PSYCHOLOGIE Versteckte Eier
Nicht ohne Stolz« kommt Wolfgang Marx, 40, Professor am Institut für Psychologie der Universität München, auf »Feldexperimente« zu sprechen, auf »ungewöhnlich lebensnah gestaltete Situationen«, die er 1978 in einem Münchner Studentencafe arrangierte.
Marx placierte fünf Versuchspersonen an weitverstreute Tische des Lokals und ließ sie, auf ein verabredetes Signal hin, alle gleichzeitig die Kellnerin zum Zahlen rufen. Dann notierte der Psychologe die Reihenfolge, in der die Bedienung den Wünschen nachkam, und stoppte die Zeit, bis der letzte Gast abkassiert war.
Der letzte war immer eine »T-Person«, ein Mensch, der es gewöhnt ist, übersehen zu werden, und deshalb »im täglichen Leben ein meist eher unerfreuliches Mauerblümchen-Dasein« führt: spät wahrgenommen von Kellnerinnen und den Chefs; vergeblich bemüht, in Geschäften, bei Partys oder in Amtsstuben das normale Maß an Aufmerksamkeit zu erregen; bei Beförderungen oft übergangen und fast immer »vergessen«, wenn es um Dank, Lob oder Präsente geht.
T-Personen, sagt Professor Marx, leben wie der Nibelungenheld Siegfried unter einer Tarnkappe. Im Extremfall seien T-Personen für ihre Mitmenschen
gleichsam Luft, man blicke durch sie hindurch, ohne ihre Anwesenheit und Gebärden zu registrieren.
Um diese Hypothese zu stützen, hat sich Marx weitere Experimente ausgedacht. In einer Untersuchung stellte er jemand aus der Gruppe »überdurchschnittliche T-Begabung« ("definiert als Personen, die mehr als 100 Punkte auf der T-Skala erreichen") an eine Bushaltestelle zu den Wartenden. Andere, nicht eingeweihte Versuchsteilnehmer wurden dann aufgefordert, die wartenden Fahrgäste um eine Auskunft zu bitten - den T-Mann fragte niemand.
Daß »extreme T-Begabungen« zu ganz unwahrscheinlichen Tarngängen fähig sind, hat Marx unlängst durch ein weiteres Experiment nachgewiesen. Er schickte »eine weibliche T-Person in einem Bikini in ein Haus, in dem gerade eine Cocktail-Party stattfand«.
Niemand nahm die ungebetene Schöne bewußt wahr, doch »eine Reihe von männlichen Gästen« begann sogleich, »sich intensiv um Damen zu bemühen, die sie vorher kaum beachtet hatten«. Dieses Balzverhalten stützt die Marxsche Vermutung, daß der T-Effekt, »da aus tiefen Schichten des Unbewußten aufsteigend, eher auf Lustgewinn abzielt als auf praktische Verwertbarkeit«.
Nur bei Taschendieben glauben die T-Experimentatoren an eine berufsspezifische Nutzung des Tarneffekts, dessen »phantastische militärische und geheimdienstliche Möglichkeiten« bisher nicht einmal »andeutungsweise reflektiert« worden seien.
Das könnte bald anders werden. Das Echo auf seine Veröffentlichung zum T-Effekt, von Marx in der Fachzeitschrift »Psychologie heute« publiziert, gibt dem Gelehrten die Zuversicht, daß seine Entdeckung bald zu den allgemein anerkannten Phänomenen der Psychologie gehören wird.
Fachkollegen fordern bei ihm Sonderdrucke und weiterführende Literatur an; Studenten bitten, über den T-Effekt promovieren zu dürfen; ratsuchend wandte sich die Frankfurter »Deutsche Bibliothek« an Marx, denn bei ihr laufen die Literaturwünsche zum Tarnthema zusammen. Frage an Marx: »Können Sie uns helfen?«
Er kann - denn Marx hat den T-Effekt nicht nur beschrieben, sondern auch von A bis Z erfunden, samt aller Beispiele und Literaturstellen.
Einen Jux wollte er sich machen, der Professor Marx, »eine Science-fiction im wahrsten Sinne des Wortes« schreiben. Solch akademischer Spaß steht vor allem in angelsächsischen Ländern in hohem Ansehen. In den USA erscheint sogar eine wissenschaftlich aufgemachte Jux-Zeitschrift, das »Journal of Irreproducible Results« (SPIEGEL 11/1981).
Marx jedenfalls wird die Leute, die er rief, nun nicht mehr los. Ihn erreichen »bewegende Briefe« von Leuten, die den T-Effekt seit langem an sich selbst beobachtet haben, aber »nicht mit einem
Wort belegen oder einordnen« konnten. Von Flensburg bis Südtirol sprechen ihn Kollegen auf das Phänomen an.
Daß der Ulk für bare Wissenschaft genommen, der Nonsens ohne Zaudern als gesicherte Erkenntnis akzeptiert wird und bereits im Schrifttum der Psychologen auftaucht, hat Marx erst »sehr verblüfft«, dann jedoch zu neuen, diesmal echten Erkenntnissen verholfen.
Erstens, sagt Marx, sei das Leben ohnehin komischer als das, was man sich ausdenken könne. Zweitens gehe es vielen Zeitgenossen offenbar nicht darum, die Wahrheit herauszufinden, sondern nur um »Argumente für die eigene Position: Sie finden die Ostereier, die sie selber versteckt haben«.
Drittens, schließlich, habe »auch der Verstand seine Moden": Derzeit halte man in der Wissenschaft eben »alles für möglich«, auch das Okkulte und Paranormale. Deshalb seien Studenten Horoskop-Leser, und deshalb auch interessiere sich das Publikum vor allem für Psycho-Themen, die irrational schillern.
Womöglich ist die Wende schon in Sicht. Unter der strengen Anrede »Herr Marx!« hat den gelehrten Spaßmacher die Schülerin Sabine Krüger aus Bokel in Niedersachsen brieflich wissen lassen, daß es den T-Effekt in Wirklichkeit nicht gibt.
Doch der Professor, gewöhnlich ganz brav mit der trockenen psychologischen Semantik beschäftigt und deshalb seinem abwechslungsreichen T-Humbug von Herzen zugetan, hält das Phänomen weiter am Leben.
In die neueste Ausgabe von »Wer ist Wer?«, dem deutschen Ableger von »Who's Who«, ließ er als seine einzige wissenschaftliche Leistung den Tarn-Ulk eintragen: »Marx, Wolfgang, Entdecker des T-Effekts.«