AUTOREN Vom täglichen Wettlauf mit dem Tod
Der erste Satz beginnt: »Angenommen, es gibt einen Punkt A und einen Punkt B, und um von A nach B zu kommen, musst du ...« So schlicht und geradeaus wie eine Denksportaufgabe kann, wer es kann, eine Erzählung anfangen. Doch so bleibt es nicht. Rums! geht es weiter: » ... musst du eine freie Strecke überwinden, die für einen geübten Heckenschützen gut einzusehen ist.« Hinterrücks fühlst du als Leser dich von der Höhe der geometrischen Abstraktion hinabgestoßen in Not und Todesgefahr, also Realität, da es doch heißt: Du musst!
Nur 28 Zeilen braucht dieser Text, bis ein Ende erreicht ist: »Manchmal spielen die Heckenschützen mit den Angeschossenen und schießen ihnen die Knie, die Füße oder die Ellbogen weg. Es sieht aus, als wetteten sie untereinander, wie weit ihr Opfer noch kommen wird, bevor es verblutet.«
Sarajevo im Kriegszustand, Frühsommer 1992. Die Erzählerin, die sich an Punkt A befindet, eine junge Bosnierin namens Aida, ist privilegiert im allgemeinen Elend; sie arbeitet als Cutterin für einen internationalen TV-Pool, der per Satellit die Sender der westlichen Welt beliefert: »Ich bekomme täglich Material für zwei bis drei Stunden, in der Hauptsache Blut und Gedärme und abgetrennte Glieder. Ich schneide es auf 15 bis 20 Minuten zusammen, die dann den unsichtbaren Menschen übermittelt werden, die daraus - falls es Nachrichtenwert hat - einen Bericht von ein bis zwei Minuten Länge schneiden.«
Die schlimmsten Momente (von denen Aida weiß, dass sie ohnehin niemals gesendet würden) behält sie für sich und schneidet sie zu einer »Montage von Todesattraktionen« zusammen, zu einem Videoband, das sie versteckt hält und (in Erinnerung an den Film »Cinema Paradiso") ihr »Cinema Inferno« nennt.
So rührt diese Erzählung, indem sie keine Unmittelbarkeit vortäuscht, sondern nur zerschnittene Bilder und Bildschnipsel beschreibt, mit grausam den Blick schärfender Distanz an den tagtäglichen Horror jenes Krieges, der - wie kurz, wie lang ist es her! - in unserem Hinterhof stattfand und, näher noch, auf unseren Bildschirmen. Ohne diese Bilder wäre das alles längst wie nie gewesen, auch davon handelt die Erzählung (sie hat den harmlosen Titel »Eine Münze"), und von der gehetzen Affäre Aidas mit einem amerikanischen Kameramann - der Begriff »to shoot« bezeichnet ja nicht nur das Handwerk des Heckenschützen, auch das des Fotografen.
Das erste Wort der Erzählung heißt »Angenommen«, weil es sich nicht wirklich um Berichte von Aida selbst handelt, sondern um Aufzeichnungen eines jungen Mannes aus Sarajevo, der einsam wie ein Schiffbrüchiger in einer Bruchbude in Chicago haust. Seine Phantasie kreist sehnsüchtig-fiebrig um Aida in der belagerten Stadt, und seit ihn durch die Verschärfung der Zustände keine Post von ihr mehr erreicht, imaginiert er (auch mit Hilfe von Fernsehbildern) Aidas Leben zu Hause: Er will nicht, dass ihn die Vorstellung übermannt, sie könnte, wo Leben und Tod wie Hase und Igel sind, schon verloren sein: »Mir graut vor der Tatsache, dass das Leben immer langsamer ist als der Tod.«
Diese verdoppelnde Fiktion gewinnt eine halluzinierende Dichte und Dringlichkeit, wenn die Bilder sich überlagern. Der Mann in Chicago, der auf seiner Matratze liegt und, drohend ein Messer schon in der erhobenen Hand, einen Kakerlak belauert, der sich von A nach B über den Fußboden bewegt, fühlt sich gottähnlich: Hat der Kakerlak, fragt er sich, vielleicht eine »Ahnung, dass der Blick des Höchsten Scharfschützen auf ihm ruht?«
Der junge Mann in Chicago könnte Jozef Pronek heißen, denn in Aleksandar Hemons Prosaband »Die Sache mit Bruno"*, dessen Erzählungen durch kleine, wie Fallstricke wirkende Details ineinander verhakt sind, folgt auf das alptraumhaft-
eindringliche Stück »Eine Münze« gleich als nächstes die tragikomische Erzählung
»Der blinde Jozef Pronek & die Toten Seelen«. Dieser Titel ist der Name einer bosnischen Blues-Band, deren Frontmann Jozef Pronek heißt, auch als Zeitungsschreiber oder Literat tätig und keineswegs blind ist, oder doch nur in einem vertrackteren metaphorischen Sinne.
