Verlorenes Paradies - DER SPIEGEL
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STEINZEIT-KULTUREN Verlorenes Paradies

Auf einer Insel vor Sumatra lebten die Bewohner noch wie in der Steinzeit. Ein Regierungsplan soll den Ansturm von Coca-Cola und Jumbo-Jets bremsen.
• aus DER SPIEGEL 38/1981
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Fast drei Jahre hat der britische Zoologe Anthony Whitten auf der indonesischen Insel Siberut gelebt. Und er geriet ins Schwärmen: »Ein tropisches Paradies, von der Zeit vergessen.«

Inzwischen hat die Zeit das Paradies eingeholt. Motorsägen fraßen sich in den tropischen Regenwald der Insel (es ist die größte der westlich von Sumatra gelegenen Mentawai-Gruppe). Missionare suchten die Insel-»Wilden« zu bekehren. Die indonesische Regierung ließ neue Dörfer bauen, aus genormten Holzhäusern, vor denen die Eingeborenen zurückschrecken. Es wiederholte sich, was zum Entsetzen der Ethnologen schon viele Male geschehen ist: Ein Menschenstamm, der (weil geographisch entlegen) noch fast unberührt auf der Stufe der Steinzeitkultur stehengeblieben war, wird plötzlich von der Coca-Cola- und Jumbo-Zivilisation heimgesucht -- und geht daran zugrunde.

Auf der Insel Siberut ist zudem eine einzigartige Pflanzen- und Tierwelt »in einem Maße von Zerstörung bedroht«, daß fraglich erscheint, ob auch nur ein Teil davon »das Ende der Dekade überlebt«, so Zoologe Whitten.

Letzte Rettung für die Steinzeit-Kultur der 18 000 Siberut-Bewohner und für die Fauna und Flora der Insel soll nun ein »Konservierungs-Plan« bringen, der gemeinsam vom World Wildlife Fund und der indonesischen Regierung unter Mitarbeit des Siberut-Experten Whitten entworfen wurde.

Das Projekt macht das ganze etwa 450 000 Hektar große Eiland zur Drei-Zonen-Insel:

* In einer 250 000 Hektar großen »Eintwicklungszone« sollen die Eingeborenen schrittweise an Lebens- und Wirtschaftsformen des 20. Jahrhunderts gewöhnt werden. Sie werden dort weiter mit Pfeil und Bogen jagen, aber gleichzeitig soll Waldland für den Ackerbau kultiviert und Holz geschlagen werden.

* In einer »Bewahrungszone«, 100 000 Hektar groß, dürfen die Eingeborenen wie gewohnt weiterleben. Kommerzieller Holzeinschlag S.259 und der Bau neuer Dörfer werden verboten. Fremde dürfen nur mit Spezialerlaubnis in das Gebiet.

* In einer dritten, 100 000 Hektar großen »Reservatzone« sollen sämtliche Pflanzen und Tiere generell geschützt sein; selbst den Eingeborenen sind Jagd und Bodenkultivierung untersagt.

Auf diese Weise, so erläuterte Indonesiens Umwelt- und Entwicklungsminister Emil Salim seinen Plan, könnte die Insel Siberut als »eigenständige Kultureinheit und gewachsenes Öko-System dynamisch« in die indonesische Inselwelt integriert werden -- wenngleich die in den letzten Jahrzehnten angerichteten Zivilisationsschäden schon nicht mehr zu tilgen sind.

Bevor Holzfäller und Missionare in Siberut einfielen, war die Insel Terra incognita, von Sumatra durch einen Tiefseegraben getrennt. Fernab jeglichen Fortschritts lebten die Eingeborenen, als hätten Museumspädagogen eine jungsteinzeitliche Anschauungs-Idylle inszeniert: Sie huldigten der Naturmacht »kina ulau« und glaubten, daß alles, Mensch und Affe, Fels und Palme, eine eigene Seele habe, die frei wandern könnte, wenn sie nur wolle.

Die Inselbewohner töpferten und webten nicht, kannten kein metallenes Werkzeug, keinen Reis, Tabak, Alkohol, kauten nicht einmal die in Südasien allenthalben geschätzte Betelnuß. Das soziale Leben spielte sich in Großfamilien ab, die jeweils tief im Dschungel ein »uma« bewohnten, ein gemeinschaftliches Langhaus, das ohne jeden Nagel errichtet und mit Palmenblättern gedeckt wurde.

