THEATER Vorsicht, Kamera!
Es fällt einem, da es Klaus Kinski nicht mehr gibt, nicht leicht ein Schauspieler über 40 ein, der den Satz »Ich bin 27, und ich weiß, dass ich ein Kind bin« mit so engelhafter, entwaffnender Innigkeit sagen kann, dass er glaubhaft klingt.
Martin Wuttke kann es, wirklich, und dadurch wird, obwohl man ihm doch grundsätzlich fast alles zutraut, sein Alleingang im Rollenfach des »reinen Toren« zum Ereignis: Er verausgabt sich als jener parzivalhafte oder gar jesusmäßige Traumtänzer Myschkin, Dostojewskis »Idiot«, über alle Erschöpfung hinaus, und er fügt der Figur einen Zug hinzu, den man nur »chaplinesk« nennen kann: Zu Beginn führt er hochakrobatische Variationen des Themas Auf-einer-Banane-Ausrutschen vor, und gegen Ende hüpft er wie ein Springteufelchen treppauf, treppab über eine hohe chinesische Bodenvase, bis er sie dann, geradezu erlösend, mit einem spitzen Kick erledigt. Weiter so, Wuttke!
Jeder Künstler, der dazu nicht zu dumm ist, gerät naturgemäß von Zeit zu Zeit in eine Phase, wo das Interesse an der eigenen Produktion erschlafft, weil es naturgemäß immer schwieriger wird, sich selbst zu überraschen. Der Theatermacher Frank Castorf hat in solchen Momenten gelegentlich sein Heil in der Schreihalsigkeit angeblich hochaktueller Romane (von Michel Houellebecq oder Tim Staffel) gesucht, mit denen er auf der Bühne dann eigentlich nichts anfangen konnte.
Er hat sich jedoch - nun, nach »Dämonen« und »Erniedrigte und Beleidigte«, zum dritten Mal - kraftvoll am eigenen Schopf aus dem Depressionssumpf gezogen, indem er sich auf einen der Wälzer von Fjodor Dostojewski warf, in denen nichts Hochaktuelles steckt, sondern nur das Ewigmenschliche in emphatischster Form: Da wird zwar ausschweifend über Christentum, Kapitalismus und die Unmöglichkeit irdischer Gerechtigkeit schwadroniert, doch eigentlich geht es (jedenfalls in Castorfs Sicht) um die erregende Unverträglichkeit zwischen eher exaltierten Weibern und eher masochistischen Männern.
Der reiche junge Fürst Myschkin, ein Softie und Frauenversteher, wie er im Buche steht (allerdings mit der angeblich irgendwie »heiligen« Krankheit der Epilepsie geschlagen, wie Dostojewski selbst), gerät, weil er es in seinem grenzenlosen Gutmenschentum jedem recht machen möchte, in die Bredouille.
Einerseits himmelt er die jüngste der drei liebreizenden Töchter eines Generals an, die (in Castorfs Version) nicht standesgemäß häkeln und sticken, sondern unter Leitung ihrer gestrengen Mama (Sophie Rois) als Hobby-Nihilistinnen Molotow-Cocktails basteln, andererseits aber rivalisiert er mit seinem bürgerlichen Busenfreund Rogoschin (Bernhard Schütz) um eine unwiderstehliche Femme fatale, eine Art Kameliendame von St. Petersburg, die sich selbst, als ihr bisheriger Gönner ihr den Laufpass gibt, meistbietend versteigert - Rogoschin trumpft mit einem 100 000-Rubel-Paket auf, cash auf die Kralle, der Fürst jedoch hält mit einem Heiratsantrag dagegen.
Machen wir's kurz, auch wenn es schwer fällt: Da Myschkin beim besten Willen auf dieser unvollkommenen Welt nicht beide heiraten kann, die so verführerisch fatale Nastassja (Jeannette Spassowa) und die so liebreizend resolute Aglaja (Cordelia Wege), nimmt - nach einer farbigen, fesselnden Überfülle von Nebenereignissen, in denen die Akteure nicht nur bildlich, sondern auch buchstäblich baden - die programmierte Katastrophe ihren Lauf.
Zunehmend hat Frank Castorf in seinen letzten Produktionen Geschmack am Einsatz von Videokameras gefunden, und so mag es konsequent erscheinen, dass er sich nun von seinem unentbehrlichen, unvergleichlichen Ausstatter Bert Neumann Bühne samt Zuschauerraum mit einer Einheitsdekoration hat zubauen lassen, die das Theater zu einem Videostudio macht.
Das Publikum auf einer sich drehenden, dreistöckigen Tribüne mit 230 Plätzen hat bis zu vierstöckige Häuserfassaden vor sich, hinter denen in vielerlei Zimmern und Zimmerchen die Dostojewski-Aufführung im Wesentlichen stattfindet - sichtbar für jene, die gerade günstig sitzen, sind manche Szenen wenigstens teilweise durch ein Fenster, das meiste aber nur, da all diese Schauplätze mit Kameras bestückt sind, für alle auf Bildschirmen allüberall. »Big Brother« lässt grüßen.
In der Urzeit des Fernsehens, als es noch keine Aufzeichnungstechnik gab, wurden ganze Schauspiele aus so komplizierten Dekorationen live gesendet. Der Fortschritt bei Castorf, wenn es denn einer ist, besteht darin, dass nun das Publikum mitten im Studio thront. Was als Befreiung der Schauspielkunst daherkommen möchte und zweifellos an manchen Ecken und Enden isolierte Momente von aufregender Emotionsdichte möglich macht, fängt sich selbst in der Falle einer verschachtelten Illusionsmaschinerie. Einen solchen Pyrrhussieg sieht man nicht alle Tage.
Die Premiere zeigte rundum die Unfertigkeit dessen, was Filmleute einen »Rohschnitt« nennen, doch ein gewisses Gestolper und Gestümper hat ja für den Antiperfektionisten Castorf seit je eine eigene Qualität. Sei's drum! Sechs Stunden Theater, das beinahe wie echtes Fernsehen aussieht - das ist für kontinente Enthusiasten eine Feuerprobe: Da muss man durch. URS JENNY