeitrechnung zu stammen scheinen. Die Bilder von Tochter Maries Ferienliebe erinnern ihn jäh an eigene Eskapaden: an die prickelnden Tage auf Sardinien, an die wollüstigen Nächte mit Vera. Und schnell macht sich Entsetzen breit, als er die Ähnlichkeit erkennen muss zwischen diesem jungen Burschen, der pikanterweise Curd heißt, und seiner Ex-Geliebten. »Vera! Wie aus dem Gesicht geschnitten.« Ist dieser Curd etwa sein eigener Sohn? Veras Brief, vor 18 Jahren geschrieben und seitdem gut versteckt, scheint seine bösen Ahnungen zu bestätigen. Und Gattin Trudi, so fragt sich Kurt - war sie ihm damals wirklich treu, in jener Zeit der erotischen Freizügigkeit und der Seitensprünge? Ist vielleicht Marie gar nicht seine Tochter?

Mit Schalk und Charme spürt Modick in seinem lebensklugen Roman den Irrungen und Wirrungen seines verletzlichen Helden nach. In leichtem Ton, der nur gelegentlich in Blödelei umkippt, knüpft der in Oldenburg lebende Schriftsteller an seine wunderbar luftige Sommergeschichte »Ins Blaue« (1985) an - und erweist sich als gewiefter Erzähler der kleinen Dramen des Familienalltags.

Klaus Modick: »September Song«. Eichborn Verlag, Frankfurt amMain; 260 Seiten; 18,90 Euro.

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