»Wie waren alle blind«, sagt in einem Interview Aleksandar Hemon, 36, über seine Generation von Intellektuellen damals in Sarajevo, »wir waren alle blind, während vor unseren Augen zum Krieg gegen uns gerüstet wurde.« Einer dieser heimlichen Aufrüster, so Hemon, war sein Lieblings-Literaturprofessor, der sich unvermutet zu einem führenden Karadzic-Propagandisten mauserte, angeblich die Niederbrennung der Bibliothek von Sarajevo anstiftete und sich am Ende, als Kriegsverbrecher verfolgt, selbst erschoss. Da hatte sein Schüler Hemon schon als politischer Asylant eine neue Bleibe in Chicago gefunden, wo er heute noch lebt.
Die Geschichte vom »blinden« Jozef Pronek beginnt am 26. Januar 1992 in dem Augenblick, wo dieser Pronek erstmals den Boden der USA betritt, als Gast irgendeiner Kulturaustausch-Organisation, auf deren Kosten er »in seiner Eigenschaft als freiheitsliebender Schriftsteller« ein paar Wochen lang im Land herumgekarrt werden soll. Etwa jeder zweite Mensch, den er kennen lernt, versichert ihm, die USA seien »das großartigste Land der Welt«, und etwa jeder zweite fragt ihn als nächstes: »Welche Mannschaft möchten Sie im Superbowl siegen sehen?« Gelegentlich muss der Bosnier hinnehmen, als »Russki« etikettiert zu werden, und bei einem Dinner begrüßt ihn die Dame des Hauses aufmunternd: »Wir mögen Kundera. Er kommt auch aus der Tschechoslowakei.«
Gelegentlich trifft Pronek Leute, die etwas besser informiert sind, nicht nur über die Geografie, auch über die Lage in und um Sarajevo. »Was seid ihr bloß für Typen?«, muss er sich dann anhören, oder, während er sich innerlich vor Entsetzen wie vereist fühlt: »Also wirklich, was soll denn die ganze Scheiße?« Und auch: »Es ist haarsträubend. Jahrtausende voller Hass, das ist es wohl.« Nur einer legt sich anders ins Zeug: der Autor von Proneks Lieblingsfilm »Apocalypse Now«, John Milius. Der offeriert ihm eine dicke Zigarre und tatkräftige Hilfe: »Scheiße, ich ruf General Schwarzkopf an, der soll sich mal darum kümmern. Wird Zeit, dass wir denen Feuer unter dem Arsch machen.«
Als der Tag der geplanten Heimreise kommt, ist Sarajevo umzingelt, und der bosnische Schriftsteller Jozef Pronek beschließt, in den USA zu bleiben und ein amerikanischer Schriftsteller zu werden.
