LITERATUR Verstummt, versteinert
Heidenreich, 57, lebt als freie Autorin in Köln; zuletzt erschien von ihr das Kinderbuch »Sonst noch was« (1999). Beyer, 53, lebt als Bankkauffrau in Markgröningen bei Ludwigsburg; »Rauken« ist ihr erster Roman. -------------------------------------------------------------------
Auf der ersten Seite dieses Romans verfolgt das Kind Vroni mit stummem Entsetzen die Zeremonie der letzten Ölung - die kleine Oma liegt im Sterben, und es kommt Vroni so vor, als würde sie mit dieser Salbung durch den Priester endgültig hinübergestoßen in den Tod, denn Gottes Hand darf man doch nicht ungestraft zurückweisen.
Das schmale Buch »Rauken« von Claire Beyer beginnt mit dem Tod, und der Geruch von Tod und Zerstörung begleitet es durch seine 130 Seiten - Gottes Hand, die ist weit weg. Ein kleines Dorf im Allgäu, ein tyrannischer Großvater ist das Oberhaupt einer Familie, in der nie gelacht, getröstet, gefeiert, in der nicht geliebt wird. Es ist die Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg:
Altes, gebeuteltes Land. Enge überall, hart wie der Fels sein Gott und seine Menschen. Wer so viel für ein Stück Brot arbeitete, hatte keine Kraft für Revolutionen. Glaube und Furcht, die in Wurzeln steckten, Krankheiten vom bösen Blick zahnloser Weiber, Lachen, das höhnisch widerhallte von kargen, baumlosen Felswänden, Tränen, die in Furchen ihren Weg zum Herzen suchten, und kalte Winde, im Unheil geboren. Die Frauen trugen Kinder lange über die Zeit in sich, Knechte waren die Männer, geschunden das Vieh für ein Maul voll Gräser über Pfade und Schluchten.
»Die Frauen trugen Kinder lange über die Zeit in sich« - was für ein Satz: Er macht Angst, schließlich gibt es fürs Kinderaustragen seit alters her eine bestimmte Frist. Hier scheint nicht einmal die zu gelten, so als wollten die Frauen ihre Kinder im Mutterleib schützen vor dem, was sie erwartet. Denn sind sie erst geboren, ist Vroni erst einmal da, unerwünscht, dann hilft niemand mehr. Der Vater schlägt zu, die Mutter verstummt und versteinert.
Vielleicht sind die Menschen hier wirklich so kalt, vielleicht ist ihr Leben wirklich so hart, vielleicht sind ihre Gefühle karg und weggepackt.
Vielleicht muss das alles in dieser Gegend so sein. Aber vielleicht war es auch der Krieg, der die Menschen derart verkrüppelt, ihnen jedes Gefühl für Leben und Tod genommen hat. Wohl eine ungute Mischung aus beidem - wo man eh nicht viel spricht, lieber still leidet oder brutal zuschlägt, da kommt es auf uniformierte Machtmenschen und verordnetes Morden auch nicht mehr an, und wenn der Krieg dann vorbei ist, behält man doch seine erprobten Methoden bei.
Vroni ist mit Pierre, Sohn einer zugereisten jüdisch-russischen Familie, befreundet, aber der »Kommunisten- und Judenanhang« wird aus dem Dorf verjagt, desgleichen der ehemalige russische Kriegsgefangene Ivan, der sich zwar halbtot schuftet, aber dem Kind Vroni beisteht - was ihn nichts angeht, also weg damit.
Was Vroni liebt - Glasknöpfe, eine Puppe, Malstifte -, das wird vom Vater zerstört. Wen sie liebt, der wird vom Großvater vertrieben.
Die Mutter schweigt, flüchtet sich in die Depression, das Kind duckt sich, lernt wie ein kleines Tier die Gefahr zu wittern, bei Angst unsichtbar zu werden.
Es geht nicht immer. Mit Peitschenhieben zwingt der Vater sie, die Tiere so liebt, Fleisch zu essen. Sie hört die Schreie der Tiere, die vom Großvater - Metzger, Bürgermeister, Bäcker des Dorfes - geschlachtet werden. Tod überall, der Tod fast auch in der Seele dieses misshandelten Kindes.
Es überlebt in der Luftblase einiger weniger Freundschaften, es findet kurzen Frieden in der Natur, bei den Tieren, und so vergehen sieben Jahre, bis das Kind Vroni dreizehn ist, ein junger, geschundener Mensch auf dem Weg zum Erwachsenwerden, der sich plötzlich dem Vater in den Weg stellen und ohne Angst sein kann.
Und in diesem Augenblick wandert der Splitter, den der Krieg in des Vaters Kopf hinterlassen hat, millimeterweise weiter und macht den großen Mann zum hilflosen Krüppel. Da sitzt er nun vor Vroni, »so nahe, dass sie seine Hände berühren könnte«, aber Berührung ist schon längst nicht mehr möglich. Die Generation der Kriegseltern hat viel Frost in die Herzen der Kinder gesenkt. Bitterkeit ist die vorherrschende Stimmung, bitter wie die Rauke, die wir damals als den Salat der armen Leute gegessen haben - heute liegt sie, schick geworden, als Ruccola mit Parmesan auf den Tellern.
Vronis verlorener Freund Pierre ist einmal traurig darüber, dass eher aus Rauken Rosen werden, als dass er so Klavier spielen könnte wie Mozart. Aus Vroni kann auch keine Rose mehr werden, sie bleibt bittere Rauke, aber es ist eine Bitterkeit, die man essen, mit der man leben kann.
Claire Beyer, 53, erzählt in ihrem Debütroman in dichten, beklemmenden Bildern ohne Kitsch und Wehleidigkeit ein todtrauriges Stück deutscher Geschichte.
Das ist wie ein Schnitt mit dem scharfen Messer - es schmerzt zunächst nicht, aber es blutet sofort. Sie erzählt brillant von Tätern und Opfern, und, ja, eher werden Rauken zu Rosen, als dass unsere Elterngeneration je begreift, was sie uns mit ihrem Schweigen, ihren grauen Gesichtern und ihren Schlägen angetan hat.
Mehr als 50 Jahre muss man wohl alt werden, um darüber endlich derart eindringlich schreiben zu können.