Verrückte Natürlichkeit - DER SPIEGEL
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TANZEN Verrückte Natürlichkeit

Exotische Tanzschulen haben Konjunktur: Vor allem Frauen lassen bei Samba und Afrotanz die Becken rollen. *
• aus DER SPIEGEL 50/1987
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Die Augen geradeaus. Kopf hoch und lächeln«, mahnt der Karibe Ian Douglas, auf dessen Trainingsanzug »I am a Dancer« steht. Die Beine weit gespreizt, geht er in die Knie und stößt sein Becken zu afrikanischen Trommelrhythmen vor und zurück. »Move your hips«, ruft er und gleitet geschmeidig durch den kahlen Tanzraum. Seine zehn Schülerinnen hüpfen hinterher, redlich bemüht, ihr Becken afrikanisch stoßen und schwingen zu lassen.

Die ungewohnten Bewegungen des Afro-Dance fand eine der Elevinnen, eine Hamburger Pädagogin, zunächst recht »unanständig«. Belebt in Becken und Beinen, macht ihr der Tanz, der den Körper »auf ganz natürliche Art« trainiert, inzwischen »totalen Spaß«.

Der Spaß findet wöchentlich in einem Hamburger Tanzstudio statt und kostet monatlich 60 Mark. »unsere Afro-Kurse«, sagt Leiterin Ute Bredehorst, »sind restlos ausgebucht.« Der erdverbundene Exotentanz fasziniere viele, vermutet sie, weil er kraftvoll, emotional und nicht so stilisiert sei wie Jazztanz oder Steppen.

Für Gastdozent Ian, der seine Version des Afro aus Barbados mitbrachte, ist es eine Philosophie. »Es gibt nur einen Rhythmus, das ist der Rhythmus des Lebens.« Der Vortänzer sieht die Dinge des Lebens mit schlichtem Charme: »Entweder du bist drinnen, oder du bist draußen.« Die meisten, so der 24jährige Schwarze, sind draußen.

»Sehr steif und verkrampft« findet auch Maria do Soccoro die meisten Deutschen. Um dem abzuhelfen, lehrt die Brasilianerin die Kunst des Sambatanzes. Im Hamburger Studio »Bel etage« stampfen ihre Schüler zu schnellen Rhythmen auf nackten Sohlen, schütteln die Schultern und lassen das Becken beben. Bei ruhigeren Zusammenkünften zeigt Maria do Soccoro Dias vom Karneval in Rio und erläutert die Ursprünge des Samba. Ähnlich wie beim Afrotanz wurden die Grundschritte des wilden Samba von Sklaven entwickelt. Die dynamischen Bewegungen aus der Hüfte und die »shakes« im Oberkörper erfordern große Lockerheit.

Eine Hamburger Krankengymnastin kam vor drei Jahren aus einem akuten Mangelgefühl zum Samba: »Ich sah Brasilianer tanzen und fühlte mich steif wie ein Bügelbrett.« Eine 29jährige Biologin gehört schon zu den Fortgeschrittenen und war gerade beim ersten deutschen Samba-Festival in Berlin.

Die Lust, Becken und Beinen exotisch-erotischen Schwung beizubringen,

ergreift immer mehr Menschen, vor allem Frauen. Maria do Soccoro, die zwischen München, Berlin, Stockholm und Helsinki als Tanzlehrerin pendelt, stellt eine zunehmende Begeisterung fest. Fred Traguth, Initiator der jährlich stattfindenden »Internationalen Tanzwerkstatt Bonn«, verzeichnet ebenfalls ein großes Interesse an exotischen Tänzen. Traguth: »Was die Leute so verrückt macht, ist diese Natürlichkeit.«

In der Düsseldorfer »Werkstatt«, deren Angebot von 100 Kursen und Workshops wöchentlich rund 1300 Teilnehmer aus dem ganzen Bundesgebiet anzieht, verteilen sich emsige und schweißnasse Tänzer gleich auf mehreren Etagen. Gutgebaute Schwane wie Bebe Quali und Cheikh Tidiane Niane lehren afrikanische Brautschau- und Kriegstänze oder den Temate-Tanz, der an der Elfenbeinküste nach der Ernte vollführt wird.

