Carl Zuckmayer über Karl Valentin: "Sturzflüge im Zuschauerraum" VOLKSSÄNGER, WEITER NICHTS
»Ein Volkssänger, weiter nichts«, so nannte er sich selbst, und er unterschätzte sich nicht. Ein Münchner Volkssänger, fügte er gern hinzu, und das meinte keine provinzielle Begrenzung. Er wußte genau, daß er sich damit einen hohen Rang zusprach und abverlengte, den höchsten in seinem Betracht, der das Geniale und Meisterhafte mit einbezog.
Wer war Karl Valentin? Schwer, den Jüngeren von ihm zu erzählen, die ihn nicht mehr gesehen haben. Noch schwerer, das Wesen seiner speziellen Komik zu definieren -- sich selbst und anderen klarzumachen, warum und worüber man damals gelacht hat, auf diese besondere Weise gelacht, bei der man das Gruseln lernte, ohne daß irgend etwas Gruseliges, Grausiges oder »Schockierendes« geschah. So wie ein Kind im Zirkus über das Hinfallen und Herumwatscheln eines Clowns aus vollem Hals lachen kann, und plötzlich zu Tode erschrecken, wenn der Clown ihm seine weißgemalte Gesichtsmaske zuwendet, in der zwei Auglein funkeln.
Vielleicht ist es mit wirklicher großer Komik so, daß sie uns immer an die Grenze führt, wo das »Verrückte« beginnt, das mehr als Närrische, und uns die dünne Schicht ahnen läßt, die das vernunftmäßig Geordnete, anscheinend Sinnvolle, von dem bodenlosen Chaos des Unsinns trennt. Bei allen großen Komikern, ich denke an Pallenberg, an Chaplin, mehr noch an Buster Keaton, erfährt man unterm panischen Gelächter diesen Schauer, dieses Erschrecken, diese Beklemmung, wie man sie -- ohne die Erlösung des Lachens -- in einem Irrenhaus empfindet.
Karl Valentin war ein großer Komiker -- vielleicht der erstaunlichste unter all den eminenten Gestalten, die wir in diesem Jahrhundert gesehen haben, und was gab"s da zu sehen! Ich will nur, des Vergleichs halber, außer den oben Genannten ein paar Besondere erwähnen: Da war Victor Arnold, ein ganz leiser, stiller Zwerchfellerschütterer, ich sah ihn mit 13 Jahren als »Thisbe« in einer Gastspielaufführung des Reinhardtschen »Sommernachtstraum«, und mir blieb das Lachen Im Hals stecken (das war 1909, und er nahm sich 1914 das Leben, weil er, bei Kriegsausbruch, die Welt zu traurig fand, um noch komisch zu sein); dann die Illustren Clowns: Grock, die Rivels, die Bronnes, die klassischen Fratellinis im Cirque d'Hivers, der russische Pantomimiker Dimitri; Schauspieler wie Romanowsky und Hans Moser; Erich Carow, mit seinen Geniegrotesken fast ein Berliner Gegenstück zu Valentins bayrischer Tragikomödie.
Er, Valentin, war ein ganz originaler, ganz eigenständiger, produktiver Künstler, gerade weil er durchaus ein »Volkskomiker« war. Aber was ist ein Volkskomiker? Es gibt so viele Arten, vom Wiener Wurstl über Max Linder und Fernandel bis zu -- wem? Man sieht heute kaum mehr einen, nicht einmal im Format eines Harold Lloyd, weder im Film noch auf der Bühne. Woran liegt's? Der populärste Filmkomiker, heutzutage, Ist ein Volkswagen: »The love bug«. Seltsam.
Auch Weiss Ferdl war ein bayrischer Volkskomiker, sogar ein guter, sogar ein politischer, und doch mit Valentin gar nicht zu vergleichen, dessen unvergeßliche, unveränderliche Maske, die sein eigenes Gesicht war, eine melancholisch-hypochondrische, tief pessimistische, unendlich hintergründige und dabei doch naive, wahrhaft einfältige Persönlichkeit verbarg. Was macht die Streiche des Eulenspiegel komisch? Daß er die Worte wörtlich nimmt und immer so handelt, als gäbe es keinen Doppelsinn, als sei alles so gemeint, wie es gesagt ist, wodurch sich die Fragwürdigkeit, der partielle Unsinn alles Gesagten enthüllt. Etwas Ähnliches war in der Wirkung von Valentins selbstgedichteten Szenen zu spüren -- ich nenne sie ohne Zögern »gedichtet«. Natürlich gehörte zur Wirkung Valentins und zu ihrer vollen Realisierung auch sein Münchner Publikum, das er am tiefsten verstand, und von dem er selbst, jede seiner Gesten und seiner Sprachnuancen, völlig verstanden wurde. Schon in Berlin war er nicht mehr ganz derselbe.
