Vor Liebe verrückt - DER SPIEGEL
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LITERATUR Vor Liebe verrückt

• aus DER SPIEGEL 10/2003
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Antonio Muñoz Molina, 46, gehört neben Rafael Chirbes und Javier Marías zu den bedeutendsten Prosaisten Spaniens. Nun erzählt er von einer missglückten Leidenschaft: Mario López, von Beruf technischer Zeichner in der Stadtverwaltung des spanischen Provinznestes Jaén, geht so gut wie nie aus. Denn der Andalusier vom Land neigt zum Erröten und schleppt einen Minderwertigkeitskomplex mit sich herum. Mit seinen 29 Jahren droht er in Einsamkeit und Langeweile zu versinken, als ihn die Kollegen eines Abends in eine tosende Discothek mitschleppen. In dieser Gegenwelt stolpert er fast über eine attraktive, aber hilflose junge Frau, die mit allzu viel Alkohol, Nikotin und Aufputschmitteln voll gepumpt und nur noch ein wimmerndes Häuflein Elend ist. Mario leistet Erste Hilfe, bringt Blanca, wie sie heißt, nach Hause, päppelt sie auf - und verfällt der jungen Frau in einer Amour fou von fataler Einseitigkeit. Blanca nämlich kommt aus gutem Hause, fühlt sich kulturell zu Höherem berufen und betet die Gurus der lokalen Kunstschickeria an, die Mario ein Graus sind. Auch wenn sie seiner stillen, aufopfernden Beharrlichkeit endlich nachgibt, ihn aus Sicherheitsstreben sogar heiratet, nimmt sie den Ehemann nicht für voll. Sie sucht erotische Kicks als Groupie von Möchtegernkünstlern - bis Mario, vor Liebe buchstäblich verrückt, sich die abwesende, erträumte, liebevolle Blanca wenigstens im Wahn erschafft. Der tragikomische kleine Roman des großen Erzählers Muñoz Molina verbindet feine psychologische Beobachtung mit satirischem Scharfblick.

Antonio Muñoz Molina: »Siesta mit Blanca«. Aus dem Spanischenvon Willi Zurbrüggen. Rowohlt Verlag, Reinbek; 112 Seiten; 14,90Euro.

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