SEX Vermessene Liebe
Als die amerikanische Nationalhymne aufklang, erhob sich die Gesellschaft von den Stühlen; viele der Anwesenden legten die rechte Hand aufs Herz und senkten ergriffen den Kopf. Danach hatten die versammelten Männer und Frauen, 1000 an der Zahl, nur noch eines im Sinn - Sex.
Sie stritten über die »Zwei-Nerven-Theorie des Orgasmus«, unterhielten sich über den Gebrauch von »sexuellen Aufputschmitteln in Ayurveda«, beschäftigten sich mit dem »Paradox des verheirateten bisexuellen Mannes« und ergingen sich in langen Disputen über den Zusammenhang zwischen »Prostitution und Bevölkerungsentwicklung in Peking zwischen 1912 und 1950«.
Diskutiert wurden solch drängende Fragen über das menschliche Geschlechtsleben (und noch vieles mehr, was man schon immer über Sex wissen wollte) von der Weltelite der Sexual-Forscher, die sich Ende letzten Monats im Washingtoner Hilton-Hotel zum sechsten Sexologen-Kongreß zusammengefunden hatte - »das größte sexualwissenschaftliche Treffen, das es jemals gegeben hat«, so William Grantzig, Präsident des amerikanischen »Konsortiums für Sexologie«.
Dort enthüllten die hervorragendsten Köpfe der Zunft ihre neuesten Forschungsergebnisse: Der Wiener Ernest Borneman beispielsweise berichtete über einen bei jungen Österreichern männlichen Geschlechts langsam erwachenden »Busenneid« - eine Analogie zu der Freudschen These vom »Penisneid« junger Mädchen; der Amerikaner Wardell Pomeroy prophezeite »eine langsame Vermännlichung« des weiblichen Geschlechts sowie die alsbaldige Erfindung eines Heilmittels gegen die Todesseuche Aids.
Die Argentinierin Laura S. Caldiz referierte über den Einfluß des Falkland-Konflikts auf das Intimleben der Argentinier ("Sex-Therapie in einem krisengeschüttelten Land - Argentinien: Der Krieg im Südatlantik"), und die amerikanische Amateur-Sexologin Shere Hite ("Hite Report") entblößte publicityträchtig vor den Kameras der US-Fernsehanstalten das Wesen des amerikanischen Mannes: »Er will unter allen Umständen die Kontrolle behalten, sowohl über seine Gefühle wie über sein Auto.« Zur Erholung sahen sich die Sex-Kundler zwischendurch Pornofilme an.
Mit von der Partie waren die Nestoren der Sexualforschung - William Masters und seine Frau Virginia Johnson; sie haben in jahrelanger Arbeit akribisch mehr als 10 000 Geschlechtsakte vermessen und sodann die »Neue Sex-Therapie« begründet, die von den USA aus die Welt erobert hat wie einst Kaugummi und Coca-Cola.
Doch dem Sexologen-Paar wurde auf dem Kongreß mangelnde wissenschaftliche Potenz vorgeworfen: Ihre Therapie lendenschwacher Männer und orgasmusunfähiger Frauen sei nicht so erfolgsträchtig, kritisierten Kollegen, wie die beiden in ihren Forschungsberichten behauptet hätten.
Denn mehr noch als das Rätsel, »warum viele Sexologen homosexuell sind« (so der Amerikaner Frederick Suppe), beschäftigte die Schar der Sex-Experten die Frage, warum ihre Forschungstätigkeit weithin nicht als Wissenschaft ernst genommen wird. Sexologie sei schließlich die »theoretische Untersuchung von Sex«, basierend »auf der objektiven und systematischen Beobachtung von Liebe und Fortpflanzung«, erklärte der Deutsch-Amerikaner Erwin Haeberle, einer der Initiatoren des Kongresses.
Haeberle immerhin ist der Autor der derzeit wohl umfassendsten populärwissenschaftlichen Abhandlung über die menschliche Sexualität: Sein »Sex Atlas« (so der englische Titel), in den USA seit Jahren ein Bestseller und als Standardwerk
gepriesen, ist nun auch in Deutschland erschienen. _(Erwin J. Haeberle: »Die Sexualität des ) _(Menschen - Handbuch und Atlas«. Walter ) _(de Gruyter, Berlin; 560 Seiten; 48 Mark. )
Darin finden sich unter anderem sexualtechnische Bedienungsanleitungen nach Art des weiland Dr. van de Velde ("gleichzeitiger gegenseitiger Oralverkehr ist für beide Partner sehr angenehm"), Abhandlungen über die Sexualität in den verschiedensten Kulturen ("Griechen und Römer der Antike waren in sexuellen Dingen äußerst tolerant"), Beschreibungen der unterschiedlichsten »Formen des Sexualverhaltens« ("Verkehr mit Tieren"), Tips für die Beseitigung sexueller Störungen sowie eine Reihe nachgerade philosophischer Betrachtungen über das Wesen des Geschlechtsverkehrs: »Ein Koitus besteht immer aus einer Folge von Bewegungen, die sich zu einem geschlossenen Ganzen verbinden.«
Welcher Art die physiologischen Folgen dieser Bewegungen und anderer Formen sexueller Stimulierung sind, das interessiert derzeit die Sex-Sachverständigen über die Maßen - weg von den nebulösen psychologischen Ausdeutungen geschlechtlicher Aktivitäten, hieß die Devise auf dem Kongreß, und hin zur Reaktionsvermessung der »Exekutionsorgane« (so der Sexualwissenschaftler Edmund Bergler) mit Hilfe moderner Elektronik.
Da ertasten Sensoren bei impotenten Männern, ob sich nächtens im Schlaf nicht doch etwas regt; mit Hilfe von Meßsonden in der Vagina spüren die Sexologen der Frage nach, »ob Frauen erregt sind, wenn ihnen gar nicht bewußt ist, daß sie erregt sind«.
Und selbst an die Ungeborenen im Mutterleib haben sich die Geschlechtskundler schon rangemacht: Ultraschall-Untersuchungen hätten ergeben, berichtete die amerikanische Expertin Mary Calderone auf dem Washingtoner Kongreß, daß auch Föten schon Erektionen hätten - der Beweis dafür, wie sie meinte, »daß sexuelle Reaktionen ein Geburtsrecht sind«.
Erwin J. Haeberle: »Die Sexualität des Menschen - Handbuch undAtlas«. Walter de Gruyter, Berlin; 560 Seiten; 48 Mark.