Zuerst ging man hin, weil man gehört hatte, es gäbe da etwas, in der Au, später in der Schellingstraße, etwas Urbayrisches, nur in München zu sehen. Das war die Zeit, als der Student Brecht, noch unbekannt, ungespielt, in Valentins Szene »Oktoberfest« die Flöte blies, schon mit der Schirmmütze in der Stirn. Man lachte zunächst, wie man bei den ganz frühen Slapsticks von Chaplin gelacht hatte, unbefangen -- bis man auf einmal den Blick bemerkte, mit dem Valentin einem ihm versehentlich entflohenen Trompetenton nachsah.
Er konnte einem Ton nachsehen. Er sah ihm nach, »mit einem kaum beschreiblichen Ausdruck der Bestürzung, als könne er nicht fassen, wo der Ton hergekommen war, wo er hin wollte. Er war bestürzt, betroffen von dem Geschehnis der Akustik, die er -- mit diesem Blick -- optisch zu begreifen suchte. Sein Nichtbegreifen war das der menschlichen Hilflosigkeit, dem Geschehnis des Daseis gegenüber. Dabei aber hob er einen langen, dürren Finger, deutete zaghaft hinter dem Ton her und schaute dabei halb schuldbewußt, halb hinterfotzig seinen schimpfenden »Kapellmeister« an (Liesl Karlstadt mit Bart und vorgebundenem Bauch), als wolle er sagen, oder vielleicht sagte er es: »Den fangst nimmer ein.« Und in diesem aus Blick und Geste komprimierten Darstellen der Hilflosigkeit, der Befremdung und ihres dummschlauen, boshaften Quittierens war der ganze Valentin. Man lachte Tränen.
Der Vergleich mit Nestroy, schon durch die seltsame körperliche Ähnlichkeit und die Wortspielkunst naheliegend, ist oft betont worden; doch scheint es sich mir eher um eine entfernte Verwandtschaft als um eine Nachkommenschaft zu handeln. Valentin ist und bleibt naiv, Nestroy nie. Nestroy verarbeitet Literatur, ironisiert sie in Form der populären Herrschaft-Dienerschaft-Komödie -- Valentin die Straße. Berührt er Literatur, in Couplets über Expressionisten etwa, ist es Ulk, nicht Parodie.
Was er parodiert, ist linguistisch, ist das Gerede seiner Mitmenschen, eines Handwerkers, eines Professors, eines Politikers, un.d vor allem: sich selbst. Sein unerschöpfbares Modell. Nie hat er sich, wie Chaplin, davon überzeugen lassen, daß er eine »Mission« habe, daß er ein Revolutionär, ein Gesellschaftskritiker, ein Philosoph sei. Er ist, was er dichtet, und dichtet, was er ist -- auch wenn er den lieben Gott auffordert, die Menschheit, falls er sie nicht ersäufen wolle, schleunigst erfrieren zu lassen. Dies im Zweiten Weltkrieg. Doch gibt es bei ihm Prosastücke, Monologe, von einer vollkommenen Absurdität, von ihm selbst als »Blödsinn« bezeichnet, die jede bewußt absurde Zeitliteratur in die Ecke stellt.
Solche Stücke und Szenen stehen in reicher Fülle in dem neuen, überaus dankenswerten Valentin-Band »Sturzflüge im Zuschauerraum«, den der Piper-Verlag mit dem etwas rilkehaften Untertitel »Der gesammelten Werke anderer Teil« herausgebracht hat. Man findet darin sehr frühe Produktionen (1908) ·und sehr späte, aus seiner letzten Zeit (1946). Außerdem bessere, aufschlußreichere Valentin-Photos als im ersten Band. Das ist sehr wichtig, denn diese Dialoge und Monologe, Couplets und Kurz-Komödien sind in hohem Maß an die Person des Darstellers, auch seiner Partnerin, gebunden. Man kann sie lesen, aber man kann sie nicht wie einen Nestroy oder Molière, die auch ihre eigenen Hauptdarsteller waren, mit anderer Besetzung nachspielen. Tonfall, Gestik, Physiognomie sind unwiederholbar und versinnlichen die Sprache mit einem Kolorit, von dem heute nur die alten Valentin-Filme und -Sprechplatten einen schwachen Abklatsch reflektieren.
Man wird seine Werke lesen, und auch dabei wird man »Tränen lachen« und Unnachahmliches entdecken. Aber die Bilder gehören dazu. Da ist eines, als »Recke Heinrich« (der ewig verdrossene, ewig blamierte Recke), auf dem ei in geradezu erschreckender Weise Max Pallenberg ähnlich war, mit dem er sonst kaum eine Verwandtschaft hatte. Ein anderes zeigt ihn in einer Drehpause im Filmatelier, erschöpft, trübsinnig -- er war bei solchen technischen Reproduktionen besonders scheu und verhemmt.
Und dann ist das letzte Bild in diesem Band, das zeigt ihn selbst, privat, im Regenmantel, mit seinem Hund Bobsi. Es ist ein ergreifendes, ein unendlich liebenswertes Porträt, So habe ich ihn gekannt.