Dies ist, wie es scheint, im großen Ganzen (und vielleicht auch in allen hirnrissigen Details) die Geschichte von Aleksandar Hemon, der Anfang 1992 als Gast in die USA kam, als Asylant blieb und ein amerikanischer Schriftsteller wurde. »The Question of Bruno« ist sein erstes Buch, und darin verfolgt er mit dem Blick des Amerikaners - und mit einem ironischen Unterton, wie ihn der Amerikaner Vladimir Nabokov liebte, wenn er sich über die Tollpatschigkeit eines Neuankömmlings aus Osteuropa mokierte - die Anfänger-Abenteuer seiner literarischen Spiegelfigur Pronek. Der bringt sich (ganz wie Hemon selbst) anfangs illegal über die Runden, als Tellerwäscher, Müllmann, Putzmann, Kellner, während er sich bis in seine Alpträume hinein in der Eroberung einer neuen Sprache verausgabt - das Vorbild Joseph Conrad oder Vladimir Nabokov vor Augen. Hemon hat sich auf Gedeih und Verderb in diese neue Identität gerettet, das gibt der amerikanischen Initiation seines Jozef Pronek eine wunderbar verzweifelte Lustigkeit und Virtuosität.
Gelegentlich, auch das sei gesagt, ist seine in harter Schinderei erworbene Sprachkunst nicht frei von einer gewissen Koketterie, einer gewissen prunkenden Lust am Feuerwerk der Metaphern (doch gegen solche Versuchungen war nicht einmal Nabokov gefeit) - und bei einem gröber schnitzenden, mit geringerer Finesse operierenden Autor als Hemon wäre es gar nicht die Mühe wert, zu monieren, dass ein Übersoll sich mitunter in ein Manko wendet.
Von dem Jung-Literaten Hemon, wie er in den späten achtziger Jahren in Sarajevo aufgetreten sein mag, ist schwer ein Bild zu gewinnen. Literatur kommt von Literatur. Dass ihn Kafka und Camus früh beeindruckt haben, sagt er selbst. Dass ihm Borges vielleicht noch wichtiger war, ist zu erkennen an seiner Art, aus einer Konstruktion ein Geheimnis hervortreten zu lassen, und dass den stärksten, wirksamsten Einfluss auf ihn der überragende jugoslawische Autor jener Jahre hatte, Danilo Kis, ist unübersehbar. Später, in den USA, mag ein Traumziel hinzugekommen sein: Nabokovs vollkommen unangestrengte Eleganz. Hemons spezifische, oft verführerische und manchmal grandiose Erzählkunst entspringt natürlich erst daraus, wie durch diesen Fundus von Formen hindurch eine ganz eigene Erfahrung Gestalt gewinnt.
Der einzige schon vor etwa zehn Jahren in Jugoslawien publizierte Text, den Hemon (vielleicht verändert) in den Band »Die Sache mit Bruno« übernommen hat, ist manchen Stücken aus der »Enzyklopädie der Toten« von Kis nachbarlich verwandt. Die Erzählung »Leben und Werk des Alphonse Kauders« stellt mit surrealem Witz in Zitaten und anekdotischen Miniaturen eine Jahrhundertfigur vor, von der man nie zuvor gehört hat.
Kauders sei, so heißt es da, Verfasser einer epochalen »Bibliografie des Forstwesens, 1900 bis 1948«, siebenfach verheiratet und auch sonst obsessiv von der Ziffer Sieben verfolgt ("Kauders musste einmal sieben Tage lang auf allen Vieren kriechen, denn er war von siebenundsiebzig Bienen in den Penis gestochen worden"), Gesprächspartner von Tito und Stalin, auch von Goebbels und Hitler und Eva Braun (zu ihr sagte er: »Geld ist nicht alles. Es gibt auch noch Gold"), ferner Waffenfetischist, Kunstfurzer und Pornomane. Kauders ist in die Historie eingegangen als der Erste, der es wagte, zu Stalin »Nein!« zu sagen. (Stalin hatte ihn gefragt: »Hast du eine Uhr, Genosse Kauders?")
Was dieser Kauders-Nummer bei aller parodistischen Bravour fehlt, ist natürlich die Seele, der Schmerz, die existenzielle Notwendigkeit, also Hemon selbst. Mag sein, dass er an dem frühen Stück hängt, weil zwei Figuren darin schon auftreten, die fortan beharrlich immer wieder durch seine literarischen Phantasien geistern: der serbische Jahrhundert-Attentäter Gavrilo Princip in Sarajevo und der deutsche Sowjetspion Richard Sorge in Tokio.
