Der Amerikaner Bill Viola, 41, zählt international zu den phantasievollsten Video-Künstlern. Die elektronische Bildtechnik ist seit fast 30 Jahren auch ein Kunstmedium, das Fernsehen ironisieren und Ausstellungsbesucher live auf den Bildschirm holen kann. Doch Viola möchte die Technik möglichst elegant kaschieren. Das Medium soll wie selbstverständlich seinen Visionen dienen. *GESCHICHTE-2 *ÜBERSCHRIFT:
Flimmern im Brunnen *UNTERZEILE: SPIEGEL-Redakteur Jürgen Hohmeyer über den Video-Künstler Bill Viola *
Als zehnjähriger Junge wäre Bill Viola beinahe in einem Bergsee ertrunken. Dieser Augenblick tödlicher Gefahr - das fast schon jenseitige Gefühl unter Wasser, das panische Strampeln empor zur Atemluft - muß sich ihm tief eingeprägt haben. Aber bewußt daran gedacht, sagt der nun 41jährige Künstler, habe er lange Zeit überhaupt nicht.
Erst vor drei Jahren war die Erinnerung an das frühe Schreck-Erlebnis zurückgekehrt. »Manchmal«, philosophiert Viola und lacht kurz auf, »sind Dinge, die wir vergessen, wichtiger als solche, an die wir uns erinnern.«
Neuerdings ist das Schlüsselmotiv kaum noch zu übersehen: Menschliche Gestalten, die unter Wasser ruhen, schweben oder mit den Fluten ringen, geistern zahlreich durch Violas Arbeiten. Es sind merkwürdig traumhafte Visionen zwischen Leben und Tod, doppelt merkwürdig dadurch, daß sie in einem hochmodernen, technischen Medium auftauchen. Violas Kunstwelt ist ein Kosmos bewegter Videobilder.
Der Mystiker als Ingenieur, das könnte die Leitfigur einer ebenso rationalistischen wie geheimnissüchtigen Zeit sein. Für einen Künstler von Violas Generation, einem Amerikaner zudem, hat diese Personalunion auch nichts Auffälliges. Ihm war der Strom elektronisch produzierter, elektronisch manipulierbarer Figurationen von vornherein ein unbedingt »natürliches« Ausdrucksmittel. Nach Grenzerfahrungen der Seele suchend, will er auch »Überschneidungen von innerer, äußerer und elektronischer Welt« gefunden haben. Daraus entstanden »Nie gesehene Bilder«.
Diesen Titel trägt jetzt die große Viola-Ausstellung in der Kunsthalle Düsseldorf, die eine fast 14monatige Europatournee vor sich hat*. Sie präsentiert sieben große Installationen, sämtlich aus den vergangenen zwölf Monaten, sowie ein Bildschirmprogramm mit Videobändern seit 1976. Der Künstler, dessen Ansehen in Kennerkreisen längst gefestigt ist und der auch in Deutschland schon an etlichen Großausstellungen beteiligt war, tritt mit einer Fülle von Werk-Varianten vors große Publikum.
Bilderflut, geflutete Bilder: In einem verdunkelten Kabinett stehen sieben große Metallfässer voll Wasser. Auf dem Grund jeder Tonne liegt ein Monitor. Er zeigt, in bläulichem Lichtschimmer, eine schlafende Person - jedesmal ist es eine andere.
Vor diesen witzigen und doch auch bedrängend-unheimlichen »Schläfern« _(* In Düsseldorf bis 28. Februar, danach ) _(in Stockholm, Madrid, Lausanne / Genf ) _(und London. Katalog 148 Seiten; 35 Mark. ) mag der Besucher seine Gedankenverbindungen vom Mutterleib bis zum Märchenbrunnen, von traulicher Geborgenheit bis zu klaustrophober Isolation knüpfen. Viola findet, Naturerscheinungen seien »fast ihrem Wesen nach metaphorisch«, besonders aber Wasser, jenes lebenspendende und -bedrohende Element, das seine Form ständig verändert, das Bilder spiegelt und verzerrt und dessen Oberfläche die Welt in eine nasse und eine trockene Hälfte teilt.
Er demonstriert das, im Nachbarraum, mit einer knapp postkartengroßen Projektion und der Überzeugungskraft eines pädagogisch talentierten Physiklehrers: Die Unterwasserkamera in einer leerlaufenden Badewanne spaltet das Bild horizontal auf, sobald der Wasserspiegel das Objektiv erreicht. Aber irgendwie ist es natürlich der Strom des Lebens schlechthin, der da in den Abfluß gurgelt.
Denn das miniaturhafte Wannen-Video steht ja in einer Reihe ("Was nicht ist und das, was ist") mit sechs weiteren Motiven - etwa zerbrechendes Glas, ein Felsbrocken, der scheinbar ewige Dauer zur Schau stellt, ein Mensch gemächlich unter Wasser treibend, ein anderer im hektischen Kampf gegen Strudel.
Das psychische Trauma vom Beinahe-Tod durch Ertrinken schlägt in dramatische Bilder um - so im Mittelteil einer kinoleinwandgroßen »Triptychon«-Installation, so in Sequenzen von Violas jüngstem, 54 Minuten langem Videotape, dessen Titel »The Passing« einen »Übergang« vor allem als »Hinscheiden« meint. In beide Stücke sind Unterwasserszenen aus demselben Aufnahmematerial einmontiert, aus dem der Künstler schon im Sommer dieses Jahres seinen bisher wohl großartigsten Wurf gewonnen hat: sein Documenta-Werk »Der Bogen des Aufstiegs«.
