LITERATUR Von Träumen vergiftet
Eigentlich geht es den beiden blendend: Frank hat einen gut bezahlten Job in der Stadt, der ihn nicht sonderlich beansprucht; April, seine schöne, junge Frau, ist mit den Kindern beschäftigt, pflanzt Rabatten in den Vorgarten und serviert abends Aperitifs. In den fünfziger Jahren erschien es jungen US-Bürgern als ein Leichtes, ein glückliches Leben zu führen - wenn denn ein Haus auf dem Land, Karriere, wachsender Wohlstand und Gesundheit in ihrer Summe Glück ergäben. Und wenn nur die Romane nicht wären, die ihren Lesern seit jeher zeigen, wie kompliziert das Leben ist. Auch Frank und April haben so allerhand gelesen. Sie haben die Köpfe voller Kritik am ruhigen Gleichmaß der Bourgeoisie; sie träumen von Europa und wollen Existenzialisten sein, sie haben Angst zu verspießern und machen sich - nicht ohne Mühewaltung, aber letztlich erfolgreich - das Leben zur Hölle.
Richard Yates'' Roman »Zeiten des Aufruhrs«, 1961 erstmals in den USA erschienen und jetzt neu ins Deutsche übersetzt, ist typisch, wenn nicht programmatisch für jene feinsinnige amerikanische Entlarvungsprosa - seit Theodore Dreiser und Upton Sinclair die handfeste Gesellschaftskritik etabliert haben, die John Updike, Philip Roth und Kollegen in jeweils ihrer Weise fortsetzen. Yates (1926 bis 1992) entlarvte nicht nur die Gesellschaft als bewusstlos und verlogen, sondern auch deren Kritiker; insofern ist er ein Vorbild gegenwärtiger Autoren. Manches aus seinem Roman würde ein heutiger Lektor kürzen, weil es ihm allzu bekannt vorkommt. Das hat, paradoxerweise, womöglich mit Yates'' großer Wirkung zu tun: Denn »Zeiten des Aufruhrs« galt in den USA, so Richard Ford in seinem Nachwort, als eine Bibel für den Schriftstellernachwuchs. Trotz seiner manchmal biederen Erzählweise zieht dieser Roman die Leser in Bann; wahrscheinlich deshalb, weil Yates bei allem Scharfsinn und trotz analytischer Kühle mit seinen Helden sympathisiert - diesen verzweifelten jungen Leuten, die mehr aus ihrem Leben machen wollen und die von ihren Träumen vergiftet werden wie weiland Madame Bovary von den ihren.
Richard Yates: »Zeiten des Aufruhrs«. Aus dem Amerikanischenvon Hans Wolf. Deutsche Verlags-Anstalt, München; 376 Seiten; 24,90Euro.