Eine von Hemons Erzählungen imaginiert die letzten Sekunden des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand: Sein Blick aus der Kutsche streift über den Pferdearsch vor ihm, der sich langsam öffnet wie die »Blende einer Kamera«, um einen Apfel herauszudrücken, fällt dann auf einen Mann in der Menge am Straßenrand, der ein Akkordeon an die Brust gedrückt hält, und schließlich - im Moment, bevor ihn das Mündungsfeuer blendet - auf das Bürschchen, das mit einer Pistole auf ihn zielt. Der Mann mit dem Akkordeon war (während auf der anderen Seite neben Princip angeblich Kauders stand) angeblich der Urgroßvater von Aleksandar Hemon, der an diesem Tag als Einwanderer aus der Ukraine nach Bosnien gekommen war, wo er dann blieb.
Eines der ironischen Erzählziele des ganzen Buchs ist die Mythisierung der »Nomadensippe der Hemons«, von deren Stammvater aus der Bretagne es heißt, er sei einst mit Napoleons Armee in den Osten gezogen und habe nach manchem Malheur in der Ukraine sein Lebensglück gefunden. Diese überüppige und übermütige »Hemoniade« (wie der Autor selbst sie nennt) gipfelt in einem Versöhnungsfest, zu dem der bosnische Familienzweig den serbischen, der sich inzwischen Hemun schrieb, im Sommer 1991 nach Sarajevo eingeladen hatte. Das Riesenbesäufnis muss in einer Riesenkeilerei explodiert sein, doch der Erzähler (offenbar Aleksandar selbst), der die Feier mit einer Videokamera festhalten sollte, war zu besoffen, um sich an den Ausgang zu erinnern. Einmal mehr also ist der beschreibende Hemon-Blick ein Kamerablick, doch der mehrfach umkopierte Videofilm, den seine Eltern (inzwischen ebenfalls in Amerika) als Familienschatz hüten, flirrt und flimmert zum Ende hin und »wird plötzlich von einem blendenden Blau überflutet«.
Über Aida, die Fernseh-Cutterin, die als kostbarstes Kleidungsstück eine kugelsichere Weste trägt und sich die Haare so kurz wie Jeanne d''Arc geschnitten hat, um ihren Kopf den Heckenschützen als kleineres Ziel erscheinen zu lassen, ist aus einem nach dem Krieg spielenden Text zu erfahren: Sie hat ihren täglichen Wettlauf gegen den Tod von A nach B überlebt, hat geheiratet und ein Kind bekommen.
»Die Sache mit Bruno« hingegen ist und bleibt ein Geheimnis nach Borges-Manier. Auf Seite 217 fragt eine sehr alte, sehr verwirrte Dame mit einer tätowierten Nummer auf dem Unterarm plötzlich aufgeregt: »Wo ist Bruno?« und bekommt die Antwort: »Beruhige dich. Bruno ist nicht mehr unter uns.« Vermutlich ist Bruno 1942 von der SS erschossen worden, denn vermutlich ist einer von Hemons frühen Lieblingsautoren gemeint: Bruno Schulz.
Der Übersetzer Hans Hermann hat die Klippen und Anspielungsfallen der Hemonschen Prosa durchwegs elegant gemeistert. Den simmelmäßigen Titel der letzten Erzählung allerdings, »Solange es Menschen gibt«, versteht nur, wer weiß, dass dies vor gut 40 Jahren der deutsche Kinotitel eines Films von Douglas Sirk war. Im Original heißt der Film wie die Erzählung, die von Kindheitserinnerungen handelt, wunderbar vieldeutig und für Hemons Kunststücke beinahe programmatisch »Imitation of Life«.
* Aleksandar Hemon: »Die Sache mit Bruno«. Deutsch von HansHermann. Albrecht Knaus Verlag, München; 288 Seiten; 38 Mark.