Wie in der neolithischen Gesellschaft oblagen Jagd und Fischfang den Männern. Von Fleisch und Fisch, der Schweinezucht und Baumfrüchten konnten sich die Insel-Leute reichlich ernähren. Wichtiges Nahrungsmittel war das Mark der Sago-Palme, die dort »phänomenal« (Whitten) wächst -zwölf Meter hoch in nur acht Jahren.

Bis heute hat sich auf der Insel eine -- sonst verschwundene -- frühe indomalaiische Pflanzen- und Tierwelt erhalten, die nun vor dem Aussterben bewahrt werden soll: Nirgends sonst, nur auf den Mentawai-Inseln, lebt der Kloss-Gibbon, nirgends sonst hausen der Mentawai-Makak sowie der ringelschwänzige Langur und der Mentawai-Langur, die einzig beiden bekannten Affenarten der Alten Welt, die monogam zusammenleben.

Überaus rar ist allerdings schon der Ringelschwanz-Langur. Während religiöse Tabus den Eingeborenen beispielsweise die Jagd auf den Kloss-Gibbon verboten, hetzten sie den goldfarbenen Langur, wo immer er im Dschungel auftauchte, im Glauben, er könne, weil er so golden schillert, nur ein Dämon sein. Auch den unscheinbareren Bruder, den graufarbenen Langur, trafen die tödlichen Palmholz-Pfeile, die knapp unterhalb der Spitze mit einem Nervengift bepinselt waren.

Gibbons und Languren, Seekühe und Krokodile sollen nun per Gesetz geschützt werden. Doch der Raubbau am Dschungel schreitet voran: 60 Meter breite, kahle Zufahrtswege zeugen vom beginnenden Chaos in Siberuts Wäldern. Erst in Jahren laufen die Lizenzen der Holzhändler ab, die den Baumbestand der Insel praktisch unter sich aufgeteilt haben. Ein Viertel der gefällten Bäume bleibt, angeblich unverwertbar, liegen; aufgeforstet wird nicht. Die Folgen für Klima, Boden und Wasserhaushalt sind unabsehbar.

Rigoros wurde in den letzten Jahren auch die Sozialstruktur zerstört. Mit der Umsiedlung in neue Dörfer wurden die alten Großfamilien aufgelöst. Die Eingeborenen mußten, nun als Kleinfamilien, in enge Hütten umziehen, die tagsüber unerträglich heiß werden können, weil sie nicht mehr wie früher unter schützendem Blätterdach gebaut werden. »Hühnerloch« und »Schweinehaus« nennen die Inselbewohner ihre ungeliebten Unterkünfte.

Und vergangen ist der paradiesische Schlendrian. Mit dem von zahlreichen Missionaren verbreiteten Christentum ist eine neue Arbeitsmoral eingezogen. Das ausgewogene Tabu-System, das die Inselleute von alters her an der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen hinderte, gilt nicht mehr. Auch der »Konservierungs-Plan« sieht nun vor, daß die Eingeborenen in der Entwicklungszone (auf mehr als der Hälfte der Inselfläche) Baum- und Feldfrüchte, vor allem Muskatnuß und Gewürznelken, für den Verkauf anbauen.

»Bestürzt«, so schildert es Zoologe Whitten, sehen Siberuts Bewohner der rapiden Zerstörung ihrer Insel zu; sie seien »mürrisch« und »gleichgültig« geworden und »völlig hilflos« den bürokratischen Vollstreckern indonesischer Regierungsgewalt ausgeliefert.

Experte Whitten hegt denn auch Zweifel an der Wirksamkeit des regierungsamtlichen Rettungs-Projektes. »Verhängnisvoll« nennt er eine der jüngsten Entscheidungen aus Djakarta: Die Insel soll für den »anspruchsvollen Tourismus« erschlossen werden.

S.258Links: Beim Sago-Stampfen; rechts: Medizinmann beim Untersuchen vonInnereien auf günstige Zeichen.*

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