FERNSEHEN / Telemann VERPUFFET
Am 21. Oktober 1962 tat das Deutsche Fernsehen etwas Originelles: Es stülpte sich eine Perücke auf, nannte sich »Die Associierten Teutschen Fernseh-Compagnien« und schickte das Abendprogramm des 21. Oktober 1776 gen Himmel ("Annoncentheater«, Erstes Programm).
»Ein törichter Scherz, werden Sie vielleicht sagen«, befürchtete die Ansagerin Brigitte Gerloff namens ihrer norddeutschen Intendanz - doch keinem Zuschauer wäre so Unzartes beigefallen. Weder zu Beginn, weil ja originelle Ideen in Fernseh-Funkhäusern nicht gebündelt herumliegen, noch im Verlauf, weil zwischen jeder Bildzeile zu lesen stand, wieviel archivarischen Ernst, wieviel Bemühung um historische Treue des »Annoncentheaters« Urheber, der verstorbene NDR-Intendant Walter Hilpert, an den Tag gelegt hatte.
Konnten Unernst und Torheit walten, wo Lessing mit Lessings Worten über das deutsche Theater predigte? Wo Fridericus Rex, von echten Windspielen umwinselt, seinen Leumund auf das authentischste aufpolierte? Wo, wie es in der Absage hieß, »alles so echt und wahr gewesen ist, wie es die Nachrichten der Tagesschau sind«?
Genauigkeit ließ den Damenflor des Markgrafen von Ansbach-Bayreuth »Maria Theresia Felicitas, Principessa von Modena« oder »Wilhelmine Eleonore, Fürstin von Hohenlohe-Oehringen« heißen. Genauigkeit sorgte dafür, daß die Balkonszene aus »Romeo und Julia« nicht in der uns vertrauten, ein Vierteljahrhundert später erschienenen Schlegel-Übersetzung zum Vortrag gelangte.
Und wenn - im Regionalprogramm von 1776 - die 17. Folge des Räuberdramas »Rinaldo Rinaldini« statthatte, obwohl das gleichnamige Romanvorbild des Goethe -Schwagers Christian August Vulpius erst im Jahre 1797 veröffentlicht wurde - was verschlug's? War Christian August am gedachten Sendedatum doch immerhin schon vierzehn.
All dies und die werktreue Dauerdarbietung des Singspiels »Hannchen und Christoph oder Die Liebe im Walde« von Johann Adam Hiller, 1728 bis 1804, ließen den Schluß zu: Walter Hilpert hatte vornehmlich Erzieherisches im Sinn gehabt. Der Schalk in seinem Nacken war ein verkappter Kulturreferent.
Helmut Käutner, der Regisseur des Abends, aber hatte beim Lesen des Manuskriptes erkannt, was für ein Einfall dem Autor seinerzeit gekommen war: ein kabarettistischer. Doch statt nun, zur posthumen Ehre des Verfassers, alle angeschmökerte Langeweile, auszumerzen und aus Bild- und Tonröhren ein Rokokokabarett reinsten Wassers sprudeln zu lassen, nahm Käutner die Drehvorlage als Katechismus und brachte, wann immer die Spielleiter-Muse ihn koste, kabarettistisches Schnörkelwerk an. Wahllos, ohne Rücksicht darauf, ob ein optischer Spaß einem akustischen im Wege stand.
So verpuffte ein vergnüglicher Boxkampf-Report des Sammy Drechsel ("Da saß kein vapeur dahinter!") ins Leere einer Louis -Seize-Bildstörung, oder wurde humoristischen Armseligkeiten, wie dem Pausenzeichen »Hummel, Hummel - Mors, Mors« und der Wetterkarte ("Vorhersage für morgen: Es kann auch ganz anders kommen"), unverdiente Aufmerksamkeit erzwungen. Wo jedoch die Selbstpersiflage am üppigsten hätte ins Kraut schießen können, beim Werbefernsehen, weitete sich Ödland: »Jeden Morgen, jeden Mittag, jeden Abend: Chocolat - aber nur von Johann Fürchtegott Schrader.«
Hätte er, Käutner, wenigstens das fridericianische Deutsch sorgfältiger studieret, es wäre uns eine Menge »itzt«, »gar erschroecklich« und »über die Maßen« erspart geblieben!
Fast wäre man geneigt zu befinden, ein fiktiver Fernsehabend des Jahres 1776 berge noch geringeren Gedeih als ein echter des Jahres 1962 - hätten da, neben professionellen Schabernacktreibern, nicht auch andere, zweckentfremdete agiert, deren Anblick ein Lohn war, der reichlich lohnte.
Wie höflich-erstaunt wußte »Meet the Press«-Vorsitzer Kurt Wessel mit den Augen zu kullern, so oft der König von Preußen (Karl-Heinz Schroth) aus »Histoire de mon temps« zitierte. Wie zierlich setzte Sebastian Haffner sein Auswendiggelerntes, wie bedeutend blickte Thilo Koch durch seine Lunettes. Wie anmutig schwäbelte sich TV -Astronom Rudi Kühn aus der Rolle des Professors Franz Karl Achard, 1753 bis 1821, Entdeckers der Zuckerrübe, immer wieder zurück ins Fach des Matronen-Lieblings unserer Tage. Und erst der Nachrichtensprecher Diether von Sallwitz! Welch unverwechselbare Züge plötzlich, unter gepuderter Perücke! So und nimmer mehr anders will man das Neueste vom Tage erzählt bekommen.
Nein. Ein Abend, an dem einem vermittels Rokokokostümierung demonstriert wird, was für einprägsame Köpfe in Wahrheit unsere öffentlich-rechtlichen Anstalten frequentieren - ein solcher Abend ist nicht völlig verloren.
Merke: »Sie haben es getroffen, allein, es war nur ein kleiner Blitz!« (Rudolf Kühn als Professor Franz Karl Achard.)