Verlustangst - DER SPIEGEL
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Verlustangst

»~Die Frau gegenüber«. Spielfilm von Hans Noever. Deutschland 1978. 103 Minuten. Schwarzweiß.
• aus DER SPIEGEL 52/1978
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vor Jahren hatte der Münchner Autor und Filmemacher Hans Noever in seiner vielbeachteten TV-Dokumentation »Bannister ist verschwunden« die Geschichte eines Ehemannes nachrecherchiert, der eines Tages wie immer zur Arbeit fuhr und seitdem für seine Familie nicht mehr auffindbar war. In seinem zweiten Spielfilm verlängert Noever die Situation fiktiv und gibt ihr eine perfide Drehung.

Nun geht es nicht mehr um die planlose Flucht aus einer als unerträglich empfundenen Ehe, sondern um deren unausweichliche Zerstörung durch Eifersucht. Das alles spielt sich im Milieu kleinbürgerlicher Enge voll von Gelsenkirchener Barock und Kulturnippes ab. Dieses deprimierende Interieur ist geschickter, bisweilen überdeutlicher Ausdruck der zwanghaften Leere in der Beziehung eines Paares.

Simon Schmidt (von dem Polen Franciszek Pieczka kantig gespielt) bringt eines Abends Kaminski, einen Arbeitskollegen, mit nach Hause und glaubt zu bemerken, wie Gesine, seine sehr viel jüngere Frau, Gefallen an dem Besucher findet. Der in ihm aufkeimenden Eifersucht geht Simon nun systematisch nach, er inszeniert ihre Begründung.

Unter dem Vorwand, eine Geschäftsreise zu machen, läßt er Gesine allein, bittet seinen Kollegen, sich während seiner Abwesenheit um sie zu kümmern, und mietet sich in einem Wohnblock gegenüber ein. Mit Fernglas und Abhörmikrophon überwacht, er die erwarteten Ereignisse.

Gesine, von ihrem väterlichen Ehemann erstmals unbehütet, versucht zunächst ihre ziellose. Einsamkeit zu zerstreuen und ergibt sich völlig dem typischen Rentner- Entertainment zwischen Einkaufsbummel und Kaffeefahrt mit anschließender Pelzmodenschau. Kaminski bringt höfliche, nicht gerade aufregende Abwechslung. Die beiden gehen in ein Witwencafé tanzen und veranstalten als Höhepunkt der Annäherung ein Austernessen.

Als Fahnder seiner eigenen Leidenschaft protokolliert Simon all diese jämmerlichen Zerstreuungen mit peinlieber Akribie. An die Wand seiner Schnüffler-Zelle hat er sein gnadenloses Motto gekritzelt: »Jemand zu lieben, muß man vorläufig vollständig versichert sein, daß nicht die geringsten Zweifel mehr übrigbleiben.«

Eifersucht trägt meistens Züge einer self-fulfilling prophecy. Denn die Ver--

* Mit Franciszek Pieczka.

lustangst, die sie treibt, schafft nicht selten erst die Gründe, die sie bestätigen. Die Gier nach Gewißheit ist leicht zu befriedigen. Ein Blick, eine achtlose Zärtlichkeit, und alle Zweifel sind dahin. So entstehen zumeist jene alltäglichen Eifersuchtsdramen, welche die Zeitungen unter »Vermischtes« führen.

Auch für Simon in Noevers Film ist eine Andeutung schon genug. Als Gesine mit Kaminski nach einem gemeinsamen Abendessen in ihrer Wohnung tanzt, erschießt er aus seinem Versteck heraus einen vermeintlichen Nebenbuhler. Er kehrt in seine Wohnung zurück und erwartet, auf dem Ehebett hockend, die Polizei.

Noever hat seinen Film in Berlin gedreht und sich von seinem Kameramann, dem Oscar-Preisträger Walter Lassally ("Alexis Sorbas"), Schwarzweiß-Bilder von dieser Stadt machen lassen, in denen die sonst trotzig hinter der sklerotischen Glamour-Fassade verborgene Mietskasernen-Tristesse aufscheint. Ganz bewußt hat er so auf Gegenkurs zu den Melodramatikern gesteuert und den leidenschaftlichen Wahn in klammgraue Atmosphäre verpackt.

Trotz manch unnötig überdeutlicher Symbolismen -- Simons Lieblingslektüre etwa sind Tom-Mix-Hefte -, trotz einiger Längen ist ihm doch ein psychologisch spannender Film gelungen, der den unaufhaltsamen Abstieg eines angstgetriebenen Sicherheitswahns in die Selbstzerstörung nachzeichnet.

Wolfgang Limmer
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