Ein Mann springt ins Wasser - die Szene wurde, unter tönendem Rauschen, auf einer sieben Meter hohen Gazefläche geheimnisvoll verfremdet, endlos gedehnt und schließlich, auf den Kopf gestellt, zum Emporschweben umgedeutet. Zwischen Höllensturz und Himmelfahrt entscheidet ein Computertrick. Oder vielmehr: der in seiner Sphäre allmächtige Kunst-Schöpfer.
Auf dem Triptychon kämpft nun ein Unterwassermann pathetisch mit wallenden Laken - wie ein Alpträumer oder ein lebend Begrabener. So weht etwas vom Faltenwurf barocker Heiligenfiguren herein, und bewußt stellt sich Viola mit der Form des Drei-Tafel-Bildes in die Tradition abendländischer Malerei. Die Seitenflügel zeigen in trockenem Dokumentarstil links die Geburt eines Kindes, rechts eine ausgezehrte Greisin im Krankenhausbett - Violas Mutter kurz vor ihrem Tod.
Diese Gegenüberstellung wird in einer anderen Installation, »Himmel und Erde«, zur knappen Pointe zurechtgefeilt: Schirm gegen Schirm spiegeln zwei Monitore das Bild der Sterbenden und das eines Neugeborenen, des zweiten Viola-Sohnes Andre, ineinander. Selbst wer keine besonders wunderbare Fügung darin erblicken kann, daß der inzwischen einjährige Junge just neun Monate nach dem Tod seiner Großmutter zur Welt gekommen ist, muß des Künstlers Ergriffenheit angesichts elementarer Lebensvorgänge respektieren. Auch die technisch aufwendige Installation ist ein Stück Autobiographie.
Viola, der herzlich-offene Typ, nach Düsseldorf selbstredend mit Familie angereist, hat von Kind auf beides gehabt: Sinn für technische Medien und den Hang zu meditativer Versenkung.
Daheim in New York wuchs er mit Tonbandgerät und Schmalfilmkamera auf. Als Kinogänger und Fernsehkonsument hatte er schon vor dem College »15 Jahre Erfahrung mit Bildern«. Aber wenn er zu Weihnachten den Klassenraum dekorieren sollte, dann zog er sich zurück: »Jetzt kann ich nicht mit euch spielen.« Allein in der Ecke zu sitzen, das war''s - »dann kommt das Werk«.
Die Kunst kam, beim einschlägigen Studium, mit aktuellen Techniken. Zu malen erschien Viola »fast unnatürlich«, es gelang ihm auch nicht besonders gut. Er versuchte sich in elektronischer Musik und war erleichtert, als eine Videokamera aufkam, die Teamwork entbehrlich machte.
Dieses Gerät hat den Künstler bis in Wüsten begleitet, jene klassischen Offenbarungsstätten für westliche und östliche Eremiten. In der tunesischen Sahara nahm er 1979 irreal anmutende Luftspiegelungen auf und holte sie mit dem Teleobjektiv formatfüllend näher, als ob ein Bild des Farbfeldmalers Mark Rothko in brodelnde Bewegung geraten wäre.
In jeder Himmelsrichtung über unbegrenzte Ebenen hinzublicken und dabei jedes Distanzgefühl einzubüßen gab Viola die Empfindung ein, er sei »im Traum eines anderen Menschen« gefangen. Aber zugleich wurde ihm bewußt, daß er derartige Bilder auch elektronisch im Studio erzeugen könnte. 1981 zog er nach Südkalifornien, um in der Nähe einer Wüste zu leben.
Reisen von Japan bis zu den Fidschi-Inseln hat Viola unternommen, ethnologische, mythologische und mystische Lektüre absolviert, gestellte und dokumentarische Szenen zu lockeren Bildfolgen von erheblicher Dauer gereiht - Videokunst, räumt er ein, erfordert beim Betrachter »ein gutes Auge und gutes Sitzfleisch«. Aber wenn einige seiner Bänder sogar in Videoshops gehandelt werden, grämt es den Urheber doch wenig, daß er damit »nicht ganz so populär wie Steven Spielberg« ist.
Früher hat er stärker die Tricks des Mediums ausgespielt, beispielsweise 1979 beim Sieben-Minuten-Tape vom »spiegelnden Becken« ("The Reflecting Pool"): Der Künstler - der damals den Bergsee-Schock seiner Kindheit noch verdrängte - springt als Hauptdarsteller hoch über die Wasserfläche empor, bleibt aber wie festgebannt schwebend in der Luft, ehe seine Gestalt sich schemenhaft auflöst und schließlich, nackt, doch unversehrt, der Flut entsteigt.
»The Passing«, das jüngste Band, hat bei aller Rätselhaftigkeit auch einen Einschlag von Kinofilm. Es zeigt, in einer Art mehrfach unterbrochener Rahmenhandlung, den unruhig in seinem Bett schlafenden, immer wieder aufschreckenden Viola. In Traumsequenzen gleiten dann Bilder wie die der sterbenden Mutter, eines planschenden Kindes und einer menschenleeren Ruinenstadt vorüber. Zum romantischen Schluß liegt der Schläfer ruhig auf dem Grund eines Gewässers.
Kein Happy-End könnte stimmungsvoller sein: Nun ist Viola, in der Kunst, glücklich doch ertrunken.
* In Düsseldorf bis 28. Februar, danach in Stockholm, Madrid,Lausanne / Genf und London. Katalog 148 Seiten; 35 Mark.