Die Berliner Fachzeitung »tanz aktuell« widmete dem Trend zur Exotik ihre jüngste Ausgabe. Mitherausgeber Johannes Odenthal: »Es gibt eine Szene, die die Tänze benutzt, um sich einfach abzureagieren, und es gibt Leute, die mit einem wirklichen Interesse an der entsprechenden Kultur tiefer einsteigen.«

Der exotische Kulturimport erreicht überwiegend Frauen. Dabei täten den Männern, so Afro-Vortänzer Ian Douglas, mehr Lockerheit in Kopf und Becken auch ganz gut: »Die sind ja noch kontrollierter und können oft noch schlechter loslassen«, weiß der Schwarze aus Erfahrung.

Gerade der Kopflastigkeit wollen Afro und Samba entgegenwirken. Die Schüler, verkrampft in Hintern und Gemüt sollen sich völlig losgelöst der Musik hingeben, um zu erleben, zu welcher Grazie und Anmut ihr schwerfälliger Körper fähig ist. Mit verbissenem Ehrgeiz kommt man nicht weiter.

Das gilt auch für orientalische Tänze, die bereits Anfang der achtziger Jahre auftauchten und sich weiterhin großer Popularität erfreuen. Zunächst als Mittel gegen Hüftspeck propagiert, benutzten später viele Frauen den Bauchtanz als

ureigenste weibliche Ausdrucksform für ein neues Selbstbewußtsein.

Von Frauen für Frauen solle er getanzt werden, schärfte Bauchtänzerin Nahema, mit bürgerlichem Namen Erika Kwiatkowski, ihren Schülerinnen bei einem Kursus in der »Werkstatt ein. Den frauenbewegten und keuschen Überbau hält eine bauchtanzerfahrene Germanistin für falsch: »Dadurch wird die Erotik intellektuell verbrämt und entschärft. Die 30jährige findet es zwar albern immer der »neuesten Exotik hinterher zuhampeln«, um auf diesem Weg Natürlichkeit und Spontaneität zu lernen, sie plädiert aber dafür, »den Leuten ihren Spaß zu lassen und nicht alles immer gleich als Kunstform anzupreisen«.

Eine Düsseldorfer Graphikerin, die bei der Arbeiterwohlfahrt den Nabel kreisen ließ, Bauch an Bauch mit einer 70jährigen Großmutter, die den Kursus von ihren Enkeln geschenkt bekam, erinnert sich an die Ermutigungen ihrer Lehrerin: »Denkt an euren Sultan«, lautete der Rat, wenn der Hüftschwung nicht so recht klappte. Doch das pure Vergnügen am lustvollen Beckenkreisen ist bei einigen Anbietern verpönt. Werkstatt«-Leiter Bertram Müller erhofft sich von den Tänzen eine umfassende Kulturvermittlung, die über bloße Freizeitbeschäftigung hinausgeht. Es ärgert ihn, daß manche das Flair des Exotischen einfach nur chic finden.

Michael Lehmann vom »Bel etage«- ist ganz anderer Ansicht. Als trendbewußte Menschen in den vergangenen Jahren Therapien aller Art anpackten, sagt er, sei häufig »Heulen und Zähneknirschen« ausgebrochen. Die bundesweite Hüpfbegeisterung sei dagegen für viele eine Form der Selbsterfahrung, die »einfach Spaß macht«. Er findet es nicht weiter tragisch, daß auf der Modewelle jede Menge »Gruppenfreaks und Selbstdarsteller« mitschwimmen. Auch der bauchtanzerprobten Graphikerin mißfallen Mittänzer, die andächtig von neuem Körpergefühl und Selbsterkenntnis reden und zugleich mitleidig auf andere blicken, denen diese Offenbarungen nicht zuteil werden: »Die kommen sich irre kreativ und sexy vor.«

Manche Tanzteilnehmer treibt ihre Begeisterung so weit daß sie bei jeder Gelegenheit ekstatisch zucken. So begegnen einer Düsseldorfer Modemacherin immer häufiger Frauen, die mit unbewegter Miene selbstvergessen Bauch- und Afrotänze vorführen - zu höchst andersartiger Musik: »Die machen sich doch, urteilt die 26jährige, »zur Ulknummer auf jeder Party.«

Aller Voraussicht nach wird das bunte Treiben zunehmen. »Werkstatt«-Leiter Müller überlegt bereits, weitere Kultur ins Programm zu nehmen: rituelle japanische und chinesische Tänze und vielleicht auch russischen Kasatschok. Für deutsches Kulturgut ist inzwischen auch wieder gesorgt: Beim »Sobi«-Zentrum in Bielefeld wird ein bayrisches Schuhplattlerseminar angeboten.

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