Vor Eichmann wird gewarnt
Respekt für den Hauptdarsteller Hans Michael Rehberg und den Regisseur Dieter Giesing, aber Berührungspanik vor dem »bösen« Thema: Nach der Uraufführung von Heinar Kipphardts »Bruder Eichmann« im Münchner Residenztheater erkannte die Kritik, von links bis rechts, als ihre höchste Pflicht, das Publikum davor in Schutz zu nehmen, daß es in Eichmann einen Bruder erkennt. Kipphardt »versucht uns einzureden, daß Eichmann ein Mensch wie wir alle sei«, entrüstet sich »Die Welt«, und die »Frankfurter Rundschau": »Die Bühnen seien gewarnt, sich leichtfertig auf dieses Stück zu stürzen.« »Politische Einäugigkeit« diagnostiziert die »FAZ«, »Heuchelei und Unwahrhaftigkeit« die »Welt«. Die Einsicht, die Kipphardt gewollt hat und die im Theater entsteht, darf offenbar auf keinen Fall sein: Eichmann »vermag Sympathien für sich zu erwecken« ("Frankfurter Rundschau"), er wird verständlich; darin steckt, so die »Süddeutsche Zeitung«, eine »gefährliche